Manfred Arndt, Mit Gewinn alt werden
Die Kritik an der männlichen Rolle hebt besonders die einseitige Orientierung an Macht, Leistung und Stärke hervor. Zu den Schattenseiten der traditionellen männlichen Identität gehören die Erfahrung von Ohnmacht, Versagen und Schwäche. Wenn es im männlichen Lebenslauf vielleicht auch über weite Strecken gelingen mag, diese Seiten durch verstärkte Anstrengungen fernzuhalten, so werden sich diese Erfahrungen unvermeidlich mit dem Älterwerden einstellen.
Insofern liest sich das hier anzuzeigende Buch von Manfred Arndt wie eine Vorrausschau auf Veränderungen, die jeden Mann früher oder später treffen werden. Die Anzeichen des Älterwerdens zur Kenntnis zu nehmen, äußerliche Verwandlungen wie Haarausfall, Zahnprobleme, Gedächtnisstörungen und andere gesundheitliche Beeinträchtigungen, den Verlust der Berufsrolle und von kollegialen Beziehungen, das Sterben von Eltern, Freunden und Bekannten, fällt schwer, werden sie doch wie der Verlust eines Besitzes erlebt, dessen man sich lange Zeit sicher fühlen konnte. Nun erscheinen sie wie ein beginnender Verfall und Vorzeichen eines letzten Lebensabschnitts und des in Sicht kommenden Lebensendes.
Diese Verlusterlebnisse stellen schwere Kränkungen für denjenigen dar, der traditionellen männlichen Orientierungen verhaftet geblieben ist. Was ist das Leben noch wert, wird sich derjenige fragen, der bisher zu ausschließlich auf Arbeit und Leistung gesetzt hat, wenn das Arbeitsleben zu Ende geht?
Manfred Arndt sieht außer dem Verlust von Jugendlichkeit, Spannkraft und Potenz auch die anderen Möglichkeiten, die dieser Lebensabschnitt bereithält. Im Voralter, d.h. in der Zeitspanne zwischen 55 und 65 stellen sich dem, der darauf achtet, viele Fragen: nach dem eigenen Gewordensein, das erst im Rückblick prägnant wird, nach dem, was sich vorrausschauend sehen läßt von dem, was auf einen zukommt. Sich diesen Fragen zu stellen und Antworten zu suchen kann den Älteren reifen lassen. Arndt hebt diesen Weg der inneren Wandlung ab von anderen Möglichkeiten, die das Älterwerden eröffnet: die Fortsetzung der beruflichen Aktivität in ehrenamtliche Tätigkeiten, den Genuß der Mobilität in Reisen und anderen äußeren Aktivitäten.
Die Chancen weiterer Entwicklung und Reifung wird jedoch nur ergreifen können, wer sich wie der Autor auf die veränderte Lebenssituation des Älterwerdens einlässt und sich deren Herausforderungen stellt. Wer sich hingegen in der traditionellen Männlichkeit verhärtet wird den heraufziehenden Verfall der körperlichen Fitness, der sexuellen Potenz, das Berufsende und möglicherweise Krankheit, Hilfe- und Pflegebedürftigkeit und die eigene Endlichkeit wie eine einzige Niederlage mit Starrsinn oder Protest von sich zu weisen versuchen.
Auch wenn Frauen öfters erwähnt werden macht mir das Buch eher den Eindruck eines Männerbuches. Hier spricht ein Mann aus seiner männlichen Erfahrung und bringt diese mit einer für ihn charakteristischen Nachdenklichkeit zur Sprache. Insofern ist es vor allem ein empfehlenswertes Buch für Männer, die ihr Älterwerden verstehen möchten.
Hans Stapelfeld