Nun hat es doch geklappt und die Jungs von 'Palestar' haben endlich einen Plattenvertrag ergattern können (das Album gibt es schon länger im Internet zu kaufen). Wurde auch langsam Zeit, aber sich hier über die sture und grob fahrlässige Blindheit von Labels und Musikfirmen für aufbauwürdige Bands in Deutschland aufzuregen, würde nur vom wirklich Wichtigen ablenken: einer äußerst aussichtsreichen deutschen Newcomer-Band und deren bemerkenswerten, wenn auch nicht 100%-tig überzeugenden, Debüt-Album.
Die Band besteht aus vier jungen Kerlen und kommt aus Leipzig. Das schreibe ich hier bewusst nicht nur mal so als Nebenbei-Info dahin, denn wenn man unwissend die Musik von 'Palestar' im Radio hören würde, man würde es nicht glauben wollen, vielleicht sogar vehement bestreiten. Denn 'Palestar' machen Musik, die aus Oxford oder Manchester kommen könnte, vielleicht auch aus Liverpool, aber nicht aus Leipzig! Sie verbreiten eben die typisch britische Melancholie, und damit meine ich nicht nur den allseits präsenten Brit-Pop, sondern Kulturmusik der breiter gefächerteren Sorte. Die unmittelbarsten Soundvergleiche gehen hierbei stark zu 'Radiohead' mit gelegentlichen 'Spiritualized' Einschüben, in ruhigeren Momenten kann man noch etwas 'Savoy Grand' wahrnehmen.
Im Falle von 'Radiohead' wird man dabei gleichwertig stark zum einem an den süßlich-schwermütigen Pop von 'The Bends' erinnert ("Drowned in a bathtub", These walls might break", "Thought police", "When language fails", "Siberian fog", "Sky is the loneliest place", wobei man bei den letzten beiden Songs auch kleinere 'Coldplay' Anleihen heraushören kann, zum anderen an den episch-dramatischen 'Ok Computer' Appeal herangeführt ("No. 1069", "Motor homes", "Into the breathing", "Berlin is for Heroes", "The worst is yet to come", "Mind the landscapes"). Besonders bei diesen Songs kommen immer mal wieder die psychedelischen und spacigen Aspekte von 'Spiritualized' hinzu, die damit dem Album zum Glück ein etwas alternativeres, wenn auch stellenweise zu abgedrehtes, Klangbild verpassen können.
Denn bei aller euphorischen Anerkennung des Soundpotenzials der Band, muss man schon zugeben, dass dies alles doch noch übermäßig nahe an 'Radiohead' bzw. reinem Zitieren britischer Rockmusik ist. So kann man eigentlich fast alle Songs, zumindest von ihrer Struktur her, in die gleiche Ecke des "Originals" stellen. So wie es ein "Lucky" gibt (No. 1069), so gibt es auch ein "Electioneering" (Motor homes). So wie es ein "Street Spirit" gibt (Sky is the loneliest place), so gibt es auch ein "Just" (These walls might break).
Hauptpositivpunkt für die dann doch überzeugende Adaption dieser Musik in ostdeutsche Gefilde liegt hierbei in der atemberaubenden Stimme von Sänger Patrick Sudarski. Ohne Übertreibung bietet er den wohl besten, ausdruckstärksten und gefühlvollsten Gesang, den ich jemals(!) bei einer deutschen Rockband vernehmen durfte (ich habe sie auch schon Live gehört, fantastisch!). Auch wenn sie von der Art des Gesangs her neben Starsailor-Sänger James Walsh sehr nach Thom Yorke klingt (was ja ein übergroßes Kompliment ist), hat sie doch dabei einen helleren Klang, wirkt dadurch also nicht nur wie eine reine Kopie, und entwickelt stellenweise im Laufe des Albums ihre wohltuende Eigenständigkeit. Aber auch die anderen Bandmitglieder verstehen ihr Handwerk, besonders der Bassist vermag prägende Eindrücke zu hinterlassen.
Warum dann nur 3 Sterne? Leider gibt es neben der erwähnten übermäßigen Reproduktion des Radiohead-Sounds für mich noch einen großen Negativpunkt des Albums: Es gibt einfach keinen prägenden Übersong oder packenden Hit. Das mag den einen vielleicht nicht sonderlich stören, für mein Empfinden aber zeigt es erst die Größe einer Band, wenn sie es fertig bringt eine klare, knackige, prägnante Hymne zu schreiben, die einen sofort wie der Blitz trifft und packt und schüttelt und auf die Band aufmerksam macht. Und die kann ich hier leider nicht ausmachen. Dabei hätten "No. 1069", "Drowned in a bathtub", "These walls might break" oder "The worst is yet to come" durchaus das Potential dazu, aber irgendwie fehlt diesen Songs dann doch der letzte Kick, schade. Das soll jetzt aber um Himmels Willen nicht heißen, dass die Songs nicht eingängig wären oder nur abgedreht im Weltraum herumschweben, trotzdem fehlt die ultimative Bissigkeit, sowas wie ein "Creep".
Auch wenn das Album jetzt also insgesamt nicht gleich hervorragend ist, so zeigt mir damit die Band dann doch, dass ein sehr großes Potenzial vorherrscht, das nur in richtige Bahnen gelenkt werden müsste. Außerdem muss man dabei immer wieder bedenken, dass die junge Band ihr Debüt auf eigene Faust und Kosten(!) aufgenommen hat und dafür ist es verdammt gut. Das Handwerk, die Stimme und das Selbstbewusstsein sind somit schon da, fehlen nur noch eine sich entwickelnde musikalische Eigenständigkeit und ein fähiger Produzent, dann können sie die Welt erobern. Auch aus meiner Überzeugung einer großen und besseren Zukunft für die Band heraus, gebe ich lieber erst einmal "nur" 3 Sterne.
Schließlich klangen 'Radiohead' auf dem eigenen Debüt auch noch sehr nach grungigen U2 (mit den entsprechenden Verissen der Kritiker) und wir wissen, wie es weiterging...
Anspieltipps: "No. 1069", "Drowned in a bathtub", "Into the breathing", "The worst is yet to come", "These Walls might break"
P.S.: Man kann übrigens auf der Band-Homepage (www.Palestar.de) alle Stücke des Albums probehören, der Song "Drowned in a bathtub" wird sogar als kostenloser Download angeboten!