Dieses ist eins der 10 Bücher, die von Sam Harris (End of Faith) als besonders lesenwert empfohlen werden. Damit sollte jedem schon klar sein, in welche Richtung die Reise geht. Christliche Dogmatiker werden hier nicht glücklich werden, denn der Autor zeigt zahlreiche Probleme bei der Interpretation von Bibelstellen auf...und er kennt sich aus!
Der Autor Bart Ehrman machte innerhalb seiner Studien fast schon eine Konversion vom Paulus zum Saulus durch. Er kommt ursprünglich aus einer der konservativsten und dogmatischsten Ecken des amerikanischen Christentums (Moody Bible Institut, where Bible is our middle name, hard core christianity for the fully committed). Er glaubte bedingungslos an die buchstäbliche Richtigkeit von Gottes Wort in der Bibel. Im laufe seiner Studien an zunehmend weniger extremen Instituten (zunächst Wheaton College, only for evangelical Christians, dann Princeton Theological Seminary) wurde ihm jedoch irgendwann klar, dass. es so etwas wie eine "verbindliche" Version von Gottes Wort schon allein deswegen nicht geben kann, weil es keinerlei "Urtext" aus der damaligen Zeit gibt, und die vielen Abschriften und Kopien "in mehr Stellen voneinander abweichen, als es Worte im Neuen Testament gibt". Dies ist keine Übertreibung, sondern bereits seit einigen hundert Jahren allgemein bekannt. John Mill beschrieb schon im 18. Jahrhundert mehr als 30.000 Abweichungen zwischen unterschiedlichen Kopien der griechischen Texte des NT. Inzwischen kennt man über 100.000.
Ehrman führt den Leser systematisch durch die Geschichte der Exegese, und bespricht ausführlich die Gelehrten (von Erasmus von Rotterdams erster gedruckter griechischer Ausgabe des NT, die unkritisch die meisten Fehler übernommen hat, über besagten John Mill, Richard Bentley, Johann Albrecht Bengel, bis zu Lachmann und von Tischendorf) die in den jeweiligen Jahrhunderten wesentliche neue Erkenntnisse lieferten. Z.B. beschreibt er wie erst im 19. Jahrhundert von Tischendorf den Codex Sinaiticus entdeckte, die älteste vollständige Kopie der Bücher des NT. Nicht etwa aus der Zeit der Evangelisten, sondern aus dem 4. oder 5. Jahrhundert. Dies ist für jemanden, den das Thema interessiert, eine Art "Götter Gräber und Gelehrte" der Bibeltexte, doch für andere Leser sicherlich ermüdend. Da Ehrman allerdings wirklich vom Fach ist und zahlreiche Bücher und Beiträge für Experten geschrieben hat, kann man seinen Bericht eher als bare Münze nehmen, als der eine oder andere oberflächliche Spiegel Artikel.
In den folgenden Kapiteln geht er auf einige der wesentlichen Abänderungen der heute von den Kirchen gepredigten Texten ein, von denen die Experten inzwischen klar wissen, dass sie im Laufe der Jahrhunderte ergänzt bzw. verändert wurden, und so nie bei den Evangelisten oder Paulus gestanden haben können (und demnach sogar nach der Logik der Gläubigen natürlich nicht Gottes Wort sein können, sondern höchstens das Wort eines eifrigen Schreibers aus einem frühchristlichen Scriptorium). Als Beispiel seien genannt das Ende des Markus Evangeliums mit der Auferstehung Christi, sowie einer der berühmtesten Berichte der Bibel, die Steinigung der Sünderin (wer ohne Sünde ist werfe den ersten Stein").
Wie gesagt, das ist alles ziemlich interessant und lesenswert. Dennoch sollte man sich davon in den überwiegenden Kreisen der Bevölkerung keinerlei aufklärerische Effekte erhoffen. Der Glaube vieler Menschen ist derart (per definitionem irrational") implementiert, dass man sie nicht durch kritische Exegese ins Grübeln bringt. Ehrman selbst ist hier eine löbliche Ausnahme, den seine Studien eher säkularisierten. Die Tradition der Kirche ist inzwischen stärker als es jede Textkritik auch nur sein könnte, und viele Gläubige (insbesondere in den USA) denken sowieso, dass die Bibel ursprünglich von Gott in Englisch diktiert worden ist, und kümmern sich wenig um Abweichungen in irgendwelchen griechischen Manuskripten.
Fazit: Wer sich wirklich für dieses Thema interessiert (und auch die Bibelstellen kennt), für den lohnt sich das Buch. Wer aber nur auf den Spuren der 4 Apokalyptischen Reiter des Atheismus (Dawkins, Dennett, Harris, Hitchens) wandelt, der sollte lieber deren Bücher lesen. Dieses Buch hier eignet sich nicht zum Widerlegen des christlichen Glaubens oder gar des Glaubens allgemein. Auf der anderen Seite werden natürlich Leute, die an die buchstäbliche Wahrheit der Bibel glauben, hier auch nicht glücklich werden.