Nordwestgrönland, 1897. Der amerikanische Forscher Robert Edwin Peary will als erster Mensch den Nordpol erkunden und braucht dafür die Unterstützung der Inuit, der Einwohner Grönlands. Mit für die Inuit wichtigen Dingen schafft er langsam Vertrauen und kehrt nach einiger Zeit mit zahlreichen Schätzen, Eisbärfellen und sechs Inuit nach New York zurück und wird dort bejubelt. Er überlässt die Eskimos, wie sie damals noch genannt wurden, dem Naturkundemuseum, wo sie für 25 Cent angeschaut, angefasst und gefüttert werden können. Untergebracht sind sie im Keller des Museums, in einer Kammer, die menschenunwürdig ist. Es kommt, wie es kommen muss ' die Inuit erkranken allesamt an einer schweren Lungenentzündung, die bei Qisuk zur Tuberkulose führt, woran Miniks Vater schließlich stirbt. Minik ist der jüngste der Inuit und durfte seinen Vater, nach dem Tod der Mutter vor einem Jahr, begleiten, um nicht allein zurückzubleiben. Minik wird wieder gesund und muss mit ansehen, wie sein Vater im Garten des Museums begraben wird.
'Du musst dich irren, Minik', widersprach Schlesinger. Dein Vater wurde im Garten des Museums beigesetzt. Du warst doch selbst dabei und hast es mit eigenen Augen...' 'Ich weiß, was ich gesehen habe, aber offenbar hat man ihn später wieder ausgegraben', fiel Minik ihm ins Wort. Seine Stimme bebte vor Zorn. Er deutete abermals mit dem Finger auf die Vitrine und sagte: 'Sehen Sie die Verletzung da, am Knochen seines linken Unterarms? Daran erkenne ich ihn. Ich kann mich noch genau an den Tag erinnern, als er beim Verladen des Meteoriten verletzt wurde. Danach hat Leutnant Peary meinen Vater und die anderen überredet, ihn nach New York zu begleiten. Ich verfluche diesen Tag und ich verfluche Peary, diesen Stiefelputzer des Teufels. Mein Volk nennt ihn zu Recht `den großen Peiniger'. Er hat mich von meinen Spielkameraden fortgerissen und für einen Stein, der vom Himmel fiel, das Leben von sechs Menschen zerstört.'
New York, 1906. Minik ist auf dem Weg ins Naturkundemuseum, er hat von den Inuitskeletten gelesen, die dort zu bestaunen sind. Er will sich davon überzeugen, dass es nicht sein Vater ist, der dort ausgestellt ist. Kann es doch auch eigentlich gar nicht sein, da er damals selbst dem Begräbnis beigewohnt hat. Im Museum angekommen, kämpft er sich zu den Exponaten durch, erblickt die Skelette, entdeckt die unverwechselbare Verletzung am Arm des Vaters, erstarrt und übergibt sich noch im Museum. Vor ihm steht das Skelett von Qisuk, dem Walrossfänger aus Itelleq, Miniks Vater.
Er muss feststellen, dass man ihn Jahre lang belogen und betrogen hat und sich letztendlich niemand wirklich für ihn zuständig fühlte. Minik ist zutiefst verletzt und fordert sein Recht ein. Nach und nach entdeckt er, wie viele Menschen ihn wirklich im Stich gelassen haben und dies auch immer noch tun, er wird behandelt wie eine alte abgewetzte Puppe, mit der niemand mehr spielen mag, bis der dänische Konsul auf Miniks Schicksal aufmerksam wird. Dänemark will den Jungen unter seine Fittiche nehmen, doch werden auch sie ihr Versprechen brechen oder kann Minik zurückkehren nach Grönland, in seine Heimat und wie wird er sich dort fühlen? Minik kämpft für seinen Traum und gibt nicht auf...
'Schiffe wie die Hope waren ein vertrauter und durchaus willkommener Anblick für die Inuit von Avanersuaq, dem 'Platz im entlegensten Norden' von Westgrönland. 'In ihrer Heimat gibt es das ganze Jahr Licht', hatte Qisuk einmal seinem Sohn erklärt. 'Deshalb kommen diese rastlosen Leute zu uns und schöpfen aus den Quellen der Nacht.' Mit dieser poetischen Umschreibung pflegte er das angestammte Gebiet der Inuit zu umschreiben, weil hier zwischen Herbst und Frühjahr vier Monate lang Dunkelheit herrschte. Auf den Mann, dessen feste, Ehrfurcht gebietende Stimme sich da gerade mit ihrem 'Da bin ich!' Gehör verschafft hatte, traf Qisuks Feststellung zweifellos zu ' zwei der vier letzten Winter hatte er bei den Inuit verbracht.'
Mit 'Minik ' An den Quellen der Nacht' hat Ralf Isau erstmals das fantastische Genre verlassen und sich einem historisch-biografischen Roman gewidmet. Farben- und detailreich schildert er die Geschichte des kleinen Inuitjungen Minik, der 1897 mit seinem Vater nach New York ging und dort eine Welt erlebte, die zwar temperaturtechnisch nicht so kalt wie seine Heimat war, gefühlsmäßig aber noch kälter ist. Minik wird ein Opfer der Forschungsgier, die Isau hier sehr kritisch betrachtet und immer wieder die Frage aufwirft, wie weit Forschung wirklich gehen darf und sollte. Da es einige Literatur über die ungeheuerliche Geschichte des Inuitjungen gibt, lehnt sich der Autor stark daran, füllt einige biografische Lücken mit eigenen Ideen, die er im ausführlichen Nachwort jedoch erklärt. Isau zeichnet hier das Bild des Jungen, der aus dem Eis nach New York kam und dort zum Spielball diverser Interessen wurde und er tut dies sehr gefühlvoll, spannend. Minik wird von Isau mutig, liebevoll, herzlich, aber auch traurig, verzweifelt und enttäuscht dargestellt, was der Leser auf jeder Seite spüren kann. Die Sprache ist der damaligen Zeit angepasst, ohne altmodisch zu wirken. Der Autor bindet in diese Geschichte viele Informationen über das Leben der Inuit ein, ohne oberlehrerhaft zu wirken und zeichnet so ein faszinierendes und interessantes Bild dieser Menschen. Ein Buch für Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen. 'Minik ' An den Quellen der Nacht' hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack von Forschungsgier und stimmt nachdenklich, wie hoch der Preis von Forschung wirklich sein darf. Es ist eine Geschichte, die fasziniert, in ihren Bann zieht und die man lange nicht vergessen wird. So darf Ralf Isau gern öfters sein angestammtes Genre verlassen, wenn solch ein schöner, spannender und interessanter Roman dabei herauskommt!
Ganz nebenbei ist das Buch noch mit einem Lesebändchen ausgestattet, bietet eine Karte Grönlands, damit der Leser auch weiß, woher Minik stammt und ein sehr ausführliches Nachwort erläutert die Begrifflichkeiten Inuit/Eskimo, was ist wahr und was erfunden und beleuchtet Licht und Schatten der Wissenschaft.