Wer sich wirklich für die Frage interessiert, wie es um den freien Willen des Menschen steht, kommt an diesem Buch nicht vorbei. Denn alle Autoren, die sich mit dem Bewusstsein beschäftigen, führen Benjamin Libet in ihren Literaturlisten auf, beziehen sich auf seine Experimente und kommen schliesslich zu ziemlich unterschiedlichen Schlüssen. In einer solchen Situation wird die Lektüre des Originals zur Pflicht.
Der bald 90jährige Neurowissenschaftler ist von einer geistige Fitness, die umhaut und Mut macht. Kein Wunder, dass Benjamin Libet noch heute als emeritierter Professor für Physiologie auf wichtigen Lehrstühlen Platz nimmt. Die Forschungsarbeiten Libets begannen in den 50er Jahren und wurden zwanzig Jahre später weltberühmt. Denn er erbrachte den experimentellen Nachweis, dass der freie Wille lediglich ein Vetorecht hat, das unbewusst zustande gekommene Entscheidungen allenfalls noch stoppen kann. Damit kontrolliert das Bewusstsein also keine Prozesse, sondern ist nur ein Türwächter mit beschränkten Kompetenzen. Seit Libet dieses wissenschaftliche Glaubensbekenntnis in die Welt setzte, wird es bestritten und angefeindet - oder aufgenommen und geliebt.
Nun spricht der Meister endlich selbst, macht seine berühmten Experimente nachvollziehbar, führt uns in die Theorie des mentalen Feldes ein, lässt Leser an den Höhen und Tiefen eines Forscherlebens teilhaben, wägt ab, greift vor, zweifelt, weiss und glaubt. Das Ergebnis ist ein wichtiges Stück Wissenschaftsgeschichte, das sich niemand entgehen lassen darf, der neurologisches Wissen nicht nur aus zweiter Hand möchte. Zumal Benjamin Libet seinen früheren Kommentaren nun mehr Raum gibt, sich mit neuen Positionen auseinandersetzt und seinen Glauben mit Experimenten abstützt.
Fazit: Ein erstaunliches Buch eines erstaunlichen Wissenschaftlers über den freien Willen. Notwendig, faszinierend und durchaus verständlich, wenn man sich in die Materie vertieft. Einen Stern Abzug gibt es für die ungenügenden Übersetzung und überflüssige Längen.