Selten habe ich in der letzten Zeit ein derartig kurzweiliges Buch wie "Militärmusik" gelesen: Der unverwechselbare Schreibstil von Wladimir Kaminer hat sich hier im Vergleich zu den schon exzellenten Vorgängern noch um einiges gesteigert, die tollen, gespielt naiven Beobachtungen und der trockene Humor fangen einen sofort in den realsozialistischen Alltag ein. Statt realsozialistischer Propaganda oder den üblichen Berichten vom Leben im Unrechtsstaat wird hier eine Perspektive von "unten" eröffnet, sei es die realsozialistische Kindheit (wo Kaminer ganz beiläufig den "roten Plastikpanzer" als durchaus gängiges realsozialistisches Spielzeug erwähnt), die nationalen Konflikte im Vielvölkerstaat Sowjetunion oder die Underground-Szene um Hippies, Punks und Heavy-Metal-Fans: Alles wird mit einem leichten Augenzwinkern erzählt. Da wird Gorbatschow auf einem Portrait mit dem Weihnachtsmann verglichen und die antisemitischen Auswüchse einer Bürgerinitiative werden nur durch die gewählte Formulierung des Dargestellten dezent lächerlich gemacht.
Kaminer schreibt beobachtend, faktisch, statt lange Charakterbeschreibungen erschließt sich der Charakter seiner Figuren größtenteils durch ihre Handlungsweise. Seine gute Beobachtungsgabe und vor allem sein literarisches Talent lassen den Leser Alltagssituationen nochmals miterleben und herzlich darüber lachen.
Insgesamt, vor allem wohl wegen der Thematik, das wohl beste Buch Kaminers.