Von unserem Spiegelbild erwarten wir eine gewisse Zurückhaltung, was Eigenmächtigkeit im Verhalten angeht. Es soll - und darin weichen unsere Erwartungen an es von denen ab, die wir bezüglich vieler unserer Mitmenschen hegen - nur gerade so viel tun wie wir selbst. Was geschieht nun aber, wenn diese Spielregeln gebrochen werden und sich ein Dämon unser Spiegelbild zunutze macht, um uns seinen Willen aufzuzwingen?
Die meisten von uns dürften in eine solche Situation sicherlich niemals kommen. Aber nachdem ich Alexandre Ajas Gruselfilm "Mirrors" (2008) angesehen hatte, erschien mir die Vorstellung, einen Vollbart zu tragen, nicht mehr so abwegig. Aja erzählt die Geschichte des ehemaligen Polizisten Ben Carson (Kiefer Sutherland, der mir trotz seiner optischen Ähnlichkeit mit Johannes B. Kerner, dem wohl schwiegersohnähnlichsten Menschen der Welt, ausnehmend gut gefällt). Carson, infolge eines Traumas - er hat im Dienst einen Menschen erschossen - an den Alkohol geraten und von seiner Familie getrennt, doch jetzt wieder auf dem Wege zurück ins Leben, nimmt einen Job als Nachtwächter des ausgebrannten Mayflower-Kaufhauses an, das auf dem Grundstück einer Nervenheilanstalt errichtet worden ist, die nach einer Tragödie geschlossen werden mußte. Bald schon muß er feststellen, daß die Spiegel in der heruntergekommenen Ruine ein unheilvolles Eigenleben führen und daß er - schlimmer noch - eine dunkle Macht auf sich aufmerksam gemacht hat, die ihn und seine Familie über jeden x-beliebigen Spiegel bedrohen kann.
Auch wenn "Mirrors" ein Remake eines koreanischen Horrorfilms von 2003 sein dürfte, finde ich die Idee doch um vieles origineller als den Grundgedanken in Ajas "The Hills Have Eyes", einen Film, der mich persönlich nicht so vom Hocker gehauen hat. Der Grund ist einfach, daß unser Spiegelbild ja etwas sehr Persönliches ist und daß wir kaum einen Tag verleben können, ohne irgendwo auf einen Spiegel zu stoßen, so daß man sich immer wieder an den Film erinnert fühlt. Der Vorstellung, plötzlich einem Doppelgänger gegenüberzustehen, haftet eben auch von alters her etwas Unheimliches an, und sie wurde bereits oft in der Literatur verwendet, denkt man beispielsweise nur an E.T.A. Hoffmanns "Die Elixiere des Teufels". Am schauerlichsten beschreibt solch eine Begegnung freilich Guy de Maupassant, einer der Meister des subtilen Grauens, in einer Kurzgeschichte namens "Lui?"
Aja kommt im großen und ganzen an vielen Stellen seines Filmes an den unterschwelligen Horror heran, den Maupassant in seiner Erzählung heraufbeschwor, auch wenn seine Geschichte bei weitem nicht so geheimnisvoll ist und vor allem am Ende durch das sehr übertriebene Finale - Feuer, Explosion, Kampf in den Katakomben und nächtliche Ruhestörung in großem Stil - ein wenig langweilt. Sein Protagonist ist gänzlich Gefangener der Situation, denn der Dämon im Spiegel läßt sich - dies wird symbolisch durch eine sich von Geisterhand schließende Tür angedeutet, die zufällt, nachdem Carson in einen Keller hinabgestiegen ist - nicht mehr abschütteln, bevor Carson nicht eine ihm gestellte Aufgabe erfüllt hat, und Carsons Versuch, das Unheil von seiner Frau und seinen Kindern abzuwenden, wird als spannender Wettlauf gegen die Zeit dargestellt.
Sicher kommt es zu der ein oder anderen stereotypen Situation, und jeweils für sich genommen vermeinen wir all die Elemente der Story schon einmal gesehen zu haben, doch langweilig wird es - mit Ausnahme der Situation kurz vor dem Ende - eigentlich nie. Ein kleiner Wermutstropfen besteht freilich auch darin, daß Amy Smart in ihrer Rolle nur verhältnismäßig kurz zu sehen ist, aber auch dies tut dem Film insgesamt keinen Abbruch.
Insgesamt gilt mir "Mirrors" als Film, den man sich auch noch ein zweites Mal anschauen kann - wenn man denn gelernt hat, sich blind zu rasieren.