"Keine Frauengestalt hat mich in den letzten Jahren mehr beeindruckt als Bonne Mirabilis. Ein magisches, wunderbares, überraschendes Buch", frohlockt Donna W. Cross, Autorin der "Päpstin", auf dem Backcover. Diese euphorische Äußerung verweist indes weniger auf die tatsächliche Qualität des hier zu rezensierenden Romans als vielmehr auf die erschütternde Beschränktheit ihrer eigenen Phantasie.
Im französischen Villeneuve des 14. Jahrhunderts fristet Bonne Mirabilis ihren kargen Lebensunterhalt als Amme. Das Blatt scheint sich für sie zu wenden, als sie die Bekanntschaft der Edelfrau Radegonde macht, die sie für ihr in Bälde erwartetes Kind vorverpflichtend in Anstellung nimmt. Doch während sich die beiden Frauen näher kommen, braut sich über ihrer Mäzenatin das Unheil in Form verschlagener Kleriker und einer unheilvollen Verfügung ihres kürzlich verstorbenen Gatten zusammen, der das weitere Schicksal Radegondes testamentarisch vom Geschlecht seines Sprosses abhängig zu machen gedachte.
Die Autorin, so versichert der Verleger, habe Geschichte studiert und lehre an der University of California. Wir müssen dies wohl glauben - denn ableiten könnten wir es aus dem Text gewiss nicht: Die Geschichte hat mit dem tatsächlichen Mittelalter in etwa so viel gemein wie eine Prinzessinnen-Barbie. Das Werk einen "historischen Roman" zu nennen, ist eigentlich grob irreführend: Geschichtliche Umstände erfüllen hier bestenfalls den Zweck der Dekoration. Weder wird die Schilderung an entscheidender Stelle detaillierter (So wird z.B. die die Lage der gesamten Stadt radikal verändernde Belagerung durch die Engländer - Wann? Wo? Wie? - quasi nebenbei erwähnt - doch außer, dass es allen schlechter geht, erfährt man darüber nahezu nichts!), noch lässt die Autorin vor unseren Augen das lebendige Bild einer mittelalterlichen Stadtgesellschaft entstehen, in welcher wir zeitspezifisches Denken und Handeln beobachten könnten. Die beiden Hauptfiguren wirken in ihrem Denken und Reden vielmehr anachronistisch modern (was jedoch keinesfalls mit intelligent gleichgesetzt werden sollte).
Überhaupt scheint die Charakterisierung der Protagonisten ein größeres schriftstellerisches Problem dargestellt zu haben. Die auftretenden Figuren stellen - ebenso plakativ wie platt - ausschließlich Clichés dar: Bonnes Freund Gottfriedus ist ein frommer Spinner, der jeden Hauch von Zuneigung durch seinen religiösen Spleen schon ewig im Voraus torpediert; der missgünstige Zwerg Hercule ist äußerlich ebenso abstoßend wie charakterlich verschlagen. Lady Radegonde ist selbstredend wunderschön und intelligent (zumindest wird ihr das unterstellt), die niederträchtigen Priester hingegen durchweg fett und hässlich, gierig, verlogen und dumm wie Brot. Kein Akteur, der sein Motiv nicht bereits durch seine Erscheinung vorweg nähme. (Tatsächlich gibt es außer Gottfriedus, der zwischen seinem Zölibatsideal und dem Hingezogensein zu Bonne hin- und hergerissen ist, keine Figur, die auch nur ansatzweise so etwas wie einen inneren Konflikt aufweisen würde.) Haben die misogynen Kleriker dann mal mit Radegonde direkt zu tun, agieren sie nochmal so dumm, um erstere nur ach-wie-gerissen erscheinen zu lassen. Das Werk ist nicht nur formal wie ein Tagebuch aufgebaut, es charakterisiert seine Figuren auch exakt so. Praktisch bedeutet dies, dass die Autorin ihre Protagonisten nicht als Personen nach ihrer eigenen Motivation handeln lässt; vielmehr verbündet sie sich mit ihren Hauptfiguren, die sie idealisiert, deren Feinde aber hasst und verachtet und dementsprechend eindimensional darstellt.
Wenn es sich bei dem Buch nun nicht wie irrtümlich - und vielleicht kaufentscheidend - zuerst angenommen um einen historischen Roman handelt, könnte man es eventuell in einer anderen Kategorie verorten. Verschiedene Szenen legen nahe, das ganze als lesbische Phantasie in mittelalterlicher Kulisse zu lesen. Doch tauchen entsprechende Szenen dann doch zu sporadisch und verhalten auf, und die erdrückende Banalität der Handlung überschattet jeden Anflug eines erotischen Knisterns.
Ein weiterer kritikwürdiger Punkt wurde dagegen bereits von anderen Rezensenten angerissen: Ist es für diese Art "Frauenliteratur", die - wohlgemerkt - nicht(!!) mit "Literatur von Frauen" gleichzusetzen ist, charakteristisch, ein clichéhaftes Weltbild zu entwerfen, in dem alle Männer dumm und frauenverachtend erscheinen, Frauen hingegen als überlegen porträtiert und durch die Erfahrung des Körpers zu einer die Individuen übergreifenden Einheit aller Frauen zusammengeschweißt werden sollen, so ist dieses Buch ein gutes Beispiel für das Versagen dieser Vorgehensweise, da die Autorin hagiographische Übertreibungen bezeichnenderweise als Realitäten behandelt (Bonne stillt später tatsächlich die gesamte Stadt - meine Güte!) und durch diese Interpretation die Illusion einer allen Frauen gemeinsamen Körperwahrnehmung ad absurdum führt.
Trotzdem zwei Sterne - nicht aus Überzeugung, sondern um der Möglichkeit des Vergleichs willen: Vielleicht werde ich ja irgendwann doch noch die "Päpstin" rezensieren.