Natürlich handelt es sich bei "Milchwald" nicht um eine "Gebrüder-Grimm-Verfilmung", aber das Märchen von Hänsel und Gretel, die durch das Verlassensein von den Eltern in Kontakt mit dem Bösen (in Gestalt der Hexe) geraten, stand ohne Zweifel als Folie im Hintergrund.
Die Geschichte in "Milchwald" ist aber außerordentlich realistisch, teilweise fast dokumentarisch erzählt. Zu Beginn: eine leere Straße, die sich durch kahle Felder zieht. Man muss einen Moment hinsehen, bevor man zwei Kinder am Straßenrand bemerkt, Lea und Konstantin, auf dem Heimweg von der Schule. Gleich werden sie von ihrer Stiefmutter Sylvia mit dem Auto abgeholt – um wenig später ein weiteres Mal in der Weite der Landschaft alleine gelassen zu werden: Es kommt zu Sticheleien und Streitereien, bis Sylvia die Kinder genervt aus dem Auto wirft und davon fährt. Schauplatz ist die Region um die deutsch-polnische Grenze. Die Kinder bleiben in Polen zurück, wo ihre Stiefmutter mit ihnen eigentlich einkaufen wollte. Lea und Konstantin begeben sich auf eine Odyssee durch diese fremde Welt, um wieder nach Hause zu finden, zu ihrem Vater. Der weiß nicht, was seine Frau getan hat, und setzt seinerseits von Deutschland aus alle Hebel in Bewegung, um die beiden zu finden.
Die Kamera agiert dabei sehr statisch, verweilt lange auf manchen Szenen, macht so die Isolation der Personen deutlich: Die Stiefmutter, die mit der Erziehung der Kinder überfordert ist, vor allem mit der sich agressiv gebärdenden Lea. Sie ringt um die Liebe ihres Mannes und kann doch nicht zu ihm durchdringen. Die Kinder, die zum einen herumgestoßen werden, zum anderen aber auch Ablehnung spüren lassen und ihren ganz eigen Weg gehen, manchmal auch gegeneinander. Der Vater, der über seinen aufreibenden Beruf seine Familie zwar materiell gut versorgt, aber emotional vernachlässigt.
Der Film, das machen die Bilder von Beginn an deutlich, ist vor allem eine Studie über die Einsamkeit. Mitunter erinnert „Milchwald“ an Arbeiten Ingmar Bergmans: wie die Figuren meist nicht in Paaren oder Gruppen, sondern in nahen Einstellungen, isoliert im Bildkader, präsentiert werden, wie sie an den Rand gedrängt werden, verloren unter einem weiten Himmel, in einem tiefen Raum, auf einer leeren Straße, wie Distanzen zwischen ihnen aufgerissen werden. Die visuelle Umsetzung des Films ist erstaunlich konsequent, fast gnadenlos in der Darstellung der Welt als emotionales Eishaus.
Spärlich sind die Momente, in denen durch die Tristesse so etwas wie Zärtlichkeit aufblitzt – z.B. wenn Kuba (ein Handelsreisender, der sich der Kinder annimmt) Konstantin zeigt, wie man eine Blume zum Sprechen bringt, wenn die Kinder aneinandergekuschelt im Morgenlicht schlafen, wenn Sylvia auf einem Waldweg einem Storch begegnet. Doch solche Momente sind rar, und mit einem märchenhaften guten Ende sollte man nicht rechnen.