Mirjam - der richtige Name Maria Magdalenas, in ihrer Muttersprache Aramäisch. Luise Rinser nennt alle Orte und Personen bei ihrem "wahren" Namen, vielleicht um von vornherein jegliches Cliché zu vermeiden. Schließlich will sie eine alte Geschichte neu erzählen, aus einer anderen Perspektive, aus der Sicht eben jener Mirjam aus Magdala. Einer Frau, die als Hure abgestempelt wurde, um zu verdrängen, was sie vor allem war: Eine Jüngerin Jesu. Leidenschaftlich und stolz, den Männern unheimlich und ein ewiges Rätsel - man ist sehr geneigt, Luise Rinser zu glauben, daß die Rolle dieser Frau heruntergespielt wurde, weil sie nicht ins Bild paßte. Es ist beeindruckend, wie sie es schafft, eine andere Sicht auf die Dinge zu werfen, wie sie die ganz menschlichen Charaktere der Apostel nachzuzeichnen versteht: Johannes, der griechisch beeinflußte Philosoph, Simon Petrus und sein Kinderglaube, Judas kein Verräter, sondern ein Verzweifelter, der zum Terroristen wird. Man kennt den Ausgang der Geschichte, und doch bleibt es spannend bis zur letzten Seite. Man fühlt sich heimisch darin, alles ist nachvollziehbar, das Motiv vertraut: Junge Menschen, die die Welt verändern wollen. Vielleicht ist dieses Buch näher an der Wahrheit als alles, was sonst je darüber geschrieben wurde. Rinser berichtigt sogar Luther: Eher geht ein Schiffstau durch ein Nadelöhr, als ein Besitzender in das Reich des Geistes, so hiess es im Orginal. Die Geschichte mit dem Kamel war ein dummer Übersetzungsfehler, der bis heute in jeder deutschen Bibel zu finden ist. Was diese Frau sucht, sind keine vorgefertigten Wahrheiten. Das Denken laesst sie sich nicht nehmen. Und sie sucht weiter. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)