Nach seinem doch etwas sperrigem Roman "Effekt" sampelt Ingo Niermann nun O-Töne aus dem Berlin des vergangenen Jahrzehnts: Leute, die etwas gemacht haben, damit mehr oder weniger Schiffbruch erlitten haben - und sich anschließend meist sehr respektabel den Sand aus den Anzügen geschüttelt haben und weitergegangen sind.
Die von den Interviewten erzählten Biographien und Erlebnisse scheinen teilweise filmreif. Man fragt sich: Ist das wirklich passiert? Ist es wohl, schliesslich lasen auf der Vorstellung in der Berliner Volskbühne echte Menschen aus ihren eigenen Gesprächsprotokollen und liessen sich anschliessend auch plausibel befragen.
"Minusvisionen" ist weniger ein Buch über das Scheitern, sondern über das Tun. Den Satz "Es kommt nicht darauf an, dass man keine Fehler macht, sondern dass man aus ihnen lernt" hat man tausend Mal gehört. Die Lektüre des Buches erleichtert es, ihn tatsächlich zu verinnerlichen. Lauter Stehaufmännchen, die zwar z.T. ganz gewaltig auf die Nase gefallen sind, aber inzwischen wieder Dinge tun, die ganz passabel funktionieren.
"Minusvisionen" ist dabei weit davon entfernt New Economy-bashing zu betreiben und genauso weit davon entfernt, die Kultur des schnellen Geldes zur Jahrtausendwende zu glorifizieren. Es stehen Künstler neben Internet-Unternehmern, und ein ungemein gewitzter Anlagebetrüger ist auch dabei. Dabei ist auch Norbert "Sebastian" Bleisch, der als Pornoproduzent mit sehr jungen Männern Anfang der 90er in Schwerin vom preisgekrönten Schriftsteller aus Versehen zum Weltstar im Porno-Business wurde und weniger für sich, als für den Verlag Millionen verdiente. Bleisch arbeitet inzwischen an seinem literarisch-dokumentarischem Opus Magnum über Friedrich den Großen.
Wer nach einer aktuellen Bestandsaufnahme der Befindlichkeit in Deutschlands Schmelztiegeln sucht, dem haben Niermann und seine Protokolle einiges zu erzählen. Statt sich von Florian Illies in fluffigem Feuilleton-Ton erzählen zu lassen, wer man denn mit seiner Generation sei, scheint es gescheiter, direkt aus dem Munde anderer über ihr Sein und Tun zu lesen - und sich selbst eigenständig dazu zu verhalten.
Echte blaue Augen, ein wenig Blut, überraschend gut lesbare Sprache und nicht die hundertste Erzählung über das Herumsitzen in Cafés und selbstreferentiellen Medien-Tratsch. Danke an die Pop-Fraktion, das war wichtig.
Jetzt aber bitte das wirkliche Leben. Fangt an damit und lest das Buch!