Elizabeth Strout erweist sich mit ihrem vorliegenden Roman "Blick aufs Meer'" als herausragende Erzählerin.
Sie öffnet den Blick auf die Kleinstadt Crosby und ihre Bewohner an der Küste von Maine/USA.
Die Stadt erscheint im Sommer wie im Winter frisch und klar und man vermeint mit Blicken über die Bucht den salzigen Meerwind zu spüren!
Hier lebt Henry Kitteridge, der in seiner Apotheke glücklich ist. Die junge Frau Denise Thibodeau, die bei ihm aushilft, löst mit ihrer mädchenhaften Erscheinung seine ganze Fürsorge aus! Und wie liebenswürdig und zuvorkommend ist ihr Mann, dieser freundliche Mensch! Henrys Frau Olive hingegen schwingt das Zepter und bestimmt, wo es lang geht. Sie ist rau, ehrlich, geradeaus, direkt, zuweilen verletzend und hat doch im Verborgenen eine liebevolle Seite. Der sensible Henry ist ihr nicht immer gewachsen und sehnt sich nach etwas mehr Ruhe und Sicherheit.
Zwanzig Jahre später sind er und Olive längst im Rentenalter. Olive, die einstige Mathelehrerin, weiß alles, hört alles und kommentiert alles, was sie um sich her sieht. Hinter ihrer robusten Schale ahnt man eine liebevolle Seele, die etwas von den Menschen versteht.
Harmon, der einen Heimwerkerladen betreibt, bietet mit seiner Sehnsucht nach Hingabe, die er außerhalb seiner Ehe bei Daisy findet, ein Beispiel für die Enttäuschungen und die Kränkungen in der Liebe. Doch sein Arzt hält nichts von einer Trennung von seiner Frau, denn er ahnt, was Harmon nicht weiß "dass Leben miteinander verwachsen wie Knochen, und dass nicht jeder Bruch heilt".
In vielfarbigen Impressionen beschreibt E. Strout den Kosmos einer kleinen Stadt mit seinen Bewohnern und Bewohnerinnen. Streiflichtern gleich treten einzelne Figuren hervor, um danach wieder im Hintergrund zu verschwinden. In alten Eltern und flügge gewordenen Kindern zeigt uns Elizabeth Strout die Wiederkehr des Alltäglichen, in dem sich nach einem fest geregeltem Rhythmus Dinge wiederholen, die Menschen in verschiedenen Lebensphasen erleben. Über die Jahre verändern Schicksale das Leben und ständig ereignen sich neue, kleine und große Freuden oder Tragödien.
Berührende menschliche Szenen wechseln mit der Beschreibung des ganz gewöhnlichen Alltags hinter einem Verkaufstresen oder in der Bar. Doch unvergleichlich sind die Wahrnehmungen, mit denen die Autorin Gefühlen Ausdruck gibt über das Altern, die Einsamkeit, über vergangene Zeiten mit Versäumnissen, die unwiederbringlich sind.
Die Autorin berührt mit ihren kurzen 'Seelenstudien' unmittelbar die Herzen ihrer Leser. Fasziniert folgt man ihren Berichten aus dem Alltag von Menschen, die jedem von uns täglich begegnen könnten. Kummer und Freude, Versagen, die Liebe, der Tod und die Schönheit des Augenblicks vereinen in diesem Roman schicksalsträchtige Ereignisse mit dem gewöhnlichen Alltag. Sie zeigt uns das Leben in allen Schattierungen von seiner vitalen Seite über seinen Reichtum bis zu seinen Beschränkungen. Genial entwickelt sie die Geschichte von den ersten Anfängen zu einer breiten Palette von Einzelschicksalen.
Elizabeth Strout bleibt diskret und kommt ihren Figuren doch sehr nahe. Sie reiht sich mit ihren Geschichten in die Gesellschaft der großen amerikanischen Erzählerinnen ein. 2009 hat sie für diesen Roman den Pulitzerpreis erhalten.
Die Übersetzung von Sabine Roth soll ausdrücklich hier rühmend erwähnt werden.