Den „Literatussis" sei dank! Der Lesekreis meiner Freundin hat dieses Buch ausgewählt und ich habe sozusagen vorgeschmökert.
Hätte ich sonst zu Satterthwait gegriffen? Wohl kaum. Für gewöhnlich habe ich mich in den vergangenen Jahren eher seltener in der Krimi-Ecke daheim gefunden. Umso schöner ist es, diesen Roman gelesen zu haben.
Lizzie Borden stammt aus Fall River. Dort wurde Sie vor Gericht gestellt, weil man Sie des Mordes an Ihren Eltern bezichtigte. Mit einem Beil soll sie die beiden grausam zerstückelt haben. Doch Lizzie wurde freigesprochen...aus Mangel an Beweisen. Lizbeth A. Borden ist aus Fall River weggezogen....
1912 trifft Amanda Burton an einem Ferienort auf Miss Lizzie (wie sie die ältere Dame fortan nennt). Viele Jahre liegen hinter den Anschuldigungen und der blutigen Tat, die bis heute nicht aufgeklärt wurde. Allen Warnungen zum Trotz freundet Amanda sich mit Miss Lizzie an. Sie erlernt bei Ihr Kartentricks und viel Hilfreiches für das Leben. Die würdevolle Frau fasziniert Amanda. Miss Lizzie ist nett zu ihr und behandelt die Heranwachsende nicht mehr wie ein Kind.
Eines Spätnachmittags, nach einem heftigen Streit zwischen ihrer Stiefmutter Audrey und ihrem Bruder William, findet Amanda Audreys Leiche aufs grausamste zugerichtet. Sie kann nur Miss Lizzie von dem grausamen Fund erzählen.
Ein Axtmord, wie die ersten Ermittlungen der Polizei zeigen. William ist verschwunden, Amandas Vater ist in Boston. Sie findet bei der Nachbarin Miss Lizzie ein Obdach. Glücklicherweise hat diese gleich den Anwalt Darryl Slocum zu der Szene diktiert, der dem allzu voreingenommenen und forschen Chief da Silva einen Dämpfer aufsetzt. Etwas dandyhaft kommt Slocum daher, aber auf Amanda macht er großen Eindruck. Da Silva kennt Lizzie aus Fall River und wittert endlich die Möglichkeit, seine Hauptverdächtige von einst dingfest machen zu können. Zusammen mit seinen Officers Medley und O'Hara zieht er in seinem persönlichen Krieg zu Felde...Der Riege um Miss Lizzie, Amanda und Darryl Slocum schließt sich zu guter Letzt auch noch der väterlich kumpelhafte Privatdetektiv Harry Boyle an. Die Beschreibung des Geflechts sich entwickelnder Beziehungen, zwischen den vorgenannten Akteuren um Miss Lizzie verdient eine besonders lobenswerte Erwähnung.
Von nun an wird es schwer, das Buch zu rezensieren, ohne die Spannung herauszunehmen. Ich als Leser habe automatisch mit der Sondierung der Verdächtigen begonnen, aber der Roman hält noch viele Überraschungen offen. Immer mehr potentielle Mörder erscheinen und manche entlastet man im Geiste wieder, bis eine neue subtil gestreute Information doch wieder die Zweifel laut werden lässt...Am Ende war ich derart verwirrt, dass es beinahe jeder hätte sein können; und die Person, die ich favorisiert habe, war es letztlich nicht.
Das Ende ist exzellent und ich war zugegeben richtig von den Socken.
Die Charaktere sind wunderbar herausgearbeitet, ohne dass Satterthwait in Langatmigkeit verfällt. Die Story bedient sich kaum der Effekt-Hascherei und bleibt dennoch spannend. Einzig die Beschreibungen am Tatort sind extrem und das reicht Satterthwait vollkommen. Er versteht es außerordentlich gut, mit der Neugier und der Voreingenommenheit des geneigten Lesers zu kokettieren und ihn auf die falsche Fährte zu locken. Ich wüsste gerne, wer auf die wahre Person des Täters von selbst gekommen ist, denn eigentlich ist es sehr einfach...wenn man aufmerksam liest. Es ist eine hohe Kunst etwas so einfach und verspielt wirken zu lassen, wobei es das keinesfalls ist. Vor allem ist mir das erst im 3. Drittel des Buches so richtig klar geworden.
Miss Lizzie hat für mich alles, was ein schöner klassischer Krimi braucht, eine wirklich Runde Sache. Vier Punkte mit Hang zur 5.