Der Begriff "Schönheit" ist ja ein bisschen gefährlich. Was ist schön? Und für wen? Aber bei dieser Missa da Requiem des Londoner - oder auch Mailänder - Bach, da fällt mir kein anderes oder besseres Wort ein als - "schön". Auch in Bezug auf die Interpretation durch das fein abgestimmte Solistenquartett, den brillianten RIAS Kammerchor und die nicht weniger brilliante, absolut präsente Akademie für Alte Musik, Berlin, unter dem Dirigat von Hans-Christoh Rademann: es klingt alles so rund, so elegant, so anmutig. Und zugleich dramatisch, bewegt, klar und prägnant. Aber auch und gerade das ist ja Schönheit.
Ganz interessant ist, wie Bach den Text musikalisch behandelt, mit Wurzeln im Barock, etwa zu Beginn in vollendeter, großzügig ausgebauter Polyphonie, und zugleich vorausweisend auf Mozart, den er später bekanntlich kurze Zeit unterrichtet hat, etwa in den farbigen Stücken der Sequentia. Es ist wunderbare Musik zwischen zwei großen Epochen, aber doch mit Eigenwert. Und sehr italienisch, denn Bach war - wie Mozart später - Schüler des großen Padre Giovanni Battista Martini (zum Vergleich hörenswert sein
Te Deum/Magnificat/Introitus/+). Ich empfinde die Interpretation darin angemessen, dass sie diesen Bach weder barock noch mozartisch nimmt, sondern in der eigenen - "Schönheit" stehen, besser klingen lässt.
Mitunter lässt die Musik vergessen, dass es sich um eine Totenmusik, das Requiem, und um eine Klage, das Misere (Psalm 51), handelt. Selbst wenn die tiefe "Posaune des Gerichts" - in Gestalt zweier Hörner - erklingt, durchaus opernhaft bewegt und aufwühlend, wird sie eben doch von der gegensätzlichsten, höchsten Stimme, dem Sopran, wunderbar melodiös begleitet. Selbst wenn der Beter im Misere eigentlich unter Qualen schreit, bei Bach tut er es in ernster Erhabenheit und großer Würde. Selbst wenn es finster und unheilvoll wird, spannungsvoll duster - es ist doch zugleich schauerlich "schön".
Übrigens, ganz informativ in bester harmonia-mundi-Tradition ist das kleine Beiheft, das gut ausgestattet ist mit Informationen von Qualität in jeder Richtung.
Ich schreibe eher selten Rezensionen zu CDs, weil ich kein geborener Musikkritiker bin, dazu fehlt mir ausreichend musikalisches Fachwissen, und mein eigenes Musizieren ist auch sehr laienhaft beschränkt.
Doch hier ist es mir ein Bedürfnis, weil ich von der CD so begeistert bin - insbesondere von ihrer - "Schönheit". Und zwar im besten, im allerbesten Sinn.