Was hat sich die Presse teilweise überschlagen vor Begeisterung. "Musikfilm des Jahres", "Ein Liebesfilm auf 6 Saiten" und ähnliches war da zu lesen. Besonders schön fand ich ja auch dies: "Ein Film, der ein ganzes Semester Musikstudium ersetzt". Auch auf der Verpackung der DVD spart man nicht mit Lob und Superlativen. Nun, wenn Jimmy Page, The Edge und der Jungstar Jack White gemeinsam in einem Film, der die E-Gitarre zu Thema haben soll, auftreten, da darf man ja wohl völlig berechtigt eine gewisse Erwartungshaltung an den Tag legen. Aber man soll sich bitte nicht zu sehr blenden lassen. Natürlich ist das ein toller Film. Und je öfter ich ihn mir ansehe, desto mehr freue ich mich immer wieder über bestimmte Szenen und Situationen. Eine davon ist z.B. Page, der eine 45er Single aus der flatterigen Papierhülle nimmt und breit in die Kamera grinsend den Klängen von Link Wray's Rumble lauscht. Toll ist auch mit anzusehen, wenn The Edge und Jack White leuchtende Augen bekommen, wie beim Anblick des Weihnachtsbaumes am Heiligen Abend, wenn Page sein Whole-Lotta-Love-Riff mit einer sagenhaften Leichtigkeit aus dem Ärmel schüttelt. Wer jedoch eine reine Krachorgie erwartet, in der die E-Gitarren zum schreien und jaulen und quietschen gebracht werden und wo dem Zuschauer am laufenden Band krachende Riffs und Akkordfolgen um die Ohren gehauen werden, dass es nur so dröhnt, wird vielleicht etwas verwundert feststellen, dass eigentlich das genaue Gegenteil der Fall ist. Natürlich wird auch E-Gitarre gespielt, aber diese Szenen sind nur ein Teil vom Gesamtwerk der Dokumentation It Might Get Loud. Dieser Film will vermutlich auch gar keine lärmende Orgie sein und im Vorspann wird die Katze eigentlich schon aus dem Sack gelassen, wenn es da heißt: "(...) three musicians came together to discuss the electric guitar". Das kommt der Sache nämlich schon näher. Und bevor die drei Herren sich zu einer Jamsession zusammentun und sich gegenseitig ihre Techniken erklären, wird viel geredet und erzählt. Zunächst ist dieser Film nämlich eine Reise in die Vergangenheit. Jimmy Page besucht Headley Grange, wo Teile von Led Zeppelin IV aufgenommen wurden und er erklärt begeistert, wie der sagenhafte Drumsound auf When The Levee Breaks entstanden ist. David Hewell Evans aka The Edge besucht seine alte Schule und führt durch die Räumlichkeiten, in denen die jugendliche Band U2 früher geprobt hat. Diese Rückschau wird mit alten Film- und Fernsehmitschnitten ausgeschmückt, in denen man Page als Junge mit einer Skiffle Band musizieren sieht und die blutjungen U2 als spitteldürre Teenager wohlmöglich einen ihrer ersten Auftritte absolvieren. The Edge hört man dazu kommentieren, dass man damals einfach den Drang verspürte aufzutreten und Musik zu machen, auch wenn es schlecht war, denn in Zeiten der großen Wirtschaftskrise der 1970er Jahre in Großbritannien, gab es nur sehr wenige zukunftsträchtige Perspektiven. Page gewährt einen ausführlichen Blick auf seine frühere Karriere, von seinen Anfängen unter Skiffleeinfluss bis zu seinen Jahren als renommierter Studiomusiker, bis er zu der Erkenntnis gelangte, dass es nun doch nicht die Erfüllung sein konnte als Studiomusiker sein Dasein zu fristen, in dem er den Terminen, für die er gebucht wurde, praktisch einem Bürojob gleichend, nachging. Wer sich noch nicht so intensiv damit befasst hat, wird staunen, bei welchen Produktionen Page damals so mitgewirkt hat. The Edge ist der Effektgerätefreak, der nach eigener Aussage sich und seine Umwelt damit zum Wahnsinn treibt, dass er ständig damit kämpft, wie er den Sound, den er im Kopf hört, über die Lautsprecher nach draußen dringen lassen kann. Das kling so jetzt vielleicht ein bisschen schizophren, aber er betreibt das wirklich mit einer dermaßen sichtbaren Ernsthaftigkeit, dass man sich fragt, was da unter der Mütze eigentlich so vor sich geht. Andererseits zeichnet The Edge eine sehr sympathische, bodenständige Bescheidenheit aus, die man bei all dem Größenwahn, der sich um die Band U2 rankt, so nicht unbedigt erwarten kann. Er scheut sich nämlich nicht, alle Effekte abzuschalten, um dann das selbe Thema nochmals anzuschlagen, um dann lächelnd zu verkünden: hört doch mal hin, das ist doch total simpel, was ich da in Wirklichkeit spiele. Und: über den Spinal-Tap-Film konnte er nicht lachen. Er hat geweint, weil es so nahe an der Realität war. Sagt er. Während Page und The Edge eine dokumentierte Vergangenheit vorzuweisen haben greift man bei dem um einiges jüngeren Jack White zu einem Trick. Die Kamera begleitet ihn durch Franklin, Tennessee und man stellt ihm einen gleichartig seltsam gekleideten Jungen an die Seite, der den 9-Jährigen Jack White verkörpern soll und dem der erwachsene Jack White seine Lebensweisheiten vorträgt. Von White erfährt man zum Beispiel, dass er auf der Suche nach seiner musikalischen Identität schließlich bei Rootsmusic und Blues a la Son House fündig wurde und dass er sein Bett zu Gunsten von mehr Freiraum für seine Musikinstrumente aus seinem Zimmer verbannte und stattdessen lediglich auf einer Schaumstoffmatratze nächtigte. Und auf die Idee, sich ein Harmonikamikrofon in deine Gitarre einbauen zu lassen, muss man auch erst mal kommen. Dazu serviert man dem Zuschauer diverse Ausschnitte von Auftritten mit The Raconteurs und The White Stripes, wobei einer davon bemerkenswert ist. Der findet nämlich in einem Altersruhesitz statt, wo The White Stripes in knallroter Bühnenkleidung vor greisen Veteranen musizieren, die sich zu diesem Anlass offensichtlich in ihre ebenso roten Feiertagsuniformen geschmissen haben, wobei man sich beim Anblick dieser Herren fragt, ob die Hörgeräte überhaupt eingeschaltet sind.
Das ganze ist ein kurzweiliges, unterhaltsam-informatives Film- und Musikvergnügen und man ist überrascht, wie schnell die Zeit vergeht, wenn mitten in der Akustik-Jamsession plötzlich der Abspann erscheint. Äußerst interessant wird es dann noch mal im Extrateil der Special Edition, in dem es um so existenzielle Fragen geht, wie, auf welche Weise das Riff von Kashmir entstanden ist oder die von The Edge mit behutsamer Sensibilität als "the most important question" eingeleitete Frage danach, welche Saiten denn nun die anderen beiden Herren benutzen würden, so als würde jemand Miraculix nach dem Rezept des Zaubertrankes (den, der übermenschliche Kräfte verleiht) fragen.
Man kann den Film auf zwei unterschiedliche Arten angucken: klassisch mit Untertiteln oder, wenn man nicht gleichzeitig Film schauen und lesen möchte, in einer deutschen Voice-over-Version. Ich bin da nicht so ein Freund davon, aber diese ist in sofern recht angenehm gelungen, weil nicht permanent über die Originalstimmen drüber gequatscht wird, sodass doch noch ein Rest an Originalität auch für den Betrachter übrig bleibt, der der englischen Sprache nun nicht bis zur Perfektion mächtig ist. So dürfte es doch ein Vergnügen für jedermann sein.