Philip Kerr gehört seit vielen Jahren zu meinen Lieblingsautoren. Ich habe selten ein Buch von ihm in die Hand genommen, das meinen hohen Erwartungen nicht entsprochen hat - am ehesten war es noch bei "Esau" der Fall; aber gut, kein Autor liefert nur Meisterwerke ab. Die Geschichten um Bernhard ("Bernie") Gunther, die als "Berlin-Trilogie" begonnen haben (und damit einen Abschluss suggerierten), inzwischen aber zu einem ausgewachsenen Zyklus mit sieben Werken geworden sind, haben mich nie enttäuscht. Das liegt sicher zu einem wesentlichen Teil an dem Protagonisten, einem ausgesprochenen Noir-Helden, für den das Schicksal stets überraschende Wendungen bereithält - nicht immer die positivsten, wie man sich denken kann. Immer wieder muss sich Bernie Gunther mit moralischen Dilemmata auseinandersetzen und löst dies auf seine spezielle Art. Wie bei einem Noir-Helden nicht anders zu erwarten, verwischen dabei oft die Grenzen zwischen "Gut" und "Böse". Wenn man aber berücksichtigt, welchen politischen und zeitgeschichtlichen Ereignissen er ausgesetzt wird, bleibt er erstaunlich integer, zumal nicht selten sein Leben auf dem Spiel steht.
Die neue Geschichte beginnt auf Kuba, dort, wo der letzte Roman ("Die Adlon Verschwörung") endete. Bernie Gunther hat guten Grund, sich abzusetzen, wird aber bei dem Versuch, Haiti zu erreichen, von den US-Amerikanern aufgegriffen. Er gerät in die Fänge des Geheimdienstes CIA, der ihn schließlich nach Deutschland bringen lässt, ins bayerische Landsberg. Ein großer Teil des Buches besteht aus den Verhören, denen Gunther dort unterzogen wird. Das klingt erst einmal unspektakulär, Philip Kerr versteht es jedoch, die geschichtlichen Episoden, die in der Folge ausgebreitet werden und die etwa zwei Jahrzehnte deutscher Geschichte umfassen, fesselnd darzustellen. Eine besondere Stärke von Kerr ist es, Geschichte lebendig zu machen. Selbstverständlich fabuliert er hier und da - das ist sein gutes Recht als Autor -, aber als Leser fühlt man sich mitten im Geschehen, wobei jedoch gleichzeitig auf jeder Seite erkennbar ist, dass Kerr nicht nur seiner Phantasie freien Lauf lässt, sondern hervorragend recherchiert hat. Verglichen mit seinem britischen Kollegen Robert Harris - den ich ebenfalls sehr schätze - schreibt Kerr historische Thriller mit einem höheren Unterhaltungswert - jedenfalls nach meiner bescheidenen Meinung.
In diesem Buch werden wir mitgenommen in die Endphase der Weimarer Republik, in das von Nazi-Deutschland besetzte Frankreich, wir werden konfrontiert mit dem Völkermord, wie er unter anderem von den Sonderkommandos des SD in Osteuropa verübt wurde, und wir sehen das Elend der deutschen Kriegsgefangenen in russischen Lagern. Nicht zuletzt wird uns vor Augen geführt, wie glimpflich so mancher Kriegsverbrecher davongekommen ist (was schlichtweg beschämend ist!).
Am Ende des Buches musste ich etwas schlucken. Die Wendung, die hier eintritt, habe ich nicht erwartet - und ich habe dabei auch kein gutes Gefühl. Andererseits ist Gunther, wie oben erwähnt, ein Noir-Held und keine Lichtgestalt im Auftrag der Göttin der Gerechtigkeit. Ich hatte kurz mit dem Gedanken gespielt, einen Stern abzuziehen - aber nur ganz kurz, denn damit würde ich dem Buch Unrecht tun.