"Der Glaube ist Europa und Europa ist der Glaube."
Hilaire Joseph Pierre Belloc (1870 - 1953)
Unter dem Originaltitel "Millennium: The End of the World and the Forging of Christendom" war das Sachbuch des englischen Autors Tom Holland (Jahrgang 1968) bereits im Jahre 2008 erschienen. Nicht nur der spannende, erzählerische Stil lässt an den Klassiker "The History of the Decline and Fall of the Roman Empire" (1776 - 1788) erinnern. In seiner Gesamtheit erscheint Tom Hollands Geschichtsanalyse wie eine Antwort auf Edward Gibbons (1737 - 1794) Standardwerk. Während der im 18. Jahrhundert lebende Historiker und Politiker das Christentum als eine der Hauptursachen für den Untergang des römischen Reiches angesehen hatte, ist es für Holland der Motor auf der Straße nach Europa.
Der deutsche Untertitel "Die Geburt Europas aus dem Mittelalter" verwischt nicht nur diesen Gedanken des Autors, er ist einfach nicht angemessen, denn sein Buch beschreibt Vorgänge innerhalb der ersten 1100 Jahre n. Chr. Das Mittelalter spannt sich - jedoch grob gesprochen - von 500- 1500. In manchen Gegenden Europas reichte es sogar bis ins 16. Jahrhundert.
Der Autor beginnt sein Vorwort mit dem "Gang nach Canossa" und Überlegungen zu eschatologischen Erwartungen eines "Tausendjährigen Friedensreiches" nach dem Tode von Jesus Christus. Obwohl die Apokalyse nicht stattfand, kumulierten im 11. Jahrhundert bedeutende Ereignisse schließlich derart, dass Holland von einer "Revolution" spricht. Um diese im Kontext der Ordnung zu verstehen, die sie ablöste, muss der Autor bis zu den Ursprüngen des Ideals eines christlichen (König)Reiches zurückgehen.....
.....und beginnt dort mit der Erzählung der prägenden historischen Ereignisse, die er in sieben Kapiteln einzeln und im Gesamtzusammenhang erläutert. Eine Geschichte in der u. a. der Sieg gegen die Ungarn (955), der Expansionsdrang von Wikingern und Normannen, die Reconquista Iberiens, die Schlacht bei Manzikert und schließlich der 1. "Kreuzzug" ("Eine Unbequeme Wahrheit") eine wesentliche Rolle spielen. Mit der Eroberung Jerusalems am 15. Juli 1099 und dem Nichterscheinen des Antichristen schließt der Träger des "Runciman Awards" 2006 den 1000jährigen Kreis seiner Betrachtung.
Mit seinem "Abenteurer Europa" schafft es Holland, den Leser über 436 Seiten in seinen Bann zu ziehen. Flüssig, spannend und originel", womit Kahlschlag für Merowinger und Herrschaft der Karolinger gemeint sind. Oder augenzwinkernde Fussnoten wie "zur Zeit ist ein besonderer Enthusiasmus zu verzeichnen, Warlords aus dem 10. Jahrhundert zu friedfertigen Multikulturalisten umzugestalten. Ein Enthusiasmus, von dem nicht zuletzt auch die Kalifen von Córdoba wieder profitieren". Während der Einbau historischer Landkarten in die einzelnen Kapitel für eine räumliche Visualisierung der historischen Ereignisse sorgt, bietet eine 16seitige Fotostrecke in der Mitte des Buches u. a. Bilder aus der Bamberg Apokalypse, mittelalterlichen Darstellungen, von Runensteinen, dem Wandteppich von Bayeux, der Grabeskirche, des Tempelberg. Am Ende kann das Sachbuch noch mit einem üppigen, 66seitigen Anhang aufwarten. Hierzu gehören eine Zeittafel (Daten- und Faktenextrakt der sieben Kapitel), Anmerkungen (Quellen), eine 24seitige (!) Auswahl an Primär- und Sekundärliteratur, ein Verzeichnis der 14 Karten und ein Register.
Trotz des weniger präzisen deutschen Untertitels ist "Millennium" für timediver® ein heißer Favorit für das "historische Sachbuch des Jahres". Gleichzeitig weckt er das Interesse für sein nicht minder erfolgreichen Vorgänger "Persisches Feuer: Das erste Weltreich und der Kampf um den Westen" und das noch nicht in deutscher Sprache erschienene "Rubicon: The Triumph and Tragedy of the Roman Republic". Tom Hollands Vampir-Romane können kaum spannender sein als seine historischen Sachbücher.
5 Amazonsterne für einen Sachbuch-Thriller der europäische Geschichte zu einem Abenteuer macht.