Osteuropäischer Charme untermalt vom Klavier: Julia Marcells junges, melancholisches Herz mit einem Hauch Regina Spektor.
Für die Produktion ihres Debüts entschied sich Julia Marcell, den Weg ohne Label zu gehen. Stattdessen gelang es ihr, mithilfe des Online-Portals Sellaband, innerhalb von
nur drei Monaten genügend Menschen von ihrer Musik zu überzeugen und so ihr Album „It Might Like You“ zu produzieren.
Entstanden sind bittersüße Balladen, für die sie auf überschwängliche Instrumentierung verzichtet. Die Songs leben von ihren Klavierkompositionen und so erinnert das wuchtige Piano in „Outer Space“ ungemein an „The Flowers“ von Regina Spektors Album „Soviet Kitch“. Der charmante osteuropäische Akzent in den englischen Zeilen und die selbst überschriebene Rolle der Geschichtenerzählerin akzentuieren diesen Vergleich. Die junge Songwriterin aus Polen zaubert Piano-Pop in gleicher Manier.
Im Stück „Dancer“ berichtet Marcell, im letzten Leben eine Tänzerin gewesen zu sein. Als sie Maler Henri kennenlernt, verlässt sie das Kabarett und tanzt nur noch für ihn, bis er sie schließlich verlässt. Ihr gebrochenes Herz verarbeitet sie in ausgeklügelten Zeilen: „You May See My Soul, But You´ll Never Read It All. You May Read It All, But You´ll Never Break My Heart. You May Break My Heart, But You´ll Never Break My Will. You Might Break My Will, But I´ll Always Have My Art!“. Die Dramaturgie wird durch die eingesetzten Geigen erzeugt und das Geräusch von Steppschuhen verbildlicht ihre Geschichte.
Auch in „Fear Of Flying“, der leidvollen Ballade um die Angst sich fallen zu lassen sowie „The Story“, in dem Marcells ausdrucksstarke Stimme nur mit zarten Gezupfe untermalt wird, sind es Streicher, die den Stücken ihre Dramatik einhauchen. In "Words Won´t Save You" reichen der gebrochene Takt und unvorhersehbare Pausen, um Marcells Verzweiflung Ausdruck zu verleihen. Doch neben Momenten der Verletzlichkeit, zeugen dann kühne Zeilen wie „No Bad News I Wanna Hear About Success“, zugespitzt von einem mitreißenden Marschtakt, von Entschlossenheit und starkem Willen („Night Of The Living Dead“).
Ob die Geschichten nun aus der Perspektive der Songwriterin stammen oder aus der eines Mannes, der seine Frau nicht mehr liebt, spielt eigentlich keine Rolle. Denn alle zwölf umspinnen einen und sind Teil eines wundervollen Debüts. It might like you. It really likes me though.
Die Storys, die Plattenfirmen erzählen, wenn sie einen neuen Künstler an den Mann bringen wollen, sind oft dieselben. Nicht bei Julia Marcell. Das mag dran liegen, dass die polnische Songwriterin den Weg ohne Label gegangen ist - und zwar nicht auf dem so märchenhaft wie unecht klingenden MySpace-Weg, sondern über das Portal Sellaband. Dort sammelte sie in nur drei Monaten Fans, die Marcell insgesamt 50 000 Dollar zur Verfügung stellten, damit sie ihr Debüt produzieren konnte. Und was für eins: Pianopop zwischen Melancholie und Jahrmarktklimpern, theatralisch, dramatisch, aber nie abgehoben, zerbrechlich und stark zugleich, ein bisschen Kate Nash, ein bisschen Amanda Palmer - und ganz viel Julia Marcell. Da war es nur eine Frage der Zeit, bis die Plattenfirmen ihre Finger nach dieser Musikerin ausstreckten. Gut, dass das Album schon fertig war, denn so blieb ihr Debüt unverfälscht. (kab)