Dank vieler aufwändiger Werbekampagnen werden Milchprodukte von den meisten Verbrauchern als nahrhaftes, gesundes Nahrungsmittel angesehen. Dieses Erscheinungsbild wurde und wird immer noch durch die Hersteller von Molkereiprodukten sorgfältig aufgebaut und durch angeblich wissenschaftlich begründete Aussagen erhärtet. Dabei wird vor allem auf den relativ hohen Kalziumgehalt hingewiesen. Nur selten werden kritische Fragen gestellt, und wissenschaftlichen Forschungen, die auf mögliche negative Wirkungen hinweisen, kommen fast nie zu Wort. Ausnahmen sind das Problem eines Laktasemangels bei einem Teil der Bevölkerung sowie eine mögliche Milcheiweißallergie.
Eine Arbeit wie die vorliegende ist daher eher die Ausnahme, eine umfassende Übersicht über die verschiedenen Aspekte der Milch und anderer Molkereiprodukte: kulturhistorisch, ethisch, wirtschaftlich-statistisch, ökologisch,technologisch, juristisch, hygienisch und medizinisch.
Die Autorin dieses Buches ist Juristin und stieß berufshalber auf dieses Thema bei einem Studium der europäischen Richtlinien über Milch und Molkereiprodukte. Sie verfasste " mit sachkundiger Hilfe von Ulrike Martin-Plonka (Ernährungsberaterin mit dem Spezialgebiet Behandlung von Lebensmittelallergien) " eine vielseitige, umfassende und kritische Bewertung von Milch und Molkereiprodukten, wobei zahlreiche interessante " manchmal auch unerwartete " Aspekte unter die Lupe genommen werden.
Dass es viele Menschen gibt, die durch den Verzehr von Milch und Milchprodukten krank werden, war für die Autorin eine völlig neue Erfahrung, und deswegen beginnt sie ihr Buch mit einem tiefgehenden Studium des Themas Milch. Vor allem interessant für Ernährungswissenschaftler und -berater sowie für Ärzte sind die Auseinandersetzungen über die ursächliche Beteiligung von Milch und Molkereiprodukten bei der Entstehung von schweren Krankheiten (u.a. Diabetes, Arteriosklerose, Hyperhomozysteinämie, Star, Brustkrebs).
Durchaus bekannt sind die essentiellen Unterschiede in der Zusammensetzung der Milch beim Menschen und bei den anderen Säugetieren.
Wie die Milchkuh immer wieder schwanger gemacht, warum das Kalb der Mutterkuh weggenommen, wie die Kuh maschinell gemolken und wie die Milchproduktion erhöht wird, das Problem mit den Wachstumshormonen, die Antibiotika, die europäische Gesetzgebung darüber, die ungelöste Frage der möglichen BSE-Übertragung durch Kuhmilch, das sind einige von den vielen Themen, die aufgegriffen werden.
Auch die "Milch-Kalzium-Knochenbildung-Beziehung" wird gründlich und kritisch durchleuchtet. Das gleiche gilt sogar für die die neuerliche Behauptung, dass Milch zur Gewichtsreduzierung eingesetzt werden kann.
Die Autorin erklärt, wie es möglich wurde, dass der heutige Mensch von relativ mäßigem Milchkonsum als Naturprodukt direkt vom Bauern übergegangen ist zum Massenkonsum des heutigen Industrieproduktes. Die Milchindustrie hat seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges, und noch mehr nach 1970 mit der Anwendung von moderner Maschinentechnik für die Milchproduktion, ein exponentielles Wachstum erfahren mit enormer Zunahme des Verbrauchs insbesondere von Käse, Joghurt, Sahne und Milcheis. Es ist auch beeindruckend zu lesen, inwieweit viele verschiedene Nahrungsmittel Milchbestandteile enthalten.
Dieses Werk mag ab und zu ziemlich kompliziert erscheinen, aber die Lektüre ist durchaus faszinierend und lehrreich. Außerdem wird viel Wert gelegt auf die Erklärungen von Begriffen aus der Lebensmittel-Biochemie und der Gesundheits- und Krankheitslehre. Z.B. werden viele interessante Informationen über Milchzucker (Laktose) und Milcheiweiß (besonders Kasein) geboten. Dabei kommen noch viele Tatsachen ans Licht, die man ins klassischen Handbüchern über Ernährungslehre meistens nicht findet.
Maria Rollinger hat die wissenschaftliche Literatur gründlich durchforstet. Durchgehend gibt es in Fußnoten Hinweise auf Websites, wissenschaftliche Referenzen, zusätzliche Erklärungen. Im Anhang findet man ein Glossar mit häufig gebrauchten Fremdwörtern und Literaturangaben, Internetadressen und ein Stichwortverzeichnis.
Jeder, der sich für das Thema Milch als weit verbreitetes Nahrungsmittel interessiert, wird dieses Buch mit Gewinn lesen und seine eigenen Schlussfolgerungen daraus ziehen können.
Prof. Dr. Marcel Hebbelinck (Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des VEBU)