Um nicht lange darum herum zu reden: „Middlesex" ist ein wundervolles Buch, das nur einen Haken hat. Man bewegt sich stetig und unweigerlich auf seine letzte Seite zu.
Und dabei ist Jeffrey Eugenides überaus großzügig, was den Umfang seines zweiten Romans betrifft. Auf über 730 Seiten lässt er seine Protagonistin, Calliope Stephanides, die ungewöhnliche und zuweilen bizarre Geschichte ihrer Familie erzählen. Sie beginnt mit der Flucht der griechischen Großeltern vor den Türken 1922 und deren Emigration in die Vereinigten Staaten und endet mit dem tödlichen Autounfall ihres Vaters Milton mehr als 50 Jahre danach.
Calliopes Leben verläuft nicht weiter ungewöhnlich. Sie wächst auf, wie ein Mädchen in einem Vorort von Detroit eben aufwächst. Natürlich sind da noch ein paar andere Einflüsse, denen sie ausgesetzt ist: Die von der hellenistischen Mentalität ihrer manchmal leicht verrückten Verwandtschaft herrühren zum Beispiel. Aber da ist doch etwas, das den ganzen schönen Plan durcheinander bringt. Bis zu ihrer Pubertät wächst sie in dem Glauben auf, ein Mädchen zu sein. Doch mit wachsender Sorge sieht sie, dass ihre körperliche Entwicklung nicht mitziehen will: Sie bleibt flach wie ein Brett, dünn wie eine Bohnenstange und betet erfolglos, dass ihre Periode endlich einsetzen möge. Als Calliope sich in eine Schulfreundin verliebt, entdeckt sie, dass nicht nur ihr Aussehen sich bedenklich entwickelt. Es stellt sich heraus, dass ein hinterlistiges Gen an der Verwirrung Schuld ist...
Mit wunderbarer Fantasie, viel Humor und mit ebenso großer Sensibilität wie Direktheit ausgestattet, schafft dieser Roman eine lebendige, turbulente und tiefsinnige Erzählung, die keinen einzigen Durchhänger hat. „Middlesex" ist außerdem eine Ode an die moralische Unverwerflichkeit sexueller Neigungen und die absolute Entscheidungsfreiheit der Natur in Sachen Liebe.