AT FILLMORE zeigt Miles Davis in seiner großen Experimentierphase. Auf diesem Album sind die Mitschnitte von vier aufeinanderfolgenden Nächten im Juni 1970 versammelt, in denen Miles jeweils ein Set spielte, das nach seiner Gewohnheit ohne Unterbrechungen durchlief. Leider hat man vor dreißig Jahren, als die LP-Version rauskam, einiges rausschnippeln müssen, um alles auf plattentaugliche Längen zu kürzen, und beim Remastern dachte keiner daran, die vollständigen Aufnahmen zu benutzen, so daß auch hier nervige Schnitte allerorten vorkommen.
Die Musik ist ein Übergang zwischen BITCHES BREW und LIVE-EVIL, vor allem, was die Besetzung angeht: Dave Holland und Chick Corea sind noch dabei, während Keith Jarrett neu in der Band ist. Außerdem auf der Bühne: Airto, Jack DeJohnette, Steve Grossmann und natürlich Miles. Die beiden Keyboarder liefern sich hin und wieder wüst verzerrte Gefechte von größter tonaler Freiheit (der heftige Groove von LIVE-EVIL ist hier erst andeutungsweise zu spüren); von Grossmann hat man wohl das meiste rausgeschnitten, denn man hört herzlich wenig von ihm (viel Hochgeschwindigkeitsgewurstel und nur wenige melodische Einfälle); der Chef bietet Hochenergie-Trompetenarbeit mit Ausflügen in die höchsten Höhen, viel, viel Chromatik und frischen Einfällen, aber noch ohne Wah-Wah.
Wer an einem experimentellen Miles Davis und einer ziemlich spielfreudigen Band Interesse hat und sich nicht sonderlich an heftigen Dissonanzen stört, kann hier getrost zulangen. "Kind of Blue"-Verehrern, Puristen und weniger tolerante Naturen hingegen sollten sich erstmal langsam rantasten, am besten über BITCHES BREW.