Diese Aufnahme ist ausschließlich Kompositionen von Gregorio Allegri (1582 - 1632) gewidmet, der in Diensten des Vatikans bei Papst Urban VIII. stand und dessen "Miserere" bis 1870 in der Karwoche nur in der Sixtinischen Kapelle aufgeführt werden durfte. Es war darum streng gehütetes Geheimnis des Vatikans, eine Kopierung war ausdrücklich verboten. Wolfgang Amadeus Mozart hatte jedoch 1770 die Komposition aus dem Gedächtnis niedergeschrieben und sie dadurch der Allgemeinheit zugänglich gemacht. Dem Geniestreich von Mozart ist es zu verdanken, dass die Komposition nicht verloren gegangen ist.
Das "Miserere" besticht durch magische Schlichtheit, die in ihrer Größe und Tiefe kosmische Dimensionen suggeriert, jedenfalls aber mit überirdischer Schönheit erstrahlt und in idealer Weise zu den orgiastischen Wand- und Deckmalereien, die überwiegend von Michelangelo Buonarroti (1475 - 1564) stammen, zu passen scheint (gewaltig-wuchtige Klanggemälde würden hingegen den Besucher in der Sixtinischen Kapelle erschlagen). Das Miserere ist für zwei Chöre mit 5 und 4 und somit insgesamt 9 Stimmen komponiert. Auf vorliegender Einspielung handelt es sich um Solisten in den Stimmfächern Sopran (2), Haute-Contre (2), Tenor (3), Bariton (1) und Bass (1), kraftvolle und schöne Stimmen, die sich zu resonanzreichen Klangbündeln formieren können, aber auch im erhabenen Gefühl makellos überzeugen.
Am Anfang und am Schluss werden zwei unterschiedliche Fassungen des "Miserere" dargeboten (nach historischen Dokumenten des 17. Jahrhunderts bzw. editierten Fassungen zwischen dem 18. und 19. Jahrhundert). Dazwischen erklingt die Messe "Vidi turbam magnam" und ertönen drei Motetten. Die Aufnahmen datieren aus dem Jahr 1994 und entsprechen modernster Klangtechnik. Einziges Manko ist der Umstand, dass die Begleitbroschüre in mehreren Sprachen verfasst ist, aber eine deutsche Übersetzung fehlt. Das Booklet erscheint aber auch sonst recht dürftig. Nur deshalb, weil eigentlich mehr als 5 Sterne vergeben werden müssten, habe ich von einem Punkteabzug abgesehen.
Berühmte Persönlichkeiten der Klassik und Romantik, darunter auch Goethe, haben sich über das "Miserere" von Allegri bewundernd geäußert. Mendelssohn hat die Eindrücke, die ihn besonders faszinierten, in zwei Briefen wie folgt beschrieben: "...Bei jedem Palmverse wird eine Kerze ausgelöscht ...Der ganze Chor intoniert fortissimo eine neue Psalmmelodie: das Canticum Zachariae in D moll; die letzten Kerzen gehen dann aus; der Paps verlässt seinen Thron, wirft sich vor dem Altar auf die Knie, und Alle mit ihm; sie sagen ein pater noster sub silentio... und sogleich nachher fängt das Miserere an, pianissimo... Das ist für mich eigentlich der schönste Moment des Ganzen.."(Brief vom 04.04.1831). "Es ist eine Todtenstille in der ganzen Capelle während dieses pater noster; darauf fängt des Miserere mit einem leisen Accord der Stimmen an, und breitet sich dann aus in die beiden Chöre. Dieser Anfang, und der allererste Klang, haben mir eigentlich den meisten Eindruck gemacht...nach der Stille kommt nun ein schön gelegter Accord; das thut ganz herrlich, und man fühlt recht innerlich die Gewalt der Musik" (Brief vom 16.06.1831).