Zunächst: Dies ist kein Roman. Vielmehr handelt es sich um eine Sammlung einiger von Dicks unnachahmlicher SF-Storys. Das ist an sich nichts Schlimmes. Blöd nur, dass der Covereinband, der Klappentext und sämtliche Marketing-Kanonen, die der Verlag aufgefahren hat, etwas ganz anderes suggerieren.
Aber gut. Denn ärgern muss man sich beim Kauf dieses Buches nun wirklich nicht.
Es geht los mit einem informativen Vorwort, das einen kurz - aber leider wirklich nur kurz - in die Welt und das Schreiben von Philip K. Dick einführt. Tragisch an ihm ist ja, dass sein großer Ruhm erst posthum einsetzte. Viele seiner Geschichten entstanden unter enormem Zeitdruck. Nicht nur deswegen sind sie allerdings auch enorm temporeich, bauen eine große Spannung auf und haben meist - in guter alter Short-Story-Manier - eine unerwartete Wendung am Schluss, die selbst wenn man dieses Prinzip schon von vornherein kennt, immer noch überraschend und überzeugend kommt.
Die erste Story ist MINORITY REPORT selbst. Lohnt sich zu lesen, auch wenn man den Film und damit das Ende bereits kennt, denn sie weicht in einigen Punkten von der Leinwand-Adaption ab: Anderton ist bereits alt, kurz vor der Pension, und die Story ist auch nicht so ausgefeilt, das heißt bei weitem nicht so bildgewaltig [ach was ...] wie in dem Spielberg-Movie. Und nach 45 Seiten ist die Geschichte auch schon wieder vorbei. IMPOSTER, die zweite Story, spielt auf einer Erde, die sich im Krieg mit einer außerirdischen Intelligenz befindet - die Hauptperson wird verdächtigt, für die Gegenseite zu spionieren. Spannend bis zum Schluss! Etwas dagegen ab fällt SECOND VARIETY. Zwar ist hier das Setting deutlich ausgefeilter (die Geschichte spielt auf einer verwüsteten Erde nach einem unerbittlichen Krieg zwischen Amerikanern und Russen und die überlebenden Menschen müssen gegen sich selbst reproduzierende Roboter kämpfen), hat aber einige Längen und - das ist leider das größte Manko - das Ende ist spätestens nach der Hälfte der Story vorhersagbar. WAR GAMES handelt von Zollbeamten, die die Einfuhr von Spielen von einem anderen Planeten überwachen - originelle Idee, aber im Vergleich mit den anderen Geschichten in diesem Buch leider eher schlapp. In WHAT THE DEAD MEN SAY können Menschen ihr Leben nach dem Tod in einem halb wachen Zustand künstlich verlängern. So soll das auch geschehen mit dem Wirtschaftsmagnaten Louis Sarapis, doch irgendetwas geht dabei schief. Sarapis meldet sich über Telefone, Radios und Fernseher wieder zu Wort und beeinflusst darüber sogar die Politik. Die Story hat, wie man so schön sagt, den „Test of Time“ nicht ganz bestanden, wirkt das Szenario in Zeiten des Internets und Multimedia doch nicht mehr besonders glaubhaft und logisch nachvollziehbar. In Erinnerung bleibt am ehesten der Leichenschauhaus-Direktor Herbert Schoenheit von Vogelsang - wenn auch nur wegen seines tollen Namens. OH, TO BE A BLOBEL! wiederum ist einfach nur schreiend komisch und kommt daher wie Kafkas „Verwandlung“, übertragen in Science-Fiction-Gefilde. Hier verwandelt sich allerdings nicht Gregor Samsa in einen riesigen Käfer, sondern George Munster (wieder ein toller Name) in eine glibberige, außerirdische Amöbe, gegen deren Rasse die Menschen einen unerbittlichen Krieg geführt haben - einen Blobel. Was lustig anfängt, wird gegen Ende eine tragisch-traurige Liebesgeschichte - und trotz der absurd-komischen Situation bleibt einem das Lachen im Halse stecken. In THE ELECTRIC ANT erfährt ein Mann bei einer medizinischen Untersuchung, dass er in Wirklichkeit ein organischer Roboter ist. Nachdem der Schock über diese Erkenntnis verflogen ist, beginnt er mit sich und seiner Wahrnehmung zu experimentieren - und verliert sich in verschiedenen Realitäten. Die Verschiebung von Realitäten und Wahrnehmungen ist auch zentraler Gegenstand von FAITH OF OUR FATHERS. In der Story haben die Kommunisten die Weltherrschaft übernommen und an ihrer Spitze steht ein gutmütiger Diktator - oder bekommen die Menschen dieser Zukunft das vielleicht doch nur durch eine raffinierte Droge eingeredet? Die Hauptfigur, ein hoher Beamter dieses kommunistischen Staates, versucht die Wahrheit herauszubekommen - und begegnet am Ende sogar Gott. Ziemlich abgedreht und ohne einen eindeutigen Schluss, ist diese Story eine Herausforderung an den Leser. Und eine Geschichte, über die man noch längere Zeit nachdenken kann. WE CAN REMEMBER IT FOR YOU WHOLESALE spielt ebenfalls mit verschiedenen Wirklichkeiten. Hier beschreibt Dick eine Firma, die Menschen falsche Erinnerungen verkauft - nur hat das bei einem ihrer Kunden verheerende psychische Auswirkungen. Spannend!
Also: Trotz des verwirrenden und fehlleitenden Einbandes ist diese Story-Sammlung absolut empfehlenswert!