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Dass die Grenze zwischen Realität und Fiktion manchmal sehr dünn ist, muss der Dampfplauderer schon als ABC-Schütze erfahren -- als "Politinformator" seiner Klasse erfindet er mit Hilfe vergilbter Prawda-Exemplare haarsträubende Tagesnachrichten und darf, als die Sache auffliegt, nicht in den Jugendverband Komsomol eintreten. Kein schlechter Start für ein Leben als Outcast, doch es kommt selbstredend noch besser: Ob als Praktikant am Moskauer Majakowski-Theater, als Begleiter eines Rindertransports ins ferne Samarkand, als Parkwächter oder als Organisator von Undergroundkonzerten in winzigen Privatwohnungen -- stets ist Wladimir Sand im Getriebe der sowjetischen Volkswirtschaft -- und den wegen ihrer stets matschbekleckerten hellen Sakkos als "Birkenmänner" verspotteten KGB-Praktikanten der Abteilung "Jugendverfolgung" ein Dorn im Auge. Dass ein Mathias Rust mit seiner Cessna auf dem Roten Platz landen konnte, verwundert heute niemanden mehr -- natürlich ist es Wladimir, der zu dieser Zeit seinen Wehrdienst in einer Moskauer Luftabwehr-Einheit versieht (und nach dem Rust-Fiasko immerhin zum "stellvertretenden Vergnügungsorganisator" befördert wird).
So zeigt uns das Kaminersche Kuriositätenkabinett gleichsam im Zeitraffer und von unten den Zusammenbruch des sowjetischen Riesenreichs. Das "harte sozialistische Ei, dass seit Jahrzehnten im kochenden Wasser des kalten Krieges vor sich hin gebrodelt hatte" bekommt zunehmend Risse; Gorbatschows Perestrojka beschert dem Land am Ende zwei neue Spielzeuge: Business für die Väter, Freiheit für die Söhne. Am Tag des Abschieds von der Heimat, das Ticket nach Berlin in der Tasche, bietet sich unserem Helden in der Moskauer Bahnhofshalle ein Bild mit Symbolcharakter: Lenin-Statuen aus Bronze, Marx-Köpfe in Gips, weder bestellt noch abgeholt. "Keiner kümmerte sich um die Denkmäler, niemand wollte sie haben. Zusammen stellten sie ein neues Monument dar: Revolutionäre auf Reisen. Versteinert vor Wut." Wahrscheinlich muss man aus Bronze oder Gips sein, um dem Charme des tolldreisten Geschichtenerzählers Kaminer nicht zu erliegen. Einen doppelten Wodka Putin für den Autor, bitte! Auf die Gesundheit! Und auf das Leben. --Niklas Feldtkamp
Von den sieben Erzählungen aus Militärmusik fehlen auf dem Audiobook leider drei -- zu hören sind: "Sozialistische Erziehung", "Tiertransport", "Die Läuse der Freiheit" und "Der Fahneneid". Was neben ein paar alten Fotos aus Kaminers Wehrdienstzeit nicht fehlt, und auf einer CD, die Militärmusik heißt, auch nicht fehlen dürfte -- ächte russischää Militärmjusick: Jeweils am Anfang und am Ende der beiden CDs erschallen zackige Märsche und stimmungsvolle Soldatenchöre -- das Tüpfelchen auf dem I. Spassiba, Wladimir, Spassiba! --Christian Stahl
Spieldauer: ca. 152 Minuten, erhältlich auf 2 CDs oder auf 3 MCs. -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Audio CD .
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Die hilfreichsten Kundenrezensionen
19 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Das kurzweiligste Buch seit langem.,
Rezension bezieht sich auf: Militärmusik: Roman (Gebundene Ausgabe)
Dieses Buch läßt einen nicht mehr los.Ich habe gestern angefangen es zu lesen und bin heute damit fertig geworden und das, obwohl ich mir eisern vorgenommen hatte, für die Klausur zu lernen, die ich übermorgen schreibe... Kaminer schreibt in einer selten humorvollen und unterhaltsamen Art, das ich jetzt noch ab und an leise oder auch mal laut vor mich hinlachen muß, wenn ich an einige Situationen aus dem Buch zurückdenken muß. So wie er seine Heimat Russland, seine Mitmenschen, Erlebnisse und kleinen Abenteuer sowie den ganzen (eigentlich nicht sehr witzigen) sozialistischen Apparat beschreibt muß man seine Erzählweise einfach lieben. Ein tolles Buch, dass ich sicherlich nicht zum letzten Mal gelesen habe. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
11 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Erfrischend naiv und schön beobachtender Stil!,
Rezension bezieht sich auf: Militärmusik: Roman (Taschenbuch)
Selten habe ich in der letzten Zeit ein derartig kurzweiliges Buch wie "Militärmusik" gelesen: Der unverwechselbare Schreibstil von Wladimir Kaminer hat sich hier im Vergleich zu den schon exzellenten Vorgängern noch um einiges gesteigert, die tollen, gespielt naiven Beobachtungen und der trockene Humor fangen einen sofort in den realsozialistischen Alltag ein. Statt realsozialistischer Propaganda oder den üblichen Berichten vom Leben im Unrechtsstaat wird hier eine Perspektive von "unten" eröffnet, sei es die realsozialistische Kindheit (wo Kaminer ganz beiläufig den "roten Plastikpanzer" als durchaus gängiges realsozialistisches Spielzeug erwähnt), die nationalen Konflikte im Vielvölkerstaat Sowjetunion oder die Underground-Szene um Hippies, Punks und Heavy-Metal-Fans: Alles wird mit einem leichten Augenzwinkern erzählt. Da wird Gorbatschow auf einem Portrait mit dem Weihnachtsmann verglichen und die antisemitischen Auswüchse einer Bürgerinitiative werden nur durch die gewählte Formulierung des Dargestellten dezent lächerlich gemacht.Kaminer schreibt beobachtend, faktisch, statt lange Charakterbeschreibungen erschließt sich der Charakter seiner Figuren größtenteils durch ihre Handlungsweise. Seine gute Beobachtungsgabe und vor allem sein literarisches Talent lassen den Leser Alltagssituationen nochmals miterleben und herzlich darüber lachen. Insgesamt, vor allem wohl wegen der Thematik, das wohl beste Buch Kaminers. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
10 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Russische Schwejkjade,
Von Dr. Matthias Korner "brundisium" (Ratingen, Deutschland) - Alle meine Rezensionen ansehen (REAL NAME)
Rezension bezieht sich auf: Militärmusik: Roman (Gebundene Ausgabe)
In dem Roman, dessen Titel nicht unbedingt nachvollziehbar ist, erzählt Kaminer in 7 Kapiteln aus seinem Leben in der alten Sowjetunion. Das plätschert munter vor sich hin, dem Leser werden keine geistigen Höhenflüge abverlangt. Es macht Spaß, Wladimir zu beobachten, wie er sich durch die verschiedenen Stadien seiner Jugend mit List und Tücke hindurchmogelt. Langweilig wird es dabei nicht. Im Gegensatz etwa zu dem Iren Frank McCourt, der in seiner Jugend eigentlich tun konnte, was erwollte, schlecht ging es ihm stets, entzündete Augen waren sein Markenzeichen, hat man nie das Gefühl, Wladimir könne einmal in eine nachhaltige Pechsträhne hineingeraten. Er ist abwechselnd Lebenskünstler, dann wieder eine Art russischer Schwejk und versteht es immer, das Beste aus der jeweiligen Situation zu machen. Das reißt mit, muntert auf. Es ist unwahrscheinlich, daß Leser/Leserin in anderer als guter Laune das 222 Seiten kurze Buch aus der Hand legt (von dem Bedauern,daß es zu Ende ist, einmal abgesehen).Fazit : Ein überaus kurzweiliges, gut lesbares Buch, das dem Leser interessante Einblicke in Leben und Alltag der Sowjetunion hinter allen offiziellen Verlautbarungen ermöglicht. Kaminer offenbart darin großes Erzähltalent, man wird ihn und seinen literarischen Werdegang beobachten müssen. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
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