Als sein bestes Werk bezeichnete Ludwig van Beethoven seine Missa solemnis D Dur op. 123 - ein Urteil, das weder seine Zeitgenossen noch die meisten heutigen Klassikliebhaber teil(t)en. Immerhin, Beethoven arbeitete lange Jahre und unter größten Strapazen an seinem opus summum, das er eigentlich zur Inthronisation seines Schülers und Gönners Rudolf von Österreich komponierte, aber erst einige Jahre später vollenden konnte.
Indes, das Resultat jahrelanger Mühen war enorm: Eine Messe mit einer Aufführungsdauer von etwa 80 Minuten hatte es zwar schon früher gegeben, doch das (Wiener) Publikum war dessen durch die wesentlich knapperen mozartschen Messen entwöhnt. Außerdem kommt ein weiteres Problem hinzu, das oft bei den Vokalwerken des Meisters auftritt: Beethoven tat sich schwer damit, das gesungene Wort der Musik beizufügen. Und - er reicherte seine Messe mit unendlich viel Emotion und Tiefsinn an, so dass die Aussage dieser zeitlosen Musik noch für uns heutige Hörer schwer zu erfassen ist. Das Werk wirkt sperrig, und es wirkt nicht nur so.
Woran aber liegt es, dass die Missa solemnis dennoch eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf uns ausübt? Beethovens erste Messe war sie nicht, allerdings ist seine Messe in C Dur op. 86 heute beinahe gänzlich in Vergessenheit geraten. Aber auch in diesem Werk deutet sich schon das an, was Beethoven in op. 123 vollenden würde: die edle Symbiose zwischen Gesang und Streichern, das erhebende Nebeneinander zwischen Solisten und Chor, die greifbare sakrale Weihe, der zeitlose Klang der Musik und nicht zuletzt - und das mag verwundern - die konzeptionelle Schlankheit der Musik - die allerdings durch die Überlänge der Messe und die dichte, bis an den Rand mit Sinn gefüllte Atmosphäre egalisiert wird.
Dass die Missa solemnis etwas Besonderes ist, wird der Hörer gleich zu Beginn merken, wenn das inbrünstige "Kyrie" des Chors vom Tenor sanft erwidert wird: Das eben angesprochene edle Element kommt hier besonders zum Tragen. Es ist schwer zu beschreiben, was die Musik mit uns macht. Auf jeden Fall rührt sie und stimmt trefflich ein auf das, was bevorsteht. Es ist eben so, wie Leonard Bernstein sagte, dass Beethoven immer exakt wusste, welcher Ton auf den vorigen folgen muss.
Mit Beginn des "Benedictus" verändert sich die Grundstimmung der Messe: Während Beethoven bislang vor allem auf den Kontrast zwischen hell und dunkel gesetzt hat und die hehre Erhabenheit seiner Schöpfung besonders betonte, folgt nun der intimste, innigste und emotionalste Teil der Komposition. Die Intensität erreicht er insbesondere durch die getragene Atmosphäre, das zurückgenommene Volumen und den Einsatz einer Solovioline.
Auf einen erhebenden Ausklang verzichtet der deutsche Tonsetzer freilich nicht. Das "Dona nobis pacem" rührt zu Tränen. Beethoven schafft hier etwas Helles, Klares, das es vermag, alle Menschen - egal welcher Nationalität und Konfession - zu einen und zu berühren, vergleichbar mit dem unfassbar entrückenden Chorfinale seiner neunten Sinfonie, die ja in unmittelbarer Nachbarschaft zur Missa entstanden ist.
Ebenso zeitlos wie Beethovens Messe ist auch Otto Klemperers Interpretation mit dem New Philharmonia Chorus und Orchestra unter Verstärkung durch Elisabeth Söderström (Sopran), Marga Höffgen (Alt), Waldemar Kmentt (Tenor) und Martti Talvela (Bass). Es gibt weiß Gott nicht wenige Einspielungen dieses Monumentalwerkes. Doch auch nach 45 Jahren bleibt Klemperers fein nuancierte und kräftig akzentuierte Deutung erste Wahl. Die Aufnahmequalität ist mehr als zufriedenstellend, berücksichtigt man das hohe Alter der Einspielung. Klemperer nimmt weit davon Abstand, die Sperrigkeit des Werkes zu übertünchen. Er bietet es unprätentiös, natürlich und schlicht dar.
Sein New Philharmonia Orchestra spielt wie entfesselt und liefert damit die perfekte Basis für eine fesselnde und mitreißende gesangliche Leistung. Als besonders bestechend erweisen sich die vier Gesangssolisten, die perfekt mit dem glasklar singenden Chor korrespondieren. Die universale Aussage dieser Musik erfassen die Akteure blendend und schwingen sich auf zu Botschaftern von Humanität und Brüderlichkeit unter allen Menschen.