Wesentlich kommt's wohl darauf an, was man von dem neuen Album eines Künstlers erwartet, dessen bisherige Musik man bereits kennt. Bei Cassandra Steen erwarte ich gefühlvollen und melodischen Soul-Pop, wie sie ihn beispielsweise auf ihrem Vorgängeralbum "Darum leben wir" darbietet. Doch "Mir so nah" klingt anders, sogar viel anders. Plötzlich rückt Cassandras Stimme in den Hintergrund und wird von lauten Synthiesounds übertönt. Teilweise sind die Titel dermaßen mit technischen Soundspielereien überladen, dass sie nur noch anstrengend wirken und stimmlich bringt Cassandra auch nicht so viel Gefühl rüber wie ich mir erhofft hatte. Nach dem ersten Durchhören der CD war ich dann auch ziemlich enttäuscht und irritiert. Mittlerweile nach einigen Durchläufen habe ich mich schon etwas mehr mit der Musik angefreundet. Cassandra präsentiert uns solide Popmusik, sehr technisch, manchmal extreme Discomusik, manchmal auch ruhiger und leiser. Allerdings klingen die Titel auch beliebig und austauschbar, was man von Frau Steen bisher nicht kannte.
Gebt alles - Eingängige und gut tanzbare Popnummer. Allerdings finde ich hier den Text etwas seltsam, Aufzählungen nach dem Motto: Sängerin sing lauter, gib alles. Nun ja, wohl auch nicht die optimale erste Singleauskopplung.
Lange genug Zeit - Der Sound wartet mit vielen kleinen Spielerein auf, ein kleines Klimpern da, ein schiefes Dröhnen dort. Der Bass ist monoton und leicht nervig. Schön sind die gelegentlichen Tempo- und Soundreduzierungen, da hört man Cassandra mal klar und deutlich singen.
Soo - Unverkennbar aus der Feder von Pelham/Haas und das ist gut so. Die Melodie fließt ruhig dahin, die Musik besteht aus schönen Gitarren- und Streicherklängen und einem dezentem Grundsound. Cassandra singt schön und gefühlvoll und man kann sie endlich mal gut hören. Toll.
Tanz - Klimper-Tingel-Tangel-Sound aus dem PC. Die Melodie ist schön und eingängig und nach mehreren Durchläufen hängt sich der Titel regelrecht im Kopf fest. Gesanglich kein Glanzstück, auch wenn Cassandra am Ende noch mal Gas gibt.
Leben - Hier passt etwas gar nicht. Der Sound ist dermaßen überladen mit Elementen die einfach nur befremdend wirken, erst sind diese arabischen Klänge (die sich durch den ganzen Titel ziehen), dann kommen laute bassähnliche Synthieelemente dazu und ein relativ flotter Sound entsteht. Gesang und Melodie scheinen von einem völlig anderem Lied zu stammen. Seltsam und anstrengend.
Symphonien - Den Titel hat sich Cassandra wohl bei Disco-Kylie ausgeliehen. Sehr schwache Performance, bei der man ständig das Gefühl hat, dass Cassandra dem Sound hinterher jagt, der ist aber immer schneller. Das durchgehende Synthieelement ist besonders nervig.
Ich lasse jetzt los - "Wie lang tat ich mir Gewalt an. Ich riss an allen Schaltern." Diese Textzeile aus dem Titel beschreibt ihn recht gut. Dabei beginnt der Song so vielversprechend mit einem schönem klassischem Klaviersolo, doch dann passiert's: Ein heftiger Sound mit berohlichem Bass und Schlagzeug setzt ein. Cassandra klingt, als will sie dem Zuhörer jeden Moment an die Kehle springen. Mich erinnert der Titel starkt an Sabrina Setlur, deren Musik auf ihrem Album "Die neue S-Klasse". "Es gibt Nichts zu verstehen."
Wenn Liebe ihren Willen kriegt - Das ist für mich der stärkste Song des Albums. Ein geiler, langsamer Sound mit einem Klavierelement, das immer wieder von Breaks durchzogen ist dazu gibt's eine schöne dezente E-Gitarre. Cassandras Stimme klingt ruhig und beherrscht, relativ tief aber dennoch stark und gut. Melancholisch schön und bewegend.
Prophetin - Schöner Poptitel mit eingängiger Melodie. Der Sound ist schön und nicht so aufdringlich, Cassandra strahlt stimmtechnisch und gefühlsmäßig. Ein typischer Naidoo-Song, eigentlich das, was er schon immer schreibt. Scheint allerdings immer noch zu funktionieren.
Ich fühl es nicht - Und auch das ist typisch. Eines von Cassandras Herz-Schmerz-Klageliedern. Schön gesungen und auch die Melodie ist nicht schlecht. Gezielte Klavierelemente im Mittemposound untermauern den Herz-Schmerz. Hier finde ich auch den Text gut gelungen. Schön.
Geb mir mehr - Hier strahlt Cassandra mal richtig positive Energie aus. Schöner Sound, der optimal auf das Thema des Songs abgestimmt ist, die Melodie passt auch. Nur die Stimme will hier nicht richtig, außer im Zwischenteil.
Camouflage - Hier fehlen mir die Worte. Ähnlich wie Symphonien mit heftigen Discobeats unterlegt. Der Discosound soll wohl von der schwachen Melodie und dem unsinnigen Text ablenken. Besser wäre gewesen, den Titel nicht auf's Album zu nehmen.
Der erste Winter - Der Sound wirkt ein wenig bedrohlich passt aber zum Thema des Songs. Und da ist auch wieder das Anklagende in der Stimme, aber gefühlvoll und nicht schlecht gesungen. Die Melodie hat was von einer Hymne und der Refrain bleibt auch gleich hängen.
Komm näher - Der minimalistische Synthiesound wird durch schöne Streicherklänge verstärkt. Cassandra klingt richtig gut, vor allem der Refrain ist erstklassig. Auch wenn sich nach und nach wieder einige Soundspielereien einschleichen, so gelingt Cassandra am Ende doch noch ein schöner Song. Klasse.
Bleib einfach nur da - Der Hiddentrack konzentriert sich nochmal auf's Wesentliche. Cassandra singt nur von einem Klavier begleitet, gefühlvoll und schön. Eigentlich wie zu besten Glashaus-Zeiten.
Vielleicht sollte Cassandra sich doch einmal komplett neue Produzenten und Songwriter suchen, wobei ich die teilweise Rückkehr zu Pelham/Haas nicht einmal so schlecht finde. Die Titel, die die Beiden beigesteuert haben sind eigentlich die besten des Albums, wahrscheinlich wissen sie am Besten wie man Cassandras Stimme gut rüber bringt. Ich meine eher X. Naidoo, A. Tawil und Co, die ohnehin alle stark untereinander verwoben sind, und deren musikalische Pfade teilweise schon sehr ausgelatscht klingen.
Noch ein paar Worte zum Artwork. Das aufdringliche Pink im CD-Design ist absolut nicht mein Fall, es springt uns sogar in Form von Cassandras Lippenstift an. Das Booklet zeigt einige schöne Fotos der Sängerin und die Songtexte sind auch abgedruckt. Allerdings ist die Schriftart etwas schwierig zu lesen, noch schlimmer kommt's bei den Referenzen, kleinste Schrift in einem durchgängigem Block, hier hilft nur das Anlegen eines Lineals.
Insgesamt 3 Sterne = It's OK