Abgesehen von "ludwigwitzani" scheint den bisherigen Rezensenten dieses Buches eine gewisse Anspruchslosigkeit zu eigen zu sein. Anders kann ich mir die enthusiastischen Reaktionen nicht erklären. Das Buch ist aus der Sicht des Bibliophilen eine herbe Enttäuschung. Nicht, dass es keine Vorzüge hätte, aber die Nachteile überwiegen leider deutlich.
Im Einzelnen:
Der so gerühmte Bildteil erfüllt nicht die Erwartungen, die an einen Bildband dieser Preiskategorie zu richten sind. In meiner Ausgabe zumindest (der deutschen Erstausgabe von 1996) sind mehrere Bilder entweder in einer Weise unscharf photographiert, die keinem professionellen Photographen passieren darf, oder Fehler beim Druck haben violette Streifen und ähnliches auf Bilder 'gezaubert'. Ich hoffe, dass zumindest letztere Fehler in späteren Auflagen behoben wurden, jedenfalls handelt es sich um ein Armutszeugnis. Doch auch die Auswahl der Bilder erscheint oft genug fragwürdig: Welchen Sinn hat es, in einem "'Mit Büchern leben"' betitelten Buch die Bücher in den Hintergrund treten zu lassen, wie bei einigen Abbildungen geschehen? So werden vor allem die Sammlungen Sackner und Minsky gewissermaßen 'in Auswahl' präsentiert ' das Buch zeigt uns besonders ungewöhnliche Objekte der Buchkunst (über deren Ästhetik sich ebenfalls streiten ließe). Die Bibliotheken dagegen werden nur mit jeweils einem Bild vorgestellt. Leider:' Thema verfehlt. Noch prägnanter zeigt sich die mangelhafte Auswahl bei der Bibliothek von Jack Lenor Larsen: Abbildungen der Bibliothek haben leider nicht viel Platz neben den zahlreichen '"Impressionen'" aus dessen Sammlung von "'Kunst"'gegenständen. Es zeigt sich hier leider die Herkunft der Herausgeber, vor allem der Autorinnen der Texte, aus einem Milieu der saturierten US-Ostküsten-Bürgerlichkeit (der '- übrigens peinlich selbstbeweihräuchernde -' Klappentext nennt '"Glamour"' und "'House & Garden"' als Referenzen...). Einen intellektuellen Zugang zum Medium Buch scheinen sie nicht oder nur rudimentär zu besitzen - viel wichtiger ist Ihnen die Gestaltung von Wohnräumen und die möglichst gefällige Präsentation von deren Besitzern. Darum sind die Bilder auch nicht lebensnah, sondern teilweise offensichtlich gestellt, was goutieren mag, wer will. Das geht bis hin zur Verlagerung von Möbeln und Einrichtungsgegenständen, die auf einem Bild in einem, auf dem nächsten Bild aber in einem anderen Zimmer stehen (Seiten 110/113) und zur geschickten Mehrfachaufnahme eines Zimmers aus verschiedenen Perspektiven, um Fülle vorzutäuschen (z.B. Seiten 16/21). Auch die Entscheidung über die Menge und Auswahl der Bilder pro vorgestellter Sammlung oblag wohl alleine dem Geschmack der Beteiligten und keineswegs objektiven Qualitätskriterien. Anders wäre nicht erklärbar, warum die Sammlung Sackner derartig präsentiert wird, die Bibliotheken von Maclean und Rosenblatt dagegen mit nur je einem (vielversprechenden) Bild vertreten sind.
Es bliebe noch viel zu sagen. Um den Rahmen nicht zu sprengen, hier nur noch ein Letztes: Daß die Herausgeber so viele Sammler, die ihnen ihre Bibliotheken geöffnet haben, durch Nichtabdruck enttäuschen, um dann (zB) die halb leeren, postmodernen Regale der Eheleute Amir auf vier Seiten zu würdigen, sagt mehr über das Buch aus, als diese ganze Rezension.
Lieber Leser, schön, dass Sie bis hierher durchgehalten haben! Zum Dank nun noch einiges über den Text des Buches. Dieser ist weit schlechter als die Bilder. Der obige Verriß des Bildteils darf nicht darüber täuschen, dass natürlich sehr viele der präsentierten Bilder eine Augenweide sind. Der Text aber ist nahezu ein Totalausfall. Nicht nur, dass sich auf fast jeder Seite ein orthographischer, grammatikalischer oder Interpunktionsfehler findet (was bei einem renommierten Verlage schlimm genug wäre). Der Text ist dazu '- und vor allem -' von einer nahezu unglaublichen Naivität und Unkenntnis geprägt. Niemand erwartet kritische Reflexion in einem solchen Bildband, aber ein wenig Distanz zu den porträtierten Sammlern wäre dennoch schön gewesen. Erstaunlich auch so manche Erläuterung: '"Heutige Leser (wohnen) zwischen aufragenden Büchersäulen'", also auf dem Boden aufgetürmten Büchern. '"Ordentliche Regale spiegeln ordentliches Denken wieder"' (was für ein Unsinn!). Und ein New Yorker Sammler steckt doch tatsächlich in jedes seiner Bücher eine "'Kennkarte"', deren Doppel sich in einer Zettelkartei befindet! (für ganz junge Leser: diese Methode war vor dem Siegeszug der Digitalisierung in jeder öffentlichen Bibliothek üblich)
Dazu die Ratschläge, offenbar von Gleichgesinnten geschrieben für Menschen, die noch nie ein Buch gesehen haben: '"Bücher sollten stets aufrecht und so im Regal stehen, dass die Buchrücken mit der Vorderkante der Regalböden bündig abschließen. (...') Großformate, die nicht ins Regal passen, können auf einem Sitz am Fenster, (...') oder einem stabilen Tisch deponiert werden.' (Geben Sie es zu, geneigter Leser: Darauf wären Sie '- auch gekommen.)
Abschließend sei zum Text des Buches also der Hinweis gegeben, daß es den Autorinnen letztlich nur darum geht, das Buch als dekoratives Element zu benutzen und '"seine Gäste in einem kultivierten Rahmen zu empfangen"'. Einen anderen Zweck scheinen Bücher nicht zu haben. Nur wer solche Ansichten aushält, sollte sich dieses Buch anschaffen!
Zuletzt sei noch der Hinweis erlaubt, dass in diesem Band ausschließlich US-amerikanische bzw. (wenige) britische Bibliotheken vereinigt sind. Die amerikanische Herkunft der Herausgeber kann das Außerachtlassen der reichen Sammler- und Buchtraditionen des kontinentalen Europas ebenso wie die Beschränkung auf wohlhabende bis sehr reiche Sammler in meinen Augen nicht entschuldigen. Deshalb ist auch der Adressanhang für den deutschen Leser nahezu unbrauchbar (und unter den wenigen Adressen aus dem deutschsprachigen Raum taucht ein Antiquariat im zentralschweizerischen Stans auch noch zweimal auf '- unter "'Schweiz"' und als "'Staus"' unter "'Österreich"'. Wie kann das einem Lektor entgehen?).
Fazit: Wer sich für Innenausstattung und Raumgestaltung interessiert, der wird an diesem Buche seine Freude haben. Auch dem Bücherfreund bieten sich viele lohnenswerte Einblicke. Angesichts des Originalpreises und der inzwischen vorhandenen Alternativen auf dem Buchmarkt ist dieses Buch für den Bibliophilen aber definitiv nicht empfehlenswert.