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Minimum [Gebundene Ausgabe]

Frank Schirrmacher
3.7 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (43 Kundenrezensionen)

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Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de-Redaktion

So minimalistisch der Buchtitel, so programmatisch die Unterzeile des neuen Buches von Frank Schirrmacher: Vom Vergehen und Neuentstehen unserer Gemeinschaft. Der eigene Anspruch des Autors ist hoch und der an die Leser ebenfalls. Doch wie schon beim Methusalem-Komplott hält sich Schirrmacher nicht bei apokalyptischen Prophezeiungen auf, sondern entwickelt sein Thema an beeindruckend einfachen, einleuchtenden Beispielen. Er geht zurück ins Amerika des 19. Jahrhunderts und beschreibt, wie eine Gruppe von Menschen versucht, den Wilden Westen zu erobern. Eine Passüberquerung wird zu ihrem persönlichen Golgatha. Hier entscheidet sich, wem mit welchen Strategien das Überleben gelingt. Erfolgreich sind die Familienverbände und nicht -- wie man vermuten könnte -- die starken, jungen, männlichen Einzelkämpfer.

Schirrmacher ist ein Querdenker, zieht ohne Scheu und falsche Ehrfurcht aus allen für das Thema relevanten Wissenschaften Fakten und Schlüsse. Er stellt die richtigen Fragen, erarbeitet die Antworten und gibt so dem Leser die Chance, ihm auf dem Weg zum Ziel zu folgen. Eine seiner Grundfragen lautet: Wie können wir überleben angesichts dieses von uns selbst herbeigeführten Minimums an Kindern? Er führt uns vor Augen, dass wir schlichtweg vergessen haben, dass Familien eine existenziell wichtige Funktion erfüllen. Er weist mahnend darauf hin, dass die gefahrlose und in allem versorgte Welt ein kurzfristiger Ausnahmetatbestand der Geschichte war. Das fast altmodische Wort Altruismus ist einer der Schlüsselbegriffe in Schirrmachers Buch; der Altruismus, den man nur in der Familie lernen kann.

Der Autor legt keine kühle, intellektuelle Analyse des demografischen Wandels in Deutschland vor, sondern behandelt das Thema mit viel Empathie. Er betrachtet vor allem die westdeutsche Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg, Ostdeutschland kommt erst nach 1989 vor. Im Buch erfährt man nicht nur viel Neues über die Themen Familie und Kinder, sondern wird auf wichtige Zusammenhänge gestoßen und findet präzise formulierte Einsichten. Das macht den Spaß beim Lesen -- und vor allem beim Weiterdenken -- aus. --Mathias Voigt

Pressestimmen

"Frank Schirrmacher gilt als einer der führenden Intellektuellen des Landes." (Der Tagesspiegel )

"Frank Schirrmacher - der Antreiber nationaler Großdebatten." (Focus )

"Frank Schirrmacher öffnet seinen Werkzeugkasten: Darin liegt Neugier, die vor nichts Halt macht, sowie auf Zuspitzung trainierter Scharfsinn." (Welt am Sonntag )

Kurzbeschreibung

Warum man Freunde gewinnen muss – und was es kostet

Unsere sozialen Beziehungen werden in den nächsten Jahrzehnten einer großen Belastung ausgesetzt: Sie werden knapp werden wie ein kostbarer Rohstoff. Schon heute bewegen sie sich in Teilen des Landes auf ein historisch nie gekanntes Minimum zu. Als Ergebnis der unumstößlichen Schrumpfung unserer Gesellschaft und aufgrund vielfältiger Globalisierungseffekte wird es eine Reduzierung unserer kleinsten Welt, der unserer Freunde und Familien geben. Diese Revolution wird sich in allen Lebensbereichen Geltung verschaffen: in der Politik wie in der Kultur, in der Wissenschaft wie im Alltag.

Wer ist da, wenn niemand mehr da ist? Jeder hat gelernt, dass er für die Zukunft vorsorgen muss. Wir sollen sparen, Geld und Vorräte anlegen. Aber kann man eigentlich Kinder sparen, die man nie geboren hat? Zu den knappen Rohstoffen der Zukunft wird etwas gehören, das man nicht sparen kann: Verwandte, Freunde, Beziehungen, kurzum das, was man soziales Kapital nennt. In den kommenden Jahren wird sich unsere Lebensweise radikal verändern. In vielen Ländern Europas wird eine wachsende Zahl von Kindern in ihrer eigenen Generation wenige oder gar keine Blutsverwandte mehr haben. Künftig sehen sich ganze Landstriche, wie heute schon Teile Ostdeutschlands, mit einer Wanderungsbewegung junger Frauen konfrontiert; zurück bleiben Männer, deren Chancen, eine Partnerin zu finden, immer geringer werden.
Frank Schirrmacher zeigt, dass unsere Gesellschaften auf diese Entwertung ihres sozialen Kapitals nicht vorbereitet sind: Der Wohlfahrtsstaat zieht sich in einem Moment als großer Ernährer zurück, in dem sich das private Versorgungsnetz aus Freundschaft, Verwandtschaft und Familie auflöst. Kann es in diesem Umfeld Uneigennützigkeit und Altruismus, selbstlose Hilfe und Unterstützung für den anderen überhaupt noch geben?
Der Zusammenbruch unserer sozialen Grundfesten zwingt uns, unser alltägliches Zusammenleben von Grund auf umzuorganisieren. Dabei werden Frauen eine alles entscheidende Rolle spielen.

"Wenn du einen Jungen erziehst, erziehst du eine Person, wenn du ein Mädchen erziehst, erziehst du eine Familie und eine ganze Gemeinschaft - ja, eine Nation."
(JAMES D. WOLFENSOHN, EHEMALIGER WELTBANKPRÄSIDENT)

Klappentext

"Frank Schirrmacher gilt als einer der führenden Intellektuellen des Landes."
Der Tagesspiegel

"Frank Schirrmacher - der Antreiber nationaler Großdebatten."
Focus

"Frank Schirrmacher öffnet seinen Werkzeugkasten: Darin liegt Neugier, die vor nichts Halt macht, sowie auf Zuspitzung trainierter Scharfsinn."
Welt am Sonntag

Über den Autor

Frank Schirrmacher, Jahrgang 1959, Studium in Heidelberg und Cambridge, Promotion. Seit 1994 ist er einer der Herausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". 2004 sagte er dem Altersrassismus den Kampf an – für sein Buch "Das Methusalem-Komplott" erhielt er u. a. den "Corine-Sachbuch-Preis" und die Auszeichnung "Journalist des Jahres 2004". Mit "Minimum" landete er 2006 erneut einen publizistischen Coup und setzte das Thema des Jahres. 2007 erhielt er als erster Journalist den "Jacob-Grimm-Preis Deutsche Sprache" und wurde 2009 mit dem "Ludwig-Börne-Preis" ausgezeichnet. Zuletzt erschien bei Blessing "Payback". Frank Schirrmacher lebt in Frankfurt und Potsdam.

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Die Männer

Es ist eiskalt. Und so weit das Auge reicht, liegt Schnee. Aus der Vogelperspektive betrachtet, sieht die Landschaft aus wie ein riesiger weißer Bogen Papier, auf dem sechs abgezirkelte schwarze Kreise eingezeichnet sind. Diese Kreise markieren Lager, notdürftig errichtet von den Menschen, die hier festsitzen. Insgesamt sind es einundachtzig: mehrere große Familien, Alleinreisende und einige ortskundige Führer, die den Treck sicher durch die Sierra Nevada hätten bringen sollen. Doch nun ist Ende November 1846, und die Siedler sind am Fuße eines Berges wie festgefroren. Ohne entsprechende Ausrüstung und überwältigt von dem frühen Wintereinbruch kommen sie mit ihren Planwagen nicht mehr weiter, der Schnee blockiert den Weg nach vorne und auch den Weg zurück. Schneestürme, die sich zu Tornados auswachsen, fegen fast täglich über sie hinweg, decken ihre Habseligkeiten zu.
Jenseits der Berge, wo man vergeblich auf die Ankunft der Siedler wartet, schickt man ein Rettungsteam los. Doch es kommt nicht durch und muss umkehren. Die Retter wissen nicht, wie viel Vieh der Treck schon verloren hat, und fälschlicherweise glauben sie, die Gruppe hätte noch Vorräte für vier Monate.
Die Lage ist aussichtslos. Von einem kleinen Trupp, der einige Wochen später im Dezember ohne die Gruppe weitergezogen ist, hören die Zurückgebliebenen nichts mehr.
Margaret Reed, eine der Siedlerinnen, zermürben Hunger und Kälte so sehr, dass sie beschließt, zu Fuß über die verschneiten Berge zu fliehen. Zusammen mit ihrer dreizehnjährigen Tochter Virginia, einer Bediensteten und einem Führer macht sie sich auf; ihre drei jüngeren Kinder lässt sie bei den anderen Familien zurück. Aber neue, noch heftigere Schneestürme zwingen den kleinen Trupp schon nach wenigen Kilometern zur Umkehr.
Es ist, als wäre ein böses Märchen wahr geworden: Ein schrecklicher Bann liegt auf dem Lager – und niemand kann ihn brechen.
Heute wissen wir: Dieser Bann schmiedete die Menschen sechs Monate lang in der Eiswüste aneinander, und mit jedem Tag, der verging, näherten sie sich dem absoluten Minimum, das zum Überleben notwendig war.
Was sich zwischen ihnen abspielen wird, ist eine ziemlich schauerliche Geschichte, in der bis zum Mord kein menschliches Verbrechen ausgelassen und bis zur aufopfernden Liebe über den Tod hinaus keine menschliche Größe unverzeichnet bleibt.

Das Schicksal dieser Menschen ist als die Tragödie vom Donner-Pass tief in das amerikanische Gedächtnis eingegraben.
Voller Optimismus hatten sich die Siedler auf den Weg gemacht, die meisten von ihnen waren wohlhabend und stammten aus Deutschland oder Österreich. Jakob Donner und sein Bruder George, die den Ereignissen ihren Namen gaben, beides reiche Landbesitzer, hatten die Spitze des Zugs gebildet. Sie waren mit Karren und Planwagen und großen Vorräten für Körper und Geist losgezogen, mit Bibel und Gesangbüchern, mit Illusionen und Träumen vom fernen Kalifornien, das irgendwo jenseits des Horizonts liegen musste.
»Ich sitze im Gras in der Mitte meines Zeltes«, schreibt die fünfundvierzigjährige Tamsen Donner am Tag der Abreise an ihre Schwester und verkündet: »Morgen gehen wir nach Kalifornien, in die Bucht von Francisco. Die Reise dauert vier Monate. Wir haben drei Wagen, die mit Nahrung, Kleidung und solchen Dingen gefüllt sind. Ich bin entschlossen zu gehen und bin sicher, es wird für unsere Kinder von Vorteil sein.«
Tamsen Donner ist Lehrerin. Sie macht viele Notizen, sie plant, ein Buch über die Pflanzenvielfalt des Wilden Westens zu schreiben. Ihr Notizbuch wurde niemals gefunden. Nach allem, was ihre Mitreisenden später berichteten, wurde aus dem Buch über die verschiedenen Arten der Pflanzen bald eines über die verschiedenen Arten der Menschen in Zeiten der Not.
Man darf sich die Reisegruppe nicht als eine Bande von Glücksrittern und Goldsuchern vorstellen. Sehr viele dieser Menschen sind als Bürger und Kaufleute in ihr neues Leben aufgebrochen. Virginia Reed wird sich später daran erinnern, dass ihre Eltern nicht nur enorme Vorräte an Hausrat und Nahrung auf die Wagen geladen hatten, sondern auch eine vollständige Bibliothek, bestehend aus Werken der Weltliteratur.
Schon lange redet niemand mehr über Bücher. Noch ehe die Siedler hier festfroren, hatten sie bemerkenswerte Höhen und vor allem Tiefen erlebt. Im Sommer hatten sie die Salzseen durchqueren müssen, und in der Hitze schmolzen die ersten Bindungen dahin, und Misstrauen wuchs. Die Abkürzung, die sie genommen hatten, erwies sich als Verhängnis, denn der Weg war kaum befahrbar. Jetzt begann die Panik. Sie mussten den Bergpass vor den ersten Schneefällen erreichen.
Am 6. Oktober 1846 fordert der Stress, dem der Treck ausgesetzt ist, sein erstes Gewaltopfer. Der junge John Snyder wird erstochen. Der Mörder wird verbannt, obgleich Ludwig Keseberg, ein Einwanderer aus Westfalen, zur Lynchjustiz ruft. Das soziale Gerippe der Reisegruppe kommt zum Vorschein und erschreckt zuallererst die Kinder.
Am 9. Oktober beginnt die Phase der angstgetriebenen Rücksichtslosigkeit: Ein ungefähr sechzig Jahre alter Mann namens Hardkoop, ein Einwanderer aus Belgien, wird von Ludwig Keseberg nach einem Streit vom Wagen gestoßen. Kein anderer nimmt ihn auf. Der Mann fällt mehr und mehr zurück. Zuletzt wird er gesehen, wie er sich einfach an den Straßenrand setzt und dort sitzen bleibt. Nicht jeder wird Zeuge des Vorfalls; einige erfahren erst abends davon. Sie entzünden ein Feuer, um den Verstoßenen ins Lager zu lotsen. Aber er bleibt verschollen. Am darauf folgenden Tag bittet Mrs. Reed mehrere Mitreisende um Pferde, sie will den alten Mann suchen. Doch jeder, den sie fragt, lehnt ab. Alle führen Gründe der Selbsterhaltung an. Die Zeit drängt, sie müssen den Gebirgspass überquert haben, ehe der Winter kommt, denn, wie alle wissen, die Schneestürme brechen ohne Gnade und Vorwarnung über das Land herein.
Verantwortungslos geworden, zieht die Gruppe weiter, es sind knapp achtzig Menschen, die keine Literatur mehr im Sinn haben und keine botanischen Studien und denen die schöngeistige Metapher von der Lebensreise plötzlich etwas voraussagt, was sie in wachsende Panik versetzt: Wenn die Reise hier endet, endet auch ihr Leben.
Und dann beginnt es zu schneien. In der Sierra Nevada, weit entfernt von jeglicher menschlicher Behausung, bleiben sie im Schneesturm stecken. Wären sie einen Tag schneller gewesen, so heißt es seither in der Literatur, hätten sie womöglich geschafft, die Wüste hinter sich zu lassen. Das ist der Augenblick, da diese Menschen ganz auf sich selbst und aufeinander angewiesen sind.
Wer sind sie? Es sind Alte und Junge. Großeltern sind dabei und Enkel, Mütter, Väter und Kinder, Tanten und Onkel, Cousins und Cousinen, außerdem Junggesellen und Einzelgänger. Auffallend ist die hohe Zahl allein reisender Männer. Es sind insgesamt fünfzehn, alle zwischen zwanzig und vierzig Jahre alt. Sie sind stark, selbstbewusst und vertraut mit den Gefahren des Wilden Westens. Wenn es irgendwo Wagehälse, Glücksritter und Goldsucher gibt, dann findet man sie unter ihnen. Es gibt aber auch das achtjährige Mädchen, das es schafft, seine kleine Holzpuppe bis zuletzt in den Kleidern zu verstecken, um sie so vor dem Verfeuern zu retten; den fünfundsechzigjährigen George Donner, der den Ereignissen ihren Namen gegeben hat, und seine Ehefrau, Tamsen. Sie wird im Verlauf dieser Geschichte eine wichtige, manche sagen: eine heroische Rolle spielen. Tamsen Donner nämlich wird zeigen, dass ein Mensch bis über den Tod hinaus zu einem anderen Menschen halten kann.
Man sieht: Mit Blick auf Verwandtschaftsgrad, Alter, Geschlecht, Status und Charakter bestehen zwischen diesen Menschen fast alle erdenklichen sozialen und verwandtschaftlichen Querverbindungen. Von der Ferne betrachtet, von dort, wo man nur die weiße Fläche und die markierten Lager erkennt, wirkt das Ganze wie der Mikrochip einer...

Auszug aus Minimum. Vom Vergehen und Neuentstehen unserer Gemeinschaft von Frank Schirrmacher. Copyright © 2006. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Die Männer

Es ist eiskalt. Und so weit das Auge reicht, liegt Schnee. Aus der Vogelperspektive betrachtet, sieht die Landschaft aus wie ein riesiger weißer Bogen Papier, auf dem sechs abgezirkelte schwarze Kreise eingezeichnet sind. Diese Kreise markieren Lager, notdürftig errichtet von den Menschen, die hier festsitzen. Insgesamt sind es einundachtzig: mehrere große Familien, Alleinreisende und einige ortskundige Führer, die den Treck sicher durch die Sierra Nevada hätten bringen sollen. Doch nun ist Ende November 1846, und die Siedler sind am Fuße eines Berges wie festgefroren. Ohne entsprechende Ausrüstung und überwältigt von dem frühen Wintereinbruch kommen sie mit ihren Planwagen nicht mehr weiter, der Schnee blockiert den Weg nach vorne und auch den Weg zurück. Schneestürme, die sich zu Tornados auswachsen, fegen fast täglich über sie hinweg, decken ihre Habseligkeiten zu.
Jenseits der Berge, wo man vergeblich auf die Ankunft der Siedler wartet, schickt man ein Rettungsteam los. Doch es kommt nicht durch und muss umkehren. Die Retter wissen nicht, wie viel Vieh der Treck schon verloren hat, und fälschlicherweise glauben sie, die Gruppe hätte noch Vorräte für vier Monate.
Die Lage ist aussichtslos. Von einem kleinen Trupp, der einige Wochen später im Dezember ohne die Gruppe weitergezogen ist, hören die Zurückgebliebenen nichts mehr.
Margaret Reed, eine der Siedlerinnen, zermürben Hunger und Kälte so sehr, dass sie beschließt, zu Fuß über die verschneiten Berge zu fliehen. Zusammen mit ihrer dreizehnjährigen Tochter Virginia, einer Bediensteten und einem Führer macht sie sich auf; ihre drei jüngeren Kinder lässt sie bei den anderen Familien zurück. Aber neue, noch heftigere Schneestürme zwingen den kleinen Trupp schon nach wenigen Kilometern zur Umkehr.
Es ist, als wäre ein böses Märchen wahr geworden: Ein schrecklicher Bann liegt auf dem Lager – und niemand kann ihn brechen.
Heute wissen wir: Dieser Bann schmiedete die Menschen sechs Monate lang in der Eiswüste aneinander, und mit jedem Tag, der verging, näherten sie sich dem absoluten Minimum, das zum Überleben notwendig war.
Was sich zwischen ihnen abspielen wird, ist eine ziemlich schauerliche Geschichte, in der bis zum Mord kein menschliches Verbrechen ausgelassen und bis zur aufopfernden Liebe über den Tod hinaus keine menschliche Größe unverzeichnet bleibt.

Das Schicksal dieser Menschen ist als die Tragödie vom Donner-Pass tief in das amerikanische Gedächtnis eingegraben.
Voller Optimismus hatten sich die Siedler auf den Weg gemacht, die meisten von ihnen waren wohlhabend und stammten aus Deutschland oder Österreich. Jakob Donner und sein Bruder George, die den Ereignissen ihren Namen gaben, beides reiche Landbesitzer, hatten die Spitze des Zugs gebildet. Sie waren mit Karren und Planwagen und großen Vorräten für Körper und Geist losgezogen, mit Bibel und Gesangbüchern, mit Illusionen und Träumen vom fernen Kalifornien, das irgendwo jenseits des Horizonts liegen musste.
»Ich sitze im Gras in der Mitte meines Zeltes«, schreibt die fünfundvierzigjährige Tamsen Donner am Tag der Abreise an ihre Schwester und verkündet: »Morgen gehen wir nach Kalifornien, in die Bucht von Francisco. Die Reise dauert vier Monate. Wir haben drei Wagen, die mit Nahrung, Kleidung und solchen Dingen gefüllt sind. Ich bin entschlossen zu gehen und bin sicher, es wird für unsere Kinder von Vorteil sein.«
Tamsen Donner ist Lehrerin. Sie macht viele Notizen, sie plant, ein Buch über die Pflanzenvielfalt des Wilden Westens zu schreiben. Ihr Notizbuch wurde niemals gefunden. Nach allem, was ihre Mitreisenden später berichteten, wurde aus dem Buch über die verschiedenen Arten der Pflanzen bald eines über die verschiedenen Arten der Menschen in Zeiten der Not.
Man darf sich die Reisegruppe nicht als eine Bande von Glücksrittern und Goldsuchern vorstellen. Sehr viele dieser Menschen sind als Bürger und Kaufleute in ihr neues Leben aufgebrochen. Virginia Reed wird sich später daran erinnern, dass ihre Eltern nicht nur enorme Vorräte an Hausrat und Nahrung auf die Wagen geladen hatten, sondern auch eine vollständige Bibliothek, bestehend aus Werken der Weltliteratur.
Schon lange redet niemand mehr über Bücher. Noch ehe die Siedler hier festfroren, hatten sie bemerkenswerte Höhen und vor allem Tiefen erlebt. Im Sommer hatten sie die Salzseen durchqueren müssen, und in der Hitze schmolzen die ersten Bindungen dahin, und Misstrauen wuchs. Die Abkürzung, die sie genommen hatten, erwies sich als Verhängnis, denn der Weg war kaum befahrbar. Jetzt begann die Panik. Sie mussten den Bergpass vor den ersten Schneefällen erreichen.
Am 6. Oktober 1846 fordert der Stress, dem der Treck ausgesetzt ist, sein erstes Gewaltopfer. Der junge John Snyder wird erstochen. Der Mörder wird verbannt, obgleich Ludwig Keseberg, ein Einwanderer aus Westfalen, zur Lynchjustiz ruft. Das soziale Gerippe der Reisegruppe kommt zum Vorschein und erschreckt zuallererst die Kinder.
Am 9. Oktober beginnt die Phase der angstgetriebenen Rücksichtslosigkeit: Ein ungefähr sechzig Jahre alter Mann namens Hardkoop, ein Einwanderer aus Belgien, wird von Ludwig Keseberg nach einem Streit vom Wagen gestoßen. Kein anderer nimmt ihn auf. Der Mann fällt mehr und mehr zurück. Zuletzt wird er gesehen, wie er sich einfach an den Straßenrand setzt und dort sitzen bleibt. Nicht jeder wird Zeuge des Vorfalls; einige erfahren erst abends davon. Sie entzünden ein Feuer, um den Verstoßenen ins Lager zu lotsen. Aber er bleibt verschollen. Am darauf folgenden Tag bittet Mrs. Reed mehrere Mitreisende um Pferde, sie will den alten Mann suchen. Doch jeder, den sie fragt, lehnt ab. Alle führen Gründe der Selbsterhaltung an. Die Zeit drängt, sie müssen den Gebirgspass überquert haben, ehe der Winter kommt, denn, wie alle wissen, die Schneestürme brechen ohne Gnade und Vorwarnung über das Land herein.
Verantwortungslos geworden, zieht die Gruppe weiter, es sind knapp achtzig Menschen, die keine Literatur mehr im Sinn haben und keine botanischen Studien und denen die schöngeistige Metapher von der Lebensreise plötzlich etwas voraussagt, was sie in wachsende Panik versetzt: Wenn die Reise hier endet, endet auch ihr Leben.
Und dann beginnt es zu schneien. In der Sierra Nevada, weit entfernt von jeglicher menschlicher Behausung, bleiben sie im Schneesturm stecken. Wären sie einen Tag schneller gewesen, so heißt es seither in der Literatur, hätten sie womöglich geschafft, die Wüste hinter sich zu lassen. Das ist der Augenblick, da diese Menschen ganz auf sich selbst und aufeinander angewiesen sind.
Wer sind sie? Es sind Alte und Junge. Großeltern sind dabei und Enkel, Mütter, Väter und Kinder, Tanten und Onkel, Cousins und Cousinen, außerdem Junggesellen und Einzelgänger. Auffallend ist die hohe Zahl allein reisender Männer. Es sind insgesamt fünfzehn, alle zwischen zwanzig und vierzig Jahre alt. Sie sind stark, selbstbewusst und vertraut mit den Gefahren des Wilden Westens. Wenn es irgendwo Wagehälse, Glücksritter und Goldsucher gibt, dann findet man sie unter ihnen. Es gibt aber auch das achtjährige Mädchen, das es schafft, seine kleine Holzpuppe bis zuletzt in den Kleidern zu verstecken, um sie so vor dem Verfeuern zu retten; den fünfundsechzigjährigen George Donner, der den Ereignissen ihren Namen gegeben hat, und seine Ehefrau, Tamsen. Sie wird im Verlauf dieser Geschichte eine wichtige, manche sagen: eine heroische Rolle spielen. Tamsen Donner nämlich wird zeigen, dass ein Mensch bis über den Tod hinaus zu einem anderen Menschen halten kann.
Man sieht: Mit Blick auf Verwandtschaftsgrad, Alter, Geschlecht, Status und Charakter bestehen zwischen diesen Menschen fast alle erdenklichen sozialen und verwandtschaftlichen Querverbindungen. Von der Ferne betrachtet, von dort, wo man nur die weiße Fläche und die markierten Lager erkennt, wirkt das Ganze wie der Mikrochip einer Gesellschaft – ein Prozessor, der Schicksale verarbeitet –, und jeder von uns hätte dabei gewesen sein können.

Geschichten sind Rollenspiele. Auch auf dem Donner-Pass wurden solche Spiele ausgetragen. Virginia Reed, wie erstorben von der Langeweile des Ausharrens im Eis, hatte ihre Bücher wieder und wieder gelesen. Doch jedes dieser Bücher wurde verbrannt, am Schluss blieb ihr nur ein Roman, den sie, wie sie später erzählte, wie eine Rolle nachspielte: Es war eine Art Robinson-Crusoe-Roman, der die Geschichte des Überlebens eines starken und selbstbewussten Helden in der Wildnis erzählte.
Spielen auch wir ein Rollenspiel. Wer mitspielt, kann sich nicht nur in eine fremde Welt hineinträumen, sondern auch eine Art Wahrscheinlichkeitsrechnung mit dem Schicksal aufstellen.
Wählen wir die Person, unseren selbstbewussten Helden oder unsere Heldin, in deren Haut wir schlüpfen wollen – eine Person, von der wir glauben, dass sie die Kälte und den Hunger am Donner-Pass durchsteht. Doch Vorsicht bei der Wahl: Am Ende dieser Geschichte werden vierzig Menschen gestorben sein.
Was müsste man tun, um dort zu überleben? Oder bescheidener: Was müsste man tun, um möglichst lange am Leben zu bleiben? Auf wen kann man in einer Gemeinschaft bauen? Wer müsste man sein?
Die Erlebnisse der Schicksalsgemeinschaft am Donner-Pass geben auf jede dieser Fragen Auskunft.
Wissenschaftler fast aller Fakultäten haben sich mit der Tragödie in der Sierra Nevada befasst. Schriften wurden ausgewertet, Stammbäume erforscht und sogar Ausgrabungen durchgeführt. Aber nur einer, der Anthropologe Donald Grayson, beschäftigte sich mit der Frage, die unserem Rollenspiel zugrunde liegt. Keiner vor ihm hatte sie bisher gestellt, vielleicht weil keiner mit einer Antwort gerechnet hatte. »Was erfahren wir«, fragte Grayson, »wenn wir dieses schreckliche Erlebnis nicht als Historie, sondern als biologischen Vorgang deuten?«
Wer überlebt? Die meisten Menschen tippen bei der Beantwortung dieser Frage auf die Gruppe der fünfzehn erwachsenen, starken, unabhängigen und allein reisenden Männer.
Der Held – er erscheint im klassischen Repertoire unserer Kultur stets in Gestalt des Einzelkämpfers. Die Heldenmythologie, unsere Erziehung und die Klischees und Stereotype in der Gesellschaft haben in uns die Vorstellung geweckt, dass der Einzelkämpfer Krisen am besten meistern kann; gleichgültig, ob vor hundertsechzig Jahren im Winter in der Schneewüste oder heute bei einer Autopanne in den Bergen. Gerade die Unabhängigkeit erscheint uns als seine Stärke; Verantwortung für andere übernehmen zu müssen schwächt ihn. Der Held, so das Idealbild, findet irgendwann die junge, fortpflanzungsfähige Frau und schlägt sich fortan gemeinsam mit ihr durchs Leben – natürlich erfolgreich. Der Held ist, wie in Virginia Reeds letztem Buch, der Herrscher über das Schicksal, ein Macher, der kleine Mädchen zum Staunen bringt.
Die Ereignisse am Donner-Pass allerdings verliefen ganz anders. Noch ehe die Siedlergruppe überhaupt vom Schnee überrascht wurde, waren schon vier dieser hoffnungsvollen, kräftigen Männer tot. Der fünfundzwanzigjährige Luke Halloran starb an Tuberkulose, der gleichaltrige John Snyder wurde erstochen, Jacob Wolfinger ermordet, William Pike aus Versehen von seinem Bruder erschossen. Und schließlich Hardkoop, der als Sechzigjähriger die Rolle des Ausgestoßenen übernehmen musste.
Es kam also bereits zu einer Art Totentanz unter den Männern, bevor die eigentliche Katastrophe begonnen hatte. Donald Grayson wundert sich über diejenigen, die sich darüber wundern: So sterben vielfach junge, viel versprechende Männer, und so sterben auch ältere, ja, so sterben Männer überhaupt. Männer sterben früher als Frauen. Und sie sterben deshalb früher als Frauen, weil sie über die Millionen Jahre der Evolutionsgeschichte unzählige, unnatürliche Tode gestorben sind; durch Morde, Selbstmorde, Verkehrsunfälle und typische männliche Infektionskrankheiten, bei denen genetische Faktoren und Anfälligkeiten eine besondere Rolle spielen. Und aus genau diesen Gründen starben auch die ersten fünf Opfer des Trecks: »Fünf Todesfälle, alles Männer, und alle kamen auf typisch männliche Weise um: durch ansteckende Krankheit, Aggression und Gewalt.«
Man ist also womöglich nicht gut beraten, sich in unserem Rollenspiel – und auch im wirklichen Leben – auf die starken, unabhängigen Männer zu verlassen. Oder, womöglich noch fataler: einer dieser Einzelkämpfer zu sein.
Denn, um es kurz zu machen, von den fünfzehn allein reisenden Männern, diesen Inbildern von Kraft und Herrlichkeit, überlebten die Tragödie am Donner-Pass nur drei. Einige von ihnen starben natürlich auch deshalb, weil sie bis zur Erschöpfung Holz fällen, in der Eiseskälte jagen oder fischen mussten. Das erklärt aber nicht, warum andere Männer, die in verheerender körperlicher Verfassung waren, überlebten. Und es erklärt auch nicht, warum manche älteren Siedler, zumal bei schlechter Kondition, sehr viel länger durchgehalten hatten als die jüngeren.
Grayson wurde bald klar, dass hier ein anderes Erklärungsmuster vorliegen musste. Nachdem er alle Todesfälle ausgewertet und Tote mit Überlebenden verglichen hatte, wurde ihm klar, was entscheidend für das Durchkommen am Donner-Pass gewesen war: die Familie. Einzig und allein, ob die betreffende Person in einer Familie oder allein gereist war, entschied darüber; mehr noch: Je größer die Familie war, desto größer war die Überlebenswahrscheinlichkeit des Einzelnen. Und nicht nur das: Auch wie lange jemand durchhielt, hing von der Größe seines verwandtschaftlichen Netzes ab. »Je größer die Familie, in der eine Person reiste«, so Grayson lakonisch, »desto länger überlebte diese Person.« Das galt übrigens auch für den Ältesten der Gruppe, den fünfundsechzigjährigen George Donner, der, obwohl an der Hand schwer verwundet, im Vergleich zu den anderen Männern nur deshalb so lange am Leben blieb, weil seine Frau Tamsen ihn aufopfernd gepflegt hatte.
»Diese Gruppen lehren uns«, schreibt Grayson, »was mit Gemeinschaften geschieht, die sich nicht gegen Kälte und Hunger wehren können und denen dennoch die Fähigkeit verblieben ist, sich innerhalb einer Familie auszutauschen.«
Als sich am 23. März 1847 eine kleine Rettungstruppe zu den Verlorenen durchgekämpft hatte, weigerte Tamsen sich, mit ihr zu gehen – sie wollte ihren Mann nicht alleine zurücklassen und gab den Rettern ihre drei Töchter mit. George Donner, obwohl verwundet und der Älteste der Gruppe, schaffte es dank dieser Zuwendung bis zum 26. März. Tamsen überlebte ihn nur um zwei Tage.
Erst einen Monat später, am 25. April 1847, wird das letzte Mitglied des Trecks gerettet.
Von den Einzelreisenden waren fast alle umgekommen. Auch die Familien hatten Mitglieder verloren, doch in den meisten Fällen schien es wie ein Wunder, dass die Opfer – Ältere, Kranke oder Kleinkinder – überhaupt so lange überlebt hatten. Familie Eddy beispielsweise, bestehend aus vier Personen, beklagte drei Opfer; Familie Graves bestand aus zwölf Personen, und es kamen acht durch; die Breens waren zu neunt, und alle überlebten. Das sagt nichts aus über Moral oder Charakter der Einzelgänger oder der unterschiedlichen Familien. Es war, wie Donald Grayson nachwies, viel mehr als das. Es war ein Gesetz.

Nachwuchs
Zwei Kräfte haben unsere Welt in den vergangenen Jahren so sehr verändert, dass uns das Gefühl befällt, jedes Jahr tiefer in einen Schlamassel zu geraten: Arbeit und Liebe.
Liebe begünstigt Geburten, Arbeit vereitelt sie. So lautet der Grundwiderspruch unserer Gesellschaft. Nicht gerade ein Romeo-und-Julia-Stoff. Die Tragödie unseres Lebens besteht nicht mehr darin, liebend unterzugehen, sondern darin, arbeitend, ohne genügend Nachwuchs abzutreten.
Arbeit bringt Geld, Liebe kostet Geld. Arbeit liefert – allen einschlägigen Untersuchungen zufolge – die dem Menschen maximal zugängliche Erfüllung, Liebe endet oft im Streit. Arbeit produziert Waren und Eigentum, Liebe produziert Kinder und Verluste. Arbeit eignet sich für Sachbücher, Liebe für Romane.
Arbeit ist vor allem Arbeit des Gehirns. Der Grad der Ausbildung einer Frau ist mittlerweile eine feste Größe für Kinderlosigkeit und die Verschiebung stabiler Partnerschaften. Arbeit vergrößert das Risiko von Kinderlosigkeit – sogar in stabilen Partnerschaften.
Arbeit und Liebe teilen unsere Welt auf, in Schwarz und Rot, und mischen die Schicksale. Aber zwischen Arbeit und Liebe gibt es ein Drittes, das sich erst konstituiert, wenn beide zusammenfinden. Es ist die Familie, die Überlebensfabrik, die Donald Grayson am Donner-Pass detektivisch aufspürte.
Der Schnee, die Menschen und die Winterlager: Übertragen wir das Muster auf die Gegenwart, und schauen wir, was vom Gesetz des Sterbens der Männer und des Überlebens der Familien bleibt. Die Donner-Gruppe war in ihrer Verteilung von Männern, Frauen und Familien ein demographischer Spiegel, ein Mikrokosmos ihrer Zeit. Wie wären die Mitglieder einer solchen gestrandeten Gruppe heute miteinander verbunden? Wie viele Familien gäbe es? Wie viele Einzelreisende? Wie viele Freunde? Und wie würden wir ein solches Unglück überleben?
Kaum einer von uns Heutigen wäre auf dem Donner-Pass unter den sicheren Gewinnern gewesen. Die größte Überlebenschance, so fand Grayson heraus, hatten Familienverbände, die mehr als zehn Mitglieder umfassten. Das ist ein repräsentativer Wert, der für diese Art der Katastrophen fast immer gilt und nicht nur für den Wilden Westen des Jahres 1846: Je größer die Familie, desto sicherer die Rettung.
Doch zu zehnt ziehen wir längst nicht mehr umher. Wir sind weniger geworden. Vielleicht auch deshalb, weil seit ein paar Generationen keiner mehr damit rechnen musste, auf seiner Lebensreise in irgendeinem verschneiten Pass festzustecken.
Neuerdings können wir uns dessen nicht mehr so sicher sein. Wir sind zwar nicht mit Wagen, Pferden und vergilbten Landkarten unterwegs, aber das Land fühlt sich für viele trotzdem wie eingefroren an. Wir sind keine Pioniere, aber dass unbekanntes Terrain vor uns liegt, spürt jeder. Wir haben keine Knappheit an Vorräten, aber uns mangelt es am Vorrat verwandtschaftlicher Beziehungen.
Der Demograph Nicholas Eberstadt hat für die nächsten beiden Generationen in Italien vorausberechnet, dass drei Fünftel der Kinder keine direkten Verwandten haben werden. Auch für die anderen Länder Europas gibt er keine Entwarnung: »Ungefähr vierzig Prozent der europäischen Kinder werden keine gleichaltrigen Blutsverwandten haben; weniger als ein Sechstel werden aus erster Hand die Erfahrung von Bruder oder Schwester und gleichzeitig einem Cousin oder einer Cousine haben.

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