Das Unangenehme vorweg: Eigentlich sollten die Lepps insgesamt noch drei Sterne für diese Scheibe bekommen, versehen mit dem Hinweis, dass diese Bewertung nicht zu halten wäre, wenn sie doch noch auf die Idee kommen, die insgesamt drei neuen Studiotracks am Ende dieses Silberlings auf das angekündigte neue Studioalbum zu packen. Genau das hat Joe Elliott aber nun in einem Interview mit dem Organ THISISNOTTINGHAM in Aussicht gestellt. Damit geht ein echter Kaufanreiz flöten und aus drei werden zwei Sterne.
Aber zum Album:
Eine der Institutionen im melodischen Classic Rock - die britische Stadionrock-Legende DEF LEPPARD - hat in ihrer dekadenwährenden Historie so ziemlich alles probiert: megalomanische Produktionen (Hysteria, Adrenalize), alternative Sounds (Slang), spontan auf Reisen Eingetütetes (Songs From The Sparkle Lounge), ein Raritätenalbum (Retroactive), ein Cover-Album, diverse Best Of und zahlreiche akustische Interpretationen eigener Hits.
Was fehlt, ist ein klassisches Live-Album. Joe Elliott riet den fordernden Fans in der Vergangenheit, das Video/die DVD zu 'In The Round'In Your Face' laufen zu lassen und den Bildschirm abzuhängen. Live-Tracks wurden allenfalls auf B-Seiten von Singles oder auf Sondereditionen von Studioalben (Pyromania Deluxe Edition - Live At The Great Western, Adrenalize Deluxe Edition - In The Club'In Your Face EP; Slang Special Edition - Unplugged in Singapore, Vault Special Edition - Live From Don Valley) oder auf DVD (Euphoria Tour 1999) offeriert. Aus der Flut unzählbarer Bootlegs sind darüber hinaus noch die essentiellen 'Young & Wild', 'Live USA '88' und ganz besonders 'White Lightning 1992' zu erwähnen.
Jetzt nutzte die Truppe eine Tourneepause, um Bänder von Konzerten seit 2008 auszuwerten und ein klassisches Live-Album ganz in der Tradition von Scheiben wie 'Three Sides Live' von GENESIS, 'Swallow This Live' von POISON und 'Live'In The Still Of The Night' von WHITESNAKE zusammenzustellen: drei Viertel des Albums bestehen aus Live-Takes, die dann durch eine Hand voll neuer Studio-Tracks angereichert werden. Allerdings haben die oben genannten Bands darauf verzichtet, diese Extra-Tracks dann auch auf dem kommenden Studio-Output nochmals zu verwerten.
In Bezug auf die Songauswahl stehen die Leps ja seit Jahren in einem Dilemma. Live finden sie mit wenigen Ausnahmen nur noch in den USA statt. Dort ist die Erwatungshaltung, dass sämtliche Hits der Megaseller 'Pyromania', 'Hysteria' und 'Adrenalize' gespielt werden. Viel Raum für anderes bleibt da nicht. Das spiegelt sich auch in der Auswahl für diese Live-Scheibe wieder, die offensichtlich für den amerikanischen Fan den Soundtrack zum Konzertbesuch bieten soll. Von 'On Through The Night' wird gar nichts angeboten, nicht einmal das bis in die 90er gerne in die Setlist genommene 'Wasted'. 'High 'N' Dry' ist nur mit dem Klassiker 'Bringin' On the Heartbreak/ Switch 625' vertreten. Auch die Alben 'Slang', 'Euphoria' und 'X' werden komplett außen vor gelassen, obwohl in der Vergangenheit die Songs 'Slang', ' Work It Out', 'Deliver Me', 'Promises', 'Paper Sun', 'Long way To Go' und '4 Letter Word' immer mal wieder den Weg auf die Bühne fanden. Kurzum, das Album wird keinesfalls der Hoffnung, hier eine vernünftige Schau von Live-Takes aus allen Schaffensphasen der Leoparden zu bekommen, gerecht.
Platz für die genannten und einige andere Klassiker wie 'Let It Go', 'Stagefright', das seit viel zu vielen Jahren verbannte 'Gods Of War', 'White Lightning' etc. hätte man auch schaffen können, wenn man auf Cover-Songs (Action, Rock On) und die schwachen, mittlerweile völlig abgegriffenen, aber seit Jahren aus der Setlist nicht wegzudenkenden Tracks 'Let's Get Rocked' und 'Make Love Like A Man' verzichtet hätte. Gerade bei 'Action' geht einem jedes Verständnis für die Aufnahme des Songs ab. Ja, die Leps sind SWEET-Fans und ja, die Nummer rockt und ist gekonnt leppardized. Deswegen daraus eine Single zu machen, das Lied auf den Best Of zu bringen und ständig live zu spielen, ist eine Sache. Es und nun auch noch auf das Live-Album zu setzen, ist schlicht übertrieben.
Alle anderen Tracks sind in der Tat unverzichtbar und haben ihre Berechtigung auf diesem Album. Allerdings wäre es - gerade vor dem Hintergrund, dass es um ein Live-Album geht - spannender gewesen, man hätte die etwas anders und epischer arrangierten Live-Fassungen, wie sie z.B. bei 'Rocket' und 'Love Bites' auf der Vault-Special Edition und bei 'Hysteria' in den 90er Jahren gespielt wurden, präsentiert.
Begrüßenswert ist es, dass mit 'C'Mon C'Mon', 'Nine Lives' und 'Bad Actress' immerhin drei Nummern des letzten Studiooutputs livehaftig dargeboten warden. Gitarristisch wäre es da noch schön gewesen, das Duell Campbell/Collen im Album-Opener 'Go' mal in Echtzeit oder den griffigen, bei Jovi's 'Have A Nice Day' angelehnten Rocker 'Gotta Let Go' angeboten zu bekommen.
Elliotts Stimme, die in den letzten Jahren nicht immer Top Of The Pops war, klingt erstaunlich gut und allein der charakteristische Chorgesang zeigt auf, was für eine starke Live-Band die Truppe immer noch ist.
Für langjährige Fans der Truppe kommt das eigentlich Spannende erst zum Schluß: mit 'Undefeated', 'Kings Of The World' und 'It's All About Believin' kommen immerhin drei von ursprünglich fünf geplanten neuen Studiotracks zum Zuge.
'Undefeated' ist ein Klasserrocker, dessen Refrain gleich im Ohr bleibt. Man hätte sich mehr Songs dieser Güte auf den letzten Studioalben gewünscht. Der Song hat das Zeug zum Lep-Klassiker.
'Kings Of The World' wurde als epische Hymne angekündigt, bedient sich aber noch ungenierter bei QUEEN - da ganz besonders bei 'Friends Will Be Friends' - als es bereits 'Love' auf SFTSL getan hatte. Epik und DEF LEPPARD ließ einen auf einen 'Gods Of War'- oder 'White Lightning'-Bruder hoffen und nicht auf eine solch plüschige Bombast-Nummer. Entäuschend!
'It's All About Believin' - mit einem The Edge huldigenden Gitarrenintro - aus der Feder Collens ist dann ein feiner, melodiöser Poprocker, der es vielleicht nicht in die Top 20 der eigenen Hits schafft, aber auch kein Reinfall ist.
Wieviel Sterne soll man für das Album vergeben? Für die, die nur an den Hits interessiert sind und gerne Live-Alben lauschen, ist es allemal vier Sterne wert. Aber auch da wäre es im Hinblick auf eine echte Live-Atmosphäre sicher spannender gewesen, einen kompletten Gig mit allen Ecken und Kanten, Solo-Spots, aber eben auch dem für Live-Veröffentlichungen so unverzichtbaren dramaturgischen Aufbau einer bestimmten Setlist eines bestimmten Abends zu präsentieren. Für langjährige Fans, die schon den einen oder anderen Bootleg besitzen oder sich an den o.a. Live-Cds bedient haben, sind an dem in weiten Teilen überraschungsarmen Album allenfalls die neuen Tracks und die Nummern von 'SFTSL' im Live-Gewand von Interesse, die nach der eingangs erwähnten Ankündigung wohl aber ohnehin auf dem nächsten Studio-Longplayer zu finden sein werden. Obwohl eine Menge Hits geboten werden, gibt es daher mit Fanbrille für die wenig inspirierende Songauswahl somit leider nur zwei Punkte. Bloße Symphatisanten der Band, die sich lediglich einen Live-Best-Of in den Schrank stellen wollen, können aber natürlich gerne zugreifen.
Auch die Bonus-DVD holt da die Kohlen nicht mehr aus dem Feuer. Gerade einmal vier Tracks werden live präsentiert (Rock! Rock! (Till You Drop), Armageddon It, Pour Some Sugar On Me und Hysteria). Dazu hat man dann die altbekannten Promo Videos 'Nine Lives' - mit dem auch visuellen Gastauftritt des Country-Stars Tim McGRaw - und 'C'Mon C'Mon' gepackt sowie einige Interviews und eine Dokumentation. Die vier Live-Videos zeigen, welche bombastische Show die Truppe auch heute noch bei ihren Konzerten in den USA auffährt, und sind aufwendig gefilmt; man spielt zwar seit Jahren nicht mehr in der Hallenmitte, aber dafür wird im Bühnenhintergrund mit einer Riesen-Videowand operiert, auf der mit tollen Effekten, Grafiken und Bildern - auch aus der Bandhistorie - die Show untermalt wird. Da ist es ärgerlich, daß man keinen kompletten Gig mitgeschnitten hat. Die DVD ist daher zu dem genialen, aber auch schon über zwanzig Jahre alten
Def Leppard - Historia / In The Round In Your Face und den ordentlichen
Def Leppard - Live In Japan - Euphoria Tour und
Def Leppard - Live in Sheffield keine ernstzunehmende Alternative.
Ganz ehrlich, die beiden Promo-Videos konnten zwar aufgrund Ihres Enstehungszeitpunktes nicht auf den auf den letzten beiden Best-Of-DVDs berücksichtigt werden, sind aber auch nicht derartig hochwertig, daß sie allein den Kauf der Special-Edition mit der DVD rechtfertigen würden.