London - Barcelona - St. Petersburg - Paris. Keine Frage: das New Yorker Multitalent entdeckt in seinen neueren Filmen endlich auch europäische Metropolen und damit vielleicht auch, woher das Flair stammt, das ihm an NYC so gefällt. Wer sich gefreut hat, den Schauspieler Woody Allen glücklich überlebt zu haben, könnte allerdings zum Beginn dieses Films erschrecken. Owen Wilson präsentiert eine nahezu perfekte Parodie des Stadtneurotikers - aber spätestens "Midnight in Paris" ist diese Referenz an Allens frühes Schaffen vergessen.
Welches Paris war/ist das Schönste? Der erfolgreiche kalifornische Drehbuchautor Gil (Owen Wilson, 42) würde am liebsten in den "Goldenen 20ern" leben, zumindest aber sein Leben hier und jetzt in einer kleinen Mansardenwohnung in Paris verbringen und dort seinen ersten Roman verfassen - sehr zum Unmut seiner Verlobten Inez (Rachel McAdams, 32), die eigentlich den gut verdienenden Gatten in Beverly Hills haben wollte und sich dann aber auch ohne großes Zaudern anderweitig orientiert.
Hier beginnt Woody Allen auch schon mit seinen Späßchen für Feinschmecker: während Inez den Ex-Freund Paul (Michael Sheen, 41) beeindruckt anschmachtet, verbreitet der "fundiertes Halbwissen" über Versailles, verbreitet im Brustton der Überzeugung falsche Daten und spricht die Namen falsch aus - nur mit den "Badewannen" hat er (beinahe) Recht. [3] Später sucht er sogar noch Streit mit einer Führerin (Carla Bruni, 43) über Rodin - und liegt natürlich absolut daneben. Allen nimmt hier schon deftig diesen Typ "Angeber mit aufdringlicher Scheinbildung" aufs Korn - jedenfalls für diejenigen, die das merken...
Aber Paul definiert auch das Thema des Films: Die romantische Vorstellung von Menschen, in einer anderen Ära - z.B. im "Goldenen Zeitalter" - wären sie besser zurechtgekommen als in der Jetztzeit.
Und nichts will Inez weniger als ein Bohème-Leben in Paris zu führen. Schon abends gehen die Verlobten getrennte Wege.
IN DER FOLGE WERDEN WESENTLICHE TEILE DER HANDLUNG OFFENGELEGT
Gil irrt also alleine durch das nächtliche Paris. Überraschend wird er um Mitternacht aus einem prachtvollen historischen Peugeot zum Einsteigen aufgefordert. Die heitere Gesellschaft entführt ihn auf eine stimmungsvolle Party - zu Ehren des Gastgebers: Jean Cocteau. Bald geht Gil ein Licht auf, wieso ihm die Namen seiner neuen Freunde - z.B. T.S., Cole, Zelda, Ernest, Joséphine, Henri, Paul, Edgar, Luis, Pablo, Salvador und Gertrude - so bekannt vorkommen. Smart ergreift Gil die Chance, sich Rat zu holen, lässt Gertrude Stein (Kathy Bates, 62) sogar sein Script lesen. So erhält auch eine andere Seite des Kultur-Transfers Raum: Mit großen US-Künstler, die ihre kreativen Jahre in der Stadt an der Seine verbracht haben.
Natürlich bietet Woody Allen dem einsamen Gil im Kontrast zur buckelnden Verlobten eine richtige Frau: Aber die schöne Adriana (Marion Cotillard, 35) hat es mit der "Belle Époque", dem Übergang vom 19. in das 20. Jahrhundert [1]. Einer Zeit, in welcher auch Schnitzlers Traumnovelle angesiedelt war - einiges an diesem Film lässt an Kubricks "Eyes Wide Shut" denken. Wo ist das Problem? Mit Adriana besucht Gil in einem weiteren Zeitsprung das Maxim's - in der Belle Époque.
Adrianas Schwärmen für das "Fin de siècle" konfrontiert Gil mit der Illusion seiner eigenen Nostalgie. Im Hier und Jetzt wartet sein Lieblingsplatz am Flohmarkt, wo noch stets "seine" Cole Porter Platten in Schellack und Vinyl zu hören sind und die schöne Gabrielle (Léa Seydoux, 25) zu sehen ist. Hier schließt sich auch der Kreis der persönlichen Nostalgie des Filmemachers, denn Gabrielle erinnert vom Typ her schon mehr als nur "un petit peu" an die junge Mia Farrow. Aber auch das Leben von heute ist schließlich bei Regen wunderschön und, wie jeder weiß: "Ganz Paris träumt von der Liebe" [2].
ENDE DER HINWEISE ZUR HANDLUNG
Die Concorde Blu-ray von 2011 bietet, wie bei neuen, mit Digital Intermediate nachbearbeiteten Filmen auch zu erwarten, kinoähnliche Bild- und Tonqualität in der Original-Länge von 94 Minuten und dem Fast-Original-Format von 1,78:1 - das diesem Film übrigens eindeutig besser steht als es ein Cinemascope getan hätte. Man muss aber auch zugestehen, dass speziell Nachtaufnahmen vor allem bei Kamerabewegungen deutlich rauschen, vor allem auf DVD. An Tonspuren stehen Deutsch und Englisch in DTS-HD MA 3.0 zur Verfügung. Untertitel werden ebenfalls in Deutsch und Englisch angeboten. Wie schon auf der DVD - die übrigens ebenfalls im Rahmen der Möglichkeiten ordentlich Bildqualität bietet - wird allerdings bei Concorde wieder an Extras gegeizt: gerade mal eben die Trailer passten wohl noch auf die 25 GB Disc.
Nicht gegeizt hingegen hat Woody Allen wieder einmal mit schönen Frauen. Das verleiht dem schon ansonsten durch seine überwältigenden Bilder und die atmosphärische Musik ebenso reizvollen wie in seinen ausgefeilten Dialogen intelligenten Film noch einmal einen besonderen Glanz.
Natürlich badet der Film gekonnt in Nostalgie, unterstützt von Chamois-Tönen, aber auch sonnig gefärbten Impressionen mit überbetonten Farben. Auch der Ton "historischer" Musikstücke wird mit gefilterten Höhen und stumpfen Bässen präsentiert, um sich dem Klangbild alter Aufnahmen anzunähern.
Unter dem Strich bleibt nur tiefe Zufriedenheit über einen traumhaften Filmgenuss. Man muss vielleicht nicht wie Gil bei Regen durch Paris laufen, aber eine schönere Liebeserklärung wurde dieser Stadt im Kino sicher noch nicht gemacht: "Midnight in Paris" ist für diejenigen unter uns, die noch nicht verlernt haben, sich fallen zu lassen, Kino zum Wegschmelzen und Abheben, ein Film zum Verlieben.
film-jury 5* A0846 18.1.2012eg Genre: Komödie | Fantasy | Romanze
[1]Die Wikipedia feiert die Jahrhundertwende gleich als Jahrtausendwende - das ist natürlich falsch.
[2] Der Cole Porter Song "I Love Paris" (aus Can-Can) wurde 1954 von Caterina Valente mit Kurt Edelhagen unter dem Titel "Ganz Paris träumt von der Liebe" eingespielt.
[3] Zur Hygiene in Versailles: "Das Klo des Königs", Lutz Krusche, Berliner Zeitung
Marion Cotillard (* 30. September 1975 in Paris)
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1998 -* A0000 Taxi
....... R: Gérard Pirès BP: Luc Besson D: Samy Naceri, Frédéric Diefenthal, Marion Cotillard
2006 5* A0761
Ein gutes Jahr....... R: Ridley Scott D: Russell Crowe, Marion Cotillard, Albert Finney
2007 -* A0000 La vie en rose
....... BR: Olivier Dahan D: Marion Cotillard, Gérard Depardieu, Emmanuelle Seigner
2011 5* A0846
Midnight in Paris [Blu-ray]
....... BR: Woody Allen D: Owen Wilson, Rachel McAdams, Marion Cotillard