Wie machen die das bloß? Kaum hat man
Die Korrekturen einigermaßen verdaut, legt mit Jeffrey Eugenides ein weiterer Amerikaner um einen Roman von epischer Wucht vor -- und gewinnt völlig zu Recht den Pulitzer-Preis.
Ähnlich wie bei Franzen geht es um Familienbande, Generationenkonflikte, um amerikanische Träume und Albträume. Außerdem ist Middlesex ein Roman über ethnische Identität und kulturelle Prägungen, weil Callies "kriminell verknallte Großeltern" vor Jahrzehnten aus dem damals griechischen Izmir in die USA geflüchtet sind. Desdemona und Lefty nutzen die Auswanderung, "um sich neu zu erfinden". Das hat für Callie dramatische Konsequenzen, denn "was die Menschen vergessen, bewahren die Zellen".
Zunächst jedoch deutet nichts darauf hin, dass es das Mädchen als "genetischer Kaspar Hauser" zu leidvoller Berühmtheit bringen wird. Nachdem die Familie sich im Detroit der Nachkriegszeit schlecht und recht durchgeschlagen hat, gerät sie ausgerechnet durch den "Krieg in meiner Heimatstadt" -- die blutigen Rassenunruhen Ende der 1960er-Jahre -- über Nacht auf die Sonnenseite.
Das ist einer der eleganteren Kurzschlüsse zwischen globaler Geschichte und persönlichen Geschichten, während das Türkei-Kapitel zuweilen zum historischen Bilderbogen verkommt. Und manch hübsche Ironie wird dadurch getrübt, dass man uns wie begriffsstutzige Schüler mit der Nase darauf stößt. Aber dank dieser kleinen Schnitzer ahnen wir die genialische Kraftanstrengung, mit der Eugenides seine Saga komponiert hat.
Alles in allem wirken die Odysseen vom bäuerlich-frommen Kleinasien ins hippie-hedonistische San Francisco, vom multikulturellen Handelsplatz Smyrna in die Industriemetropole Detroit wie Desdemonas Seidenfäden -- von zarter Hand gesponnen, schwerelos, doch reißfest. Das Spiel mit geschichtsmächtigen Mythen erinnert an Salman Rushdies Mitternachtskinder, die verschlungene, detailfreudige Familienchronik (mit teils hanebüchenen Zufällen) liest sich -- famos übersetzt -- ebenso glatt wie die eines John Irving. Gebannt begleitet man die "zutiefst historische Großmutter" auf ihren Abenteuern im modernen Amerika, verfolgt Callies Romanze ("Sandkastensex") mit einer Schulkameradin.
Das Buch stimuliert Herz und Hirn gleichermaßen: eine Zeitreise aus der mythischen Landschaft Homers in die schöne neue Welt der Genetik; eine anrührende Schilderung pubertärer Irrungen und Wirrungen; eine Studie über Menschen zwischen den Kulturen und eine zwischen den Geschlechtern. Sagenhaft! --Patrick Fischer
Buchnotiz zu : Süddeutsche Zeitung, 07.05.2003
"Anstrengend" und "berührend" heißen die Adjektive, die Gustav Seibt in seiner ausführlichen Besprechung dieses soeben mit dem "Pulitzer-Preis" geehrten Romans einfallen. Für "anstrengend" stehen auch "überambitioniert" oder "uncool", womit Eugenides' Rückgriff und Absicherung durch die griechische Mythologie gemeint ist. "Berührend" hingegen findet Seibt die Geschichte des Erzählers Cal (von Calliope), einem Hermaphroditen; geradezu "cool" und "postpostmodern" sei es, schwärmt Seibt, wie Eugenides diese berührende Außenseitergeschichte zum einen im griechisch-amerikanischen Einwanderermilieu ansiedele und mit den großen Themen seines Landes im 20. Jahrhundert verbinde, und wie er sie zum anderen als "Naturgeschichte einer Familie" auf dem neuesten Stand der Biogenetik erzählt. Dieser naturalistische Strang des Buches gehört für Seibt zum lesbaren Teil des Buches: spannend, anrührend, häufig virtuos und komisch formuliert. Bewundernd äußert sich Seibt darüber, wie es Eugenides schafft, das Determinismus-Thema seines Hermaphroditen mit dem Zeithintergrund der 70er Jahre zu verquicken. Es lässt ihn gnädig über das "überambitionierte Drumherum" hinwegsehen. Seibt vergleicht den Roman mit einem Designeranzug, in den sich der in die Stadt gezogene Provinzler zwängt, um der hippste von allen zu sein: ein Fall von Überanpassung, der bei näherer Betrachtung eine sympathisch menschliche Seite enthüllt.
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Buchnotiz zu : Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.05.2003
Lebensklug, witzig und berührend findet Rezensent Hubert Spiegel diesen "mit viel Spannung erwarteten Roman". Dies gilt für die im Roman erzählte Familiengeschichte ebenso, wie die dort verhandelte Frage, was prägender auf dem Menschen wirkt: Vererbung und Biologie oder Erziehung und soziale Umwelt. Der Roman, in dem der Rezensent auch "die Achterbahnfahrt eines Gens durch die Zeit" dargestellt sieht, beleuchte diese Frage, ohne sie zu entscheiden. Der Roman erzählt, lesen wir, von einem Mädchen, das "wie die Muse des Erzählens" Calliope heißt. Eigentlich sei sie als Mann geboren worden, dessen "primäre Geschlechtsorgane jedoch weiblich wirkten". Der Roman schildert für den Rezensenten dann aber nicht nur die "bewegende Suche eines Heranwachsenden nach seiner geschlechtlichen Identität", sondern auch die Geschichte einer griechischen Familie über mehrere Jahrhunderte, wobei der Rezensent die Verweise auf griechische Abstammung des Helden und klassische Mythologie augenscheinlich genossen hat. Eugenides habe einen Ich-Erzähler gewählt, der bei Bedarf zum allwissenden Erzähler werden "und durch Raum und Zeit" zu reisen vermöge: so sei es von Homer bis zum hermaphroditischen Helden Calliope nur ein Katzensprung.
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Buchnotiz zu : Frankfurter Rundschau, 10.05.2003
Als "höchst raffinierten Entwicklungsroman" würdigt Rezensent Guido Graf Jeffrey Eugenides Roman "Middlesex". Mit der verwickelten Geschichte um den Hermaphroditen Cal Stephanides erzeuge Eugenides die "Suggestion einer Lebenstotalen von schier unendlicher Tiefenschärfe", konstatiert Graf. Was den Roman vorantreibe, erklärt er, seien seine weißen, seine blinden Flecke, seine Unwahrscheinlichkeiten, das Unausgesprochene der Sehnsucht, zwischen den Polen Erziehung und Vererbung nicht entscheiden zu müssen und trotzdem ein Ich aufzufinden. Beeindruckt zeigt sich Graf insbesondere von der Komposition und Sprache des Romans, die Eugenides auf der Basis einer weit ausholenden, alles in sich aufsaugenden Geschichte mit "durchtrainierte Artistik" handhabe. Eugenides geht es nach Ansicht Grafs im Kern darum, zwischen der heutigen Genetik und der klassischen griechischen Vorstellung von Schicksal eine Analogie zu ziehen. Doch anders als in der Ovidschen Fassung des Mythos von Hermaphroditos erscheine bei Eugenides die Frage nach der Identitätsfindung fast nur als eine grammatische, die vom doppelten Geschlecht des allwissenden Erzählers beantwortet werde.
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Buchnotiz zu : Die Tageszeitung, 13.05.2003
Neben Jonathan Franzen zählt Jeffrey Eugenides zu den hochgehandelten US-amerikanischen Autoren, soeben mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Und wie bei Franzen, bemerkt Harald Fricke, ist bei Eugenides keinerlei Ironie, sondern nur "tiefe Wortwörtlichkeit" zu finden. Dafür werde der konfliktreiche Stoff mit außerordentlicher Gelassenheit dargestellt. Denn weder Hetero- noch Homosexualität taugen als Lösung für den Hermaphroditen Cal, der als Mädchen geboren und erzogen wurde und im Verlauf des Romans seine innere Wandlung und Entscheidung für ein Leben "als Mann mit kleinen physischen Mängeln" durchlebt. Das große Thema Eugenides' ist die Transformation, meint Fricke, eingebettet in die Zeitläufte der 20. Jahrhunderts: die Transformation der Eltern von griechischen Einwanderern zu amerikanischen Bürgern, Cals schmerzhafte Adoleszenz und sexuelle Transformation in den siebziger Jahren. Eugenides' Protagonist Cal begibt sich mit seiner Entscheidung für eine männliche Identität und für die sexuelle Selbstbestimmung außerhalb des gängigen Gender-Diskurses, meint Fricke, der an Foucaults großen Hermaphrodismus-Essay erinnert, wonach es das "wahre Geschlecht" gar nicht geben könne. In der Erzählung, im Epos (Calliope war die Muse des epischen Gesangs) schon - für Fricke ein "Glücksmoment der Literatur".
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Buchnotiz zu : Die Zeit, 15.05.2003
Ulrich Greiner wagt es, sich von Jeffrey Eugenides' preisgekrönten Roman derart unbeeindruckt zu zeigen, dass man seine Besprechung beinahe einen Verriss nennen könnte. In dem Roman, dessen allwissender, gottähnlicher Erzähler und Hermaphrodit Cal Stephanides die "Odyssee eines fehlgeleiteten Chromosoms von der Urzeit seiner Vorfahren bis in die Gegenwart des eigenen Körpers verfolgt", gesteht Greiner, ist "vieles lehrreich, einiges amüsant, manches traurig". Doch im Grunde will dem Rezensenten nicht klar werden, worauf das Ganze hinauslaufen soll: Die Erzählung fließt munter vor sich hin, ein Ziel oder eine logische Begrenzung ist nicht zu erkennen, bemängelt Greiner: "Der Roman könnte ebenso gut doppelt wie halb so dick sein, es würde ihm weder schaden noch nützen." In Anlehnung an die Sport Utility Vehicle sieht Greiner in dem 733-Seiten starken Buch so etwas wie einen SUV-Roman, der den Leser mit Allrad-Antrieb durch die Geschichte rauschen und rutschfrei ins "Gebirge der Genetik" und der griechischen Mythologie klettern lässt. "Fahr- und Lesespaß sind nicht gering, obgleich Aufwand und Ertrag in keinem sehr günstigen Verhältnis zueinander stehen", resümiert der Rezensent.
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