Julia Schoch, eine junge ostdeutsche Schriftstellerin, wurde mit Preisen für ihr Erzähldebüt "Der Körper des Salamanders" ausgezeichnet, mit "Mit der Geschwindigkeit des Sommers" ist jetzt ihr drittes, vielleicht ihr bestes Buch erschienen.
Zum Plot: Die Protagonistin, die nach der Wende in den Westen gegangen ist, sich internationalisiert hat, deren Leben sich beschleunigt hat, die ständig mit dem Flugzeug auf Reisen ist, macht einen retrospektiven Zeitsprung und erzählt die Geschichte ihrer Schwester.
Die beiden Schwestern wachsen, in der ehemaligen DDR, in einer nahe der polnischen Grenze und dem Stettiner Haff gelegenen Garnisonsstadt, auf. Diese Stadt wurde förmlich aus dem Nichts aufgebaut, um als Standort für ein Bataillon der Nationalen Volksarmee zu dienen. Der Vater ist Offizier bei der NVA. Die ältere Schwester hat eine romantische Liebesaffäre mit einem Soldaten, der eines Tages versetzt wird und zu dem ihr Kontakt abreißt. Sie heiratet, bekommt zwei Kinder, fügt sich dem üblichen Frauenschicksal. Dann kommt die Wende, die Mauer fällt, viele Menschen glauben nun sei ihnen ein neues Leben geschenkt, gehen wie die erzählende Schwester in den Westen.
Jahre später tritt der Soldat wieder in ihr Leben. Es kommt zu einer Liebschaft, die es dieser Frau, deren Leben sich durch den großen historischen Vorgang nicht geändert hat, erlaubt schwärmerisch in die Vergangenheit dieses verschwundenen Staates zurück zu kehren, in der für sie widersinniger Weise alles geordnet und behütet war und wo ihr vielleicht ein anderes Leben möglich gewesen wäre. Nach der Hälfte ihres Lebens ist die DDR plötzlich weggebrochen und da ist nun diese Frau, die je länger sie lebt, sich ständig gefühlsmäßig fragt, was hätte aus meinem Leben werden können, wenn dieser Staat weiter existiert hätte. Ein interessanter Gedanken, aber im Grunde ganau so krank, wie die Verhältnisse damals in der DDR wirklich waren.
Die Erzählposition der Schwester, die so unheimlich viel von dem weiß, was ihre ältere Schwester gemacht hat, beeindruckt. Es ist zugleich aber auch eine gewagte Anordnung, weil man eigentlich so viel von dem anderen nicht wissen kann, auch wenn man hunderte von Stunden miteinander telefoniert hat, es sei denn bei der Konstruktion handelt es um zwei Seiten einer Seele. Es ist fraglos eine seltsame Schwesterbeziehung, eigentlich voller Aggressionen und deshalb vermischt sie alles, was die Schwester ihr erzählt und beichtet, mit ihrem Wissen und löscht damit ihre Schwester in ihrem jetzigen Leben förmlich aus. Sie vermutet ganz große Geheimnisse, lässt durch das Auslassen von Verben viel Raum für Mutmaßungen.
Was man bedenken muss ist, dass sie aus einer großen Distanz schreibt und das es ihr vordergründig nicht um dieses Frauenschicksal geht, sondern darum das Fremdheitsgefühl zu beschreiben, das dadurch entstanden ist das sie in eine beschleunigte, digitalisierte westliche Zeit gefallen ist mit der eigentlich nichts anfangen kann. Sie war es gewohnt in einer Zeit zu leben, in der nichts Wesentliches passierte und nun hat sie im Grunde noch nicht einmal die Energie, sich ein anderes Leben zu wünschen. Diese ganze bittere Trostlosigkeit spiegelt sich auch in der knochentrockenen, kalten Sprache, der alles Seelische und Empathische fehlt und in der sich die Stilmittel oft wiederholen.
Man könnte auch denken, dass es sich bei der sehr überzeugenden und virtuos gemachten Geschichte um zwei gespiegelte Seiten eines Ichs handelt, das im Osten verbliebene Ost-Ich und das im Westen globalisiert West-Ich, die beide in zwei ganz verschiedenartigen Zeiten leben. Die Frage wird durch den Kerngedanken gelöst, der wie eine tragische Dimension, klug und anstrengend in der Erzählstruktur, ungeklärt, voller Mutmaßungen, mit Einschüben wie - es wäre möglich, es könnte sein, ich interpretiere etc. - die ganze Zeit über diesem Buch schwebt.