Chris Carter, der `Herr der X-Akten', verließ seinen Sprössling MILLENNIUM nach nur einer Season. Doch er hätte nicht im Traum daran gedacht, dass seine Nachfolger, das Produzentenduo Morgan & Wong (SPACE 2063), aus der Serie einen mit Humor und abstrusen Geschichten durchzogenen Mystery-Ableger machen würden.
Ganz dem Motto der zweiten Staffel - „Millennium - This is who we are" - stand die gleichnamige Gruppe im Mittelpunkt des Geschehens und spann ihre weitreichenden Intrigen. Viele geniale Einzelstorys verwoben sich mit einem starken roten Faden, der Woche für Woche zu begeistern wusste. Das düstere und brutale Ambiente der einstigen „Mörder der Woche"-Show wurde zugunsten experimenteller und interessanter Handlungen aufgegeben. Doch Chris Carter war ganz und gar nicht zufrieden damit. Mit der dritten und letzten MILLENNIUM-Staffel übernahm er als Executive Producer wieder das Ruder und zwang die Serie zurück in das enge Korsett, aus welchem sie sich im Vorjahr gekonnt zu befreien wusste. Doch nicht nur der zum Ende hin wiederverwendete Vorspann der ersten Season betont diesen Rückschritt deutlich.
So zeigt sich auch der anfängliche Zweiteiler der finalen Season „Himmelblaue Augen" / „Fünf-Zwölf" als arg konstruierter, ideenarmer Langweiler erster Güte. Kein Wunder, dass Fans in aller Welt, die auf eine aufregende Auflösung des genialen Finales der zweiten Staffel hofften, wütend die Einschaltquoten in den Keller stürzen ließen. Eine Auflösung oder eine auch nur annährend zufriedenstellende Erklärung für die weltweit grassierende Seuche gab es nicht. Alles wird banal der Millennium-Gruppe untergeschoben, die nun im Visier, des erneut für das FBI arbeitenden Frank Black (Lance Henriksen) steht. Angeblich gab es auch nur rund achtzig Todesopfer. Die globale Epidemie wird nachträglich auf ein Gebiet in den USA beschränkt, in welchem sich Frank rein zufällig mit seiner Familie beim Ausbruch der Seuche aufgehalten haben soll. Doch den Tod von Frank's Ehefrau Catherine (Megan Gallager) konnte auch Chris Carter nicht rückgängig machen - schließlich wollte er vermeiden eine zweite AKTE X-Serie zu produzieren.
Die beiden nachfolgenden Einzelepisoden „Countdown" und „Könige der Welt" bieten ebenfalls leider nur höchstes mittelmäßige 08/15-Plots, die in ähnlicher Form schon etliche Male in anderen Serien erzählt worden sind. Man hat fast das Gefühl als stecke MILLENNIUM wieder in den Kinderschuhen und versucht krampfhaft eine klare Linie zu finden.
Besserung verspricht die ungewöhnlich humorige Episode „Halloween", in welcher ein talentloser Filmemacher einen von Frank's alten Fällen verfilmt. Mit „Opfer 38" folgt ein erster Höhepunkt, der deutlich die zwielichtigen Absichten der Millennium-Gruppe offen legt und diese samt Peter Watts (Terry O'Quinn) entgültig als neuen Gegner der Serie etabliert.
„Vergebung" ist an sich eine standardisierte Killer-Episode, die jedoch mit einer cleveren Wendung bezüglich des Täters aufwarten kann.
„Heroin" versucht dem Charakter von Franks neuer FBI-Partnerin Emma Hollis (Klea Scott) etwas Tiefe zu verleihen - mit mäßigem Erfolg ! Auch die gut gemeinte Weihnachtsepisode „Lassa und Rose" lässt einen innovativen, spannenden Plot vermissen. Wieder aufwärts geht's mit der stark religiös angehauchten Episode „Geschenkte Zeit", die nicht nur Frank's Tochter Jordan in den Mittelpunkt rückt, sondern auch ein wenig Hoffnung bezüglich der drohenden Apokalypse spendet. Bemerkenswert auch die Gaststars : Eric Mabius (RESIDENT EVIL) als Engel und Amanda Tapping (STARGATE SG1) als Ärztin.
Eine dem Charakter Peter Watts gewidmete Episode ist „Nichts als die Wahrheit". Die sehr gute Handlung zeigt, wie ein ehemaliger US-Soldat die Millennium-Gruppe - durch die Entführung von Watts Tochter - zu einem Geständnis zwingen will. Mit dabei : James Marsters (Spike aus BUFFY) und Brendan Fehr (ROSWELL).
Mit „Weißes Rauschen" folgt dann das Highlight der Season ,welches sich zudem als die eigentliche Auflösung des Cliffhangers entpuppt. Frank Black untersucht mysteriöse Todesfälle, die in Zusammenhang mit scheinbar wahllos versandten, leeren Tonbändern zu stehen scheinen. Als auch Frank eine dieser Kassetten erhält, wird er noch einmal mit dem traumatischen Tod seiner Frau konfrontiert und erhält zeitgleich die Chance ihr Lebewohl zu sagen. Serienfans freuen sich hier über den finalen Auftritt von Megan Gallager !
„Teufels Braut" ist die Fortsetzung der Episoden „Gesichter des Bösen", „Tote Freunde" und „Namenlos" und somit ein weiterer teuflischer Auftritt von Frank's Nemesis Lucy Butler. Die solide Episode lässt zum Ende hin viele Fragen offen, die in weiteren (geplanten) Seasons für Spannung gesorgt hätten. „Nummer 633" wagt den Sprung ins Jahr 1945, zurück zur Gründung der Millennium-Gruppe durch die Obersten des FBI. Ein damals ungeklärter Fall gibt Frank und Emma in der Gegenwart einige Rätsel auf, dessen halbgare Auflösung förmlich nach einer Fortsetzung verlangt.
In „Der dritte Tempel" entführen jüdische Extremisten, die sich auf die Wiederkehr des Messias vorbereiten, eine schwangere Frau (Juliet Landau aus BUFFY / ANGEL). Hollis verdächtigt die Millennium-Gruppe dahinter, die ihrerseits jedoch andere Absichten verfolgen und Emma für ihre Sache gewinnen wollen. Die gelungene Folge wartet auch mit einem Gastauftritt von Andreas Katsulas (STAR TREK TNG / BABYLON 5) auf. Wieder etwas mysteriöser gibt sich „Augen des Bösen". Jordan hat Visionen und zeigt sich ungewöhnlich feindselig gegenüber den neuen Nachbarn. Erst viel später führt ihr ungewöhnliches Verhalten Frank auf die Spur eines Serienkillers, der jedoch sein wahres Antlitz verbirgt : Lucy Butler !
„Gekreuzte Palmen" dreht sich um eine junge Frau, die nach dem Mord an einen Aufseher aus einer Irrenanstalt ausbricht. Für Frank ist der Fall eindeutig. Doch es bleiben Fragen offen : Warum interessiert sich das FBI für das Verbrechen ? Was hat es mit den Palmen auf sich, die Emmas geistig verwirrter Vater scheinbar völlig unabhängig von ihren Ermittlungen aus Papier faltet ? Eine schlüssige Auflösung der Parallelhandlung gibt es nicht ! Auch die wirre Episode „Junge Hände" lässt AkteX-like viele Fragen offen und präsentiert nur wage konstruierte Handlungsstränge. Das die Millennium-Gruppe mal wieder ihre `Hände' im Spiel hat und Hollis Peter Watts als absolut böse klassifiziert, ist nur schmückendes Beiwerk.
Auch Chris Carter steuert ein wenig aussagekräftiges Drehbuch hinzu : „Unter Wasser". Die Episode liefert zwar einen interessanten Einblick in Frank's Psyche und erweitert seine Gabe, doch die Ereignisse, wie auch das erneute Auftreten des `Polaroid-Mannes' bleiben ohne Erklärung. Ob auch hier wieder Lucy Butler ihre teuflischen Finger im Spiel hatte ? Eher konventionell geht es mit „Regen in South Mills" weiter. Frank und Emma untersuchen einen Mord und stoßen dabei auf einen Sexualtriebtäter, der die beiden bewusst auf seine Spuren führt. Einen Abschluss findet die dritte Season mit der Doppelepisode „Kreuzweg / Wir alle sind Hirten", in welcher der Geist eines hingerichteten Serienkillers weiterhin Morde verübt. Zwar bleiben zahlreiche Handlungsstränge der Serie ungelöst, aber das Finale stimmt versöhnlich.
Löblich, da nicht selbstverständlich ist die Dreingabe der AKTE X-Crossover-Episode „Millennium", die das echte Ende der Serie darstellt. Die Begegnung zwischen Frank Black und den FBI-Agenten Mulder und Scully zeigt nicht nur die Jahrtausendwende, sondern vermittelt auch das Gefühl, dass MILLENNIUM eine X-Akte ist. Ohne AKTE X wäre MILLENNIUM nie auf Sendung gegangen und ohne die `Mutterserie' hätte Frank Black's Mission auch nie einen Abschluss gefunden. Ob es einmal eine Fortsetzung geben wird ist noch offen. Chris Carter und Lance Henriksen scheinen aber an einem Kinofilm interessiert zu sein !