Fleißig, fleißig: nur knapp 6 Monate nach dem letzten eher kommerziellen Studio-Album präsentiert die Dame nun auch noch eine Winter-Weihnachten-Sammlung. Man seufzt - und richtig: Der klagende Opener "What Child, Nowell" mit Glöckchengeklimper im Hintergrund wirkt zunächst klischeehaft kitschig - aber ... naja ... auch nicht wirklich schlecht.
Was dann folgt ist allerdings überraschend: Ein durchaus gelungener Mix aus interpretierten alten Weihnachtsliedern und neuen Kompositionen. Klassische Momente wechseln mit modernen Rhythmen, Pop-Art-Momenten und diese wieder mit altertümlichen Gesängen und Balladen (z.B. "Candle: Coventry Carol") - sogar Swing-Elemente finden sich ("Pink & Glitter").
Und Amos Interpretation von "Es ist ein Ros entsprungen" muß man einfach einmal gehört haben ("Holly, Ivy, And Rose") - klasse.
Wahrscheinlich ist es der Lauf der Dinge, das die gereifte Tori dieses Album nun weit weniger rebellisch als auf den grandiosen ersten Alben aufbaut - es ist eher besinnlich, melancholisch / harmonisch und gefühlvoll. Immer wieder sind altertümliche Momente eingestreut - aber nie wirkt das altmodisch. Leider endet das Album dann noch kitschiger als der Anfang: ausgerechnet mit "Stille Nacht, heilige Nacht" - Ach Tori ... mußte das wirklich sein ? ( ...aber den Amerikanern wird`s wohl gefallen).
Das Amos - oft zitiert - in einer Pastoren-Familie aufwuchs (dabei immer wieder auch bei Gottesdiensten spielte und sang) erklärt m.E. nicht die Hinwendung zu dem Thema "Winter und Weihnachten" - in vielen Voralben behandelt Amos das Thema "Religion" eher kritisch. Die klassische Musikausbildung dagegen erklärt das perfekte Gefühl für Musik und Stimmungen.
Anspieltips durch das weite Spektrum sind z.B. "Star of Wonder", "Snow Angel", "Pink & Glitter"). Dabei sind wirkliche Einzel-Höhepunkte nicht auszumachen. In der Gesamtheit ist jedoch ein überraschend abwechslungsreiches "Winter-Album" entstanden, in welchem sich Tori auf bewährte Tugenden besinnt und diese mit neuen Facetten umsetzt. Positiv sei vermerkt, dass nun das Klavier wieder etwas präsenter ist. Die Elektro-Beats und Loops, die auf dem letzten Album unangenehm auffielen, sind weitgehend verschwunden. Auch die Gesänge von Tori berühren wieder mehr, wirken authentischer und glaubhaft. Auch wenn "Midwinter Graces" weit von der Klasse der ersten Alben entfernt ist, so ist es in der heutigen Musiklandschaft ein wohltuend eigenwilliges Werk, welches vielleicht polarisiert - aber nie langweilig ist. Und es ist auch nicht zu "schmalzig" - trotz des Themas. Dafür gebe ich gerne 4 Sterne. Freue mich schon auf die BD mit hoffentlich viel Bonusmaterial.
Dirk