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23 von 26 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Rückblick!, 25. April 2009
Gleichsam mit einem Blick von außen schaut die Erzählerin dieser Geschichte auf ihre Schwester, die nach dem Schulabschluss kurz vor der Wende zu Hause geblieben ist in einer öden Grenzstadt der DDR nahe der polnischen Grenze am Stettiner Haff.
In trocken formulierter Weise berichtet die namenlose Icherzählerin von der Trostlosigkeit, die in dieser für die Angehörigen der Volksarmee aus dem Boden gestampften Betonsiedlung herrschte. Wie in der Verbannung musste man sich dort wohl fühlen!
Die Erzählerin war die jüngere Schwester, die im Fahrwasser der älteren schnell vorwärts kam, keine Hürden kannte, und offensichtlich schon bald aus der häuslichen Trübsal zu besseren Ufern aufzubrechen wusste.
Sehr schön und atmosphärisch eindrucksvoll ist die resignierte Haltung zu erspüren, mit der sich die Menschen ihrem leeren und abwechslungslosen Alltag ergaben.
Die Schwester blieb, wo sie war, heiratet und bekommt zwei Kinder. Schon als Schülerin hatte sie ein kurzes Liebeserlebnis mit einem Soldaten. Dieses löst den Alltag aus der Tristesse, und als der Soldat, der er nun nicht mehr ist, nach Jahren noch einmal auftaucht, versucht sie, das Erlebnis wieder zu beleben.
Inzwischen kam der Mauerfall, und die eingefahrenen Lebensmuster wurden brüchig. "Die Menschen treiben als Teile einer unförmigen Masse auf immer gleiche Weise durch die Geschehnisse der Geschichte". Und "Ihre Existenz, ein stetes Schlingern durch einen dunklen Raum, in dem sie doch alle lernen, sich so weit zu orientieren, dass sie nicht auf der Stelle zugrunde gehen". Mit treffenden Worten skizziert die Autorin, wie es den Bürgern der DDR erging, die sich von einem Extrem ins andere geschoben fühlten.
Wie Julia Schoch die Langeweile, die Erstarrung und das bewegungslose Leben einer jungen Frau in der DDR eingefangen hat, das ist gekonnt und nimmt einen mit in diese ungemütliche Lebensform.
Die Icherzählerin merkt zu spät, dass sie der Schwester mit Unaufmerksamkeit begegnet ist. So hat sie diese ihrem Schicksal überlassen, das in Einsamkeit verlief und wenig Hoffnung auf bessere Zeiten zuließ.
Der Roman, der mehr einer Novelle gleicht, ist ein Zeugnis für die Not und Ausweglosigkeit, mit der man sich im politischen System der DDR eingerichtet hatte. Freudlos und stoisch breitet sich die Realität hier aus.
Die Ausrichtung auf Gemeinschaft zwecks Kontrolle war erschreckend und ließ kaum Freiraum. Am Beispiel des Soldaten, der sich bei einem Krankenhausaufenthalt mit einem Spitzel im Nebenbett herumärgern muss, wird die Einschränkung der Freiheit verdeutlicht. Beide, der Soldat und die Schwester, haben den Freiraum auf ihre Weise gesucht und sich zu einander geflüchtet. Außerhalb der Beziehung bleibt der Raum ungefüllt. Man weiß nichts über ihren Alltag oder über ihr Leben zwischen Familie und heimlicher Liebe.
Unausgesprochen liegt über der Erzählung der Schleier der Depression, die der Leser als bedrückend erlebt. Sie mag als Metapher dafür herhalten, wie es vielen Bürgern in der DDR damals und nach der Wende erging.
Julia Schoch schreibt stringent, unsentimental, lakonisch berichtend. Sie enthält sich psychologischer Deutungen. Gelegentlich wirkt die stete Trauer und Stummheit der Schwester fast ein wenig pathetisch, was der Erzählung aber keinen Abbruch tut.
Ihrem guten Ruf als hervorragendes Talent wird die Autorin mit dieser Erzählung gerecht!
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17 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
1.0 von 5 Sternen
Gefühlter Konjunktiv, 18. April 2009
Zum Inhalt sei auf die hervorragende Zusammenfassung meines "Vorschreibers" verwiesen.
Mich hat das Buch leider enttäuscht, ich hatte mir aufgrund des Klappentextes mehr konkrete Informationen über Auswirkung des Zusammenbruchs der DDR auf die Einwohner erhofft. (Auch wenn das ein wenig voyeuristisch klingen mag).
Was man hier findet, ist ausschließlich ein innerer Monolog einer Frau über ihre Schwester. Wirkliche Gefühle und griffige Gedanken erfährt man dabei nicht, alles bleibt sehr "nebulös", da die Schwester zwar mehr weiß und erzählt, als sie eigentlich wissen kann, sie sich aber trotzdem oft sehr undeutlich ausdrückt. Das ganze Buch wirkt auf mich wie im Konjunktiv geschrieben, auch wenn es das nicht ist.
Oft fühle ich mich bei Lesen wie ein Therapeut, der wohl eine Depression attestieren würde. Die Gründe dafür sind vielschichtig und liegen sicher auch in der Zusammenbruchsituation der DDR, aber eben nicht nur.
Ich werde das Buch zwar noch fertig lesen, aber weiterempfehlen kann ich es nicht. Insgesamt ist es mir zu depressiv.
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3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Tiefgründige Gedanken zum Umgang mit der persönlichen Freiheit, 4. Juni 2009
Meine Lektüre dieses Romans liegt schon eine Weile zurück, doch die Eingangsszene geht mir seitdem häufig durch den Kopf: Eine Frau bringt den Müll aus dem Haus, es regnet, sie bleibt stehen, unschlüssig, unbeweglich, aber innerlich bewegt, aufgewühlt, suchend und nicht findend, aber entschlossen und wissend um ihre Zukunft. In diesem ersten Bild, das sich die Erzählerin von ihrer Schwester in Erinnerung ruft, nachdem jene sich fernab in New York allem Anschein nach das Leben nahm - in diesem ersten Bild verdichtet die Autorin Julia Schoch sehr prägnant die Frage des gesamten Buches: der Umgang des einzelnen Menschen mit seiner persönlichen Freiheit.
Die eigentliche Handlung steht dann für mich auch folglich nicht so sehr im Vordergrund, sondern eher die Art und Weise, wie die Erzählerin - und mit ihr parallel die Leserin - sich in immer wieder neuen Anläufen bemüht, das Leben ihrer Schwester und vor allem deren vermutliche Motive für den Suizid zu ergründen. Man mag dies für konstruiert und unwahrscheinlich halten, da die Erzählerin Dinge mitteilt, die sie über ihre Schwester nicht wissen kann. Aber genau dies macht für mich den besonderen Reiz dieses Buches aus, unterliegt doch gerade die Rekonstruktion von vergangenen Ereignissen fast immer dem suggestiven Spiel, (vermeintliche) Tatsachen auszuschmücken und allerhand Vermutungen anzustellen.
Ich bin der Autorin für viele tiefgründige Gedanken zum Leben im realexistierenden Sozialismus und Kapitalismus sehr dankbar. Sie haben mich dazu angeregt, die Ängste dieser nach Freiheit dürstenden Frau zu erspüren, ihre Verzweiflung, nicht mehr zu wissen, welchen Träumen sie nachhängen solle? Dieses Buch ist ein zugleich leises und aufrüttelndes, denn alles bleibt in der Schwebe, alles ist unentschieden, wie das Leben.
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