Wir schreiben das Jahr 1992. In der Abgeschiedenheit seiner Ranch im Norden Kaliforniens hockt Neil Young und grübelt. Draußen in der weiten Welt schlagen Musikkritiker seit einiger Zeit vor Begeisterung Purzelbäume angesichts einer "neuen" Stilrichtung, die man Grunge nennt. Aufrechte Jungs aus Seattle und Umgebung, die sich keinen Deut um Chartsplatzierungen scheren und ihre schlaksigen Oberkörper in karierte Flanellhemden hüllen, drehen die Verstärker auf. Neil, der sich von seiner letzten Plattenfirma getrennt hat, nachdem diese ihm wegen notorischer Unkommerzialität seiner Musik mit Klage gedroht hatte, stutzt: Agressiver Gitarrensound mit reichlich Feedback? Das hat er doch schon Ende der Sechziger gemacht! Und was die Flanellhemden betrifft: In so einem Ding wird er eines Tages begraben.
Was folgt, ist "Das Imperium schlägt zurück, Teil II". 1995 schnappt sich unser Mann, der in einigen Monaten seinen Fünfzigsten feiern wird, die sechs Jungspunde von Pearl Jam, die sich längst als glühende Bewunderer des fidelsten Althippies unter der Sonne geoutet haben, und marschiert mit ihnen ins Studio. Das Ergebnis, das Album "Mirrorball", wird ihm seinen größten Verkaufserfolg seit seinem Superseller "Harvest" (1972) bescheren und die geistige Urheberschaft der (vermeintlich) neuen Musikrichtung klarstellen. Als "Don Grungeone" oder "The Godfather of Grunge" wird Neil Young seitdem nämlich gefeiert. Los geht's mit "Song X". "Hey ho away we go/We're on a road to never..." wird da von einem rauen Shantychor die "Generation X" besungen. Das klingt wie sieben Mann auf des toten Cobains Kiste - und die Gitarren voll Feedback. Das nach vorne preschende "The Act Of Love" macht klar, dass sich auf diesem Longplayer gleich drei Gitarreros das Brett geben. Dieser Song behandelt zwar das Thema Abtreibung, es fallen aber Sätze, die in düsterer Vorahnung den 11. September vorwegzunehmen scheinen:"The holy war was slowly building heroes leaving for the great crusade/Seek reward in the ever after, ever after, ever after...". "I'm The Ocean" ist mein persönliches Lieblingsstück. Der Titel ist Programm: Nicht enden wollende Textfluten, begleitet von vorwärts treibenden Gitarren, branden über den Hörer hinweg, bis Neil nach sechs kurzweiligen Minuten zum Finale kommt: "I'm the ocean, I'm the giant undertow..." "Downtown" erweist den Größen der Sechziger die Reverenz - als auch Mr. Youngs lange Karriere begann: "Jimi's playin' in the backroom, Led Zeppelin's on stage/There's a mirrorball twirlin' and a note from Page..." Zugegeben: "Mirrorball" ist eine Neil-Young-Platte, die ausschließlich aus Neil-Young-Kompositionen besteht. Ein Titel wie "Throw Your Hatred Down" demonstriert aber eindrucksvoll, was hier anders ist: Während die Raubatze von Crazy Horse wie muskelbepackte Schwergewichtler daherstampfen, gehen Pearl Jam mit der Leichtfüßigkeit eines Sven Ottke zu Werke. Diesen Song mit seinen flinken Gitarrenläufen hätte Neil mit seiner etatmäßigen Band nicht einspielen können. So ist es leider kein Wunder, dass er all diese Stücke lediglich auf seiner 95er-Tournee, die er eben mit Pearl Jam - auf den Plakaten durften sie aus vertragsrechtlichen Gründen lediglich als "Neil Young & Friends" erscheinen - durchführte, live zum Besten gab.
"Mirrorball" ist ein Album, für das es nur fünf Sterne geben darf. Dies gilt jedoch nicht für die neunmalkluge SPEX-Rezension, die ebenfalls auf dieser Seite zu lesen ist. Nichts für ungut, aber "I'm an Aerostar, I'm a Cutless Supreme" mit "Ich bin ein Stern, ich bin das erhabene Wissen" zu übersetzen, zeugt bestenfalls von blühender Fantasie, lässt aber auch den wohlmeinensten Englisch-Leistungskurs-Lehrer zu seinem dicksten Rotstift greifen. Zur Information: "Aerostar" und "Cutless Supreme" sind amerikanische Oldtimer, von denen Neil mittlerweile einen ganzen Fuhrpark besitzt und die wohl als Metapher für die Dynamik von "I'm The Ocean" stehen. Aber wie bemerkte doch schon Ringo Starr im Rückblick auf die Beatles-Zeit: "So viele Leute interpretierten unsere Songtexte, dass wir zum Schluss selber nicht mehr wussten, was wir eigentlich damit sagen wollten..."