Das Ansehen der Psychologie leidet von Jahrzehnt zu Jahrzehnt mehr darunter, dass ihr öffentliches Bild von schwadronierenden Pop- und Vulgärpsychologen beherrscht wird, deren Bücher es häufig in die Bestsellerlisten schaffen, so etwa "Liebe dich selbst und es ist egal, wen du heiratest" von Eva-Maria Zurhorst. Wäre ich ein Polemiker, der ich ganz gewiss nicht bin, würde ich Frau Zurhorst und ihrem Verlag für zukünftige Veröffentlichungen die folgenden Titel empfehlen: "Liebe dich selbst und es ist egal, ob du unter Milben-, Zecken- oder Schabenbefall leidest", "Liebe dich selbst und es ist egal, wer dich geschwängert hat", "Liebe dich selbst und es ist egal, ob du einen IQ von 50 hast".
Tavris und Aronson sind glücklicherweise von anderem Schlag. Tavris (* 1944) ist (promovierte) Sozialpsychologin, Fachautorin für die "New York Times" und den "Scientific American", Mitglied des Council for Scientific Clinical Psychology and Psychiatry, beratende Herausgeberin der "Scientific Review of Mental Health Practice" und Mit-Herausgeberin der Zeitschrift "Psychological Science in the Public Interest". Sie hat unter anderem das scharfsinnige und -züngige Buch
Psychobabble and Biobunk: Using Psychology to Think Critically about Issues in the News veröffentlicht.
Aronson (* 1932), ein Schüler des überaus tüchtigen Sozialpsychologen Leon Festinger (1919-1989), der die Theorie der kognitiven Dissonanz entwickelt hat, ist einer der produktivsten experimentell arbeitenden Sozialpsychologen der letzten 50 Jahre. Die American Psychological Association hat ihn drei mal ausgezeichnet: für die Qualität seiner Forschung, für seine Leistungen in der Lehre und für das schriftstellerische Niveau seiner Veröffentlichungen. Damit ist er die erste Person, die in der 120-jährigen Geschichte dieser wissenschaftlichen Gesellschaft alle drei zu vergebenden Preise auf sich vereinigen konnte.
Wie der Untertitel schon anzeigt, geht es - das ganze Buch hindurch - um die Rolle von Rechtfertigungen. Keineswegs nur Narren, Heuchler, Schurken, gewöhnliche Kriminelle (wie Diebe und Betrüger), gierige CEOs, Kinder missbrauchende Geistliche, Diktatoren, religiöse Fanatiker und politische Massenmörder rechtfertigen so gut wie jede ihrer Handlungen, auch die gewöhnliche Alltagsmenschin tut dies. Und Psychotherapeuten, die von elementaren Forschungsmethoden (z. B. Stichprobenziehung, Randomisierung und Varianzanalyse) und Fallstricken in der Informationsverarbeitung (z. B. dem confirmation bias und dem hindsight bias) keinerlei Ahnung haben und obendrein völlig ungeeignete diagnostische und kurative Verfahren anwenden, sind erst recht keine Ausnahmen: Schlagen ihre Therapien fehl, können in ihrer Sicht immer nur simulierende, dissimulierende, uneinsichtige oder abwehrende Patienten daran schuld sein. "Mistakes were made, but not by me."
"Mistake? What mistake? I didn't make a mistake ... The tree jumped in front of my car ... And what do I have to be sorry about, anyway? She started it ... He stole it ... Not my fault."
Ein Junge hat einem anderen Jungen in der Pause übel mitgespielt. Später spürt er ein beträchtliches Unbehagen (wissenschaftlich gesprochen: "kognitive Dissonanz"): "How can a decent kid like me have done such a cruel thing to a nice, innocent little kid like him?" Um dieses Unbehagen zu reduzieren, versucht der Junge sich selbst davon zu überzeugen, dass der Andere weder nett noch unschuldig ist: "He is such a nerd and cry-baby. Besides, he would have done the same to me if he had the chance."
Tavris und Aronson fahren dann fort: "Once the boy starts down the path of blaming the victim, he becomes more likely to beat up on the victim with even greater ferocity the next chance he gets. Justifying his first hurtful act sets the stage for more aggression. [...] the same mechanism underlies the behavior of gangs who bully weaker children, employers who mistreat workers, lovers who abuse each other, police officers who continue beating a suspect who has surrendered, tyrants who imprison and torture ethnic minorities, and soldiers who commit atrocities against civilians. In all these cases, a vicious circle is created: Aggression begets self-justification, which begets more aggression."
Tavris & Aronson zitieren einen Satz aus "The Brothers Karamazov" (englische Schreibweise!): "He has done me no harm. But I played him a dirty trick, and ever since I have hated him." Das zeigt, dass Dostoevsky (wiederum englische Schreibweise!) ein glänzender Psychologe war, der Selbstrechtfertigung durch den Mechanismus der Reduktion kognitiver Dissonanz vorzüglichst verstanden hat.
Der israelische Psychologe Zvi Rex hat einmal bemerkt: "Germans will never forgive the Jews for Auschwitz." Obwohl Tavris und Aronson von diesem Satz keinen Gebrauch machen, könnten sie ihn doch aus dem Stand heraus erläutern: Deutsche haben während der Nazi-Zeit 6 Millionen Juden umgebracht. Ein solch monströses Verbrechen bedarf einer massiven Rechtfertigung. Da Deutsche gemäß ihrem Autostereotyp durch und durch Bildung und vor allem Anstand besitzen (besonders Himmler hat dies immer wieder betont), kann die Schuld nur bei den Juden liegen. Der Massenmord ist also ein Indikator für die Schlechtigkeit der Juden, nicht etwa für die der Deutschen. Zugleich rechtfertigt diese Schlechtigkeit den Massenmord und deshalb hassen viele Deutsche die Juden. Bekanntlich sind unter ihnen nicht nur Alt- und Neonazis, sondern auch viele Linke.
Eine - unter psychologischen Laien - sehr beliebte Theorie zur Erklärung nicht nur von Mord und Totschlag, sondern auch von Krieg und Terror ist "geringes Selbstwertgefühl" ("low self-esteem"). Erhebliche Verantwortung dafür trägt der Psychoblubberer Nathaniel Branden, dessen Beweisführung vor allem in einer unterentwickelten wissenschaftlichen Phantasie besteht: "I cannot think of a single psychological problem [...] that is not traceable to the problem of poor self-esteem."
Diesem verbreiteten pop- und vulgär-psychologischen Glaubensartikel treten Tavris und Aronson glücklicherweise beherzt und deutlich genug entgegen: "Combine perpetrators who have high self-esteem and victims who are helpless, and you have a recipe for the escalation of brutality. [...] This is one of the most thoroughly documented findings in social psychology, but is also the most difficult for many people to accept because of the enormous dissonance it produces".
Ein 38 Seiten umfassender Anmerkungsapparat, der die Forschungsarbeiten dokumentiert, auf die sich die beiden Autoren stützen, und ein gründlicher Index beschließen das Buch. Ich kann es schon deshalb sehr empfehlen, weil es sehr ernüchternd ist.
PS. In der deutschen Übersetzung lautet der zitierte Satz aus Dostojewskis "Die Brüder Karamasow" so:
"Er hat mir zwar nichts getan, aber dafür habe ich eine gewissenlose Gemeinheit gegen ihn begangen, und kaum hatte ich die begangen, fing ich sofort an, ihn zu hassen." (2. Buch, 8: "Der Skandal") Wie sagen Tavris und Aronson, um es zu wiederholen? "Aggression begets self-justification, which begets more aggression."