Jean Pierre Jeunet ist und bleibt der Mann für das "vollkommen andere Kino" in unserer Zeit. Da, wo im "intelligenten Neuzeitkino" alles nach Technik, künstlerischen Neuanfängen und kreativen, noch nie dagewesenen Ideen sucht, kramt Jeunet ganz tief in der Filmkiste von Opa und Oma und findet dort Schätze, deren Glanz und Glitzer wir vermutlich schon seit Jahrzehnten nicht mehr haben funkeln sehen. "Micmacs" ist so ein kleines Filmjuwel. Um in dessen Genuß zu kommen, müssen wir aber ein wenig Geduld aufbringen. Zunächst packt Jeunet uns den "Zuschauer-Koffer" mit allem voll, was wir für das Verständnis der Story brauchen. Dafür benötigt er eine, manchmal zähe und holprige, halbe Stunde. Danach allerdings schickt er uns, mit diesem Koffer, auf eine Reise, der wir nicht widerstehen können und die wir nicht vergessen werden. Phantastisch, kreativ, witzig, schräg, liebevoll, rührend...ja...das trifft es so ungefähr...
Bazil(Dany Boon), der Videothekengehilfe, hat früh seinen Vater verloren. Er wurde von einer Landmine, im Westen der Sahara, in die Luft gesprengt. Seine Mutter landete danach in der Klinik und Bazil im Heim. Jetzt hockt er in die Videothek. Als er dort eines Abends vor die Tür tritt, trifft ihn eine verirrte Kugel in den Kopf. Monate später findet er sich auf der Straße wieder. Die Kugel steckt noch immer in seinem Kopf, seinen Job und seine Wohnung ist er los. Da trifft Bazil Placard(Jean Pierre Marielle), ebenfalls ein Gescheiterter. Der nimmt ihn mit zu seiner "Familie". Einer Ansammlung von Menschen, die direkt aus dem Kuriositätenkabinett stammen könnten. Tambouille(Yolande Moreau) ist das Familienoberhaupt, dann gibt es noch den kleinen, starken Erfinder Petit Pierre(Michael Cremades), die Schlangenfrau Caoutchouc(Julie Ferrier), die menschliche Kanonenkugel Fracasse(Dominique Pinon), das Rechengenie Calculette(Marie-Julie Baup) und den Zitateschmied Remington(Omar Sy). Sie alle wollen Bazil helfen, sein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Bazil kann sich nur an zwei Zeichen erinnern, die in seinem Kopf immer wieder aufleuchten. Die erkennt er bald als die Logos der Waffenfabrikanten Marconi(Nicolas Marie) und Fenouillet (Andre Dussolier) wieder. Bazil ahnt, dass diese beiden Schurken sein Leben, und das Leben seines Vaters, auf dem Gewissen haben. Ein paar Recherchen bestätigen genau das. Also macht sich Bazil, samt seiner neuen Familie, auf einen Rachefeldzug, der(im wirklichen Leben, wie im Kino) seinesgleichen sucht...
Wer aufpasst, erkennt es sofort. Jeunet hat seinen Helden in die Welt Chaplins versetzt. -Micmacs- würde in vielen Szenen auch ohnen Sprache funktionieren. So ausdrucksstark und mächtig sind die Gesten der Schauspieler und die Macht der Bilder, die Jeunet fabriziert. Egal, ob die Augen der Frauen, so wie in besten Stummfilmzeiten, dunkel geschminkt sind, oder Bazil wie dereinst Chaplin mit steifen Beinen vor der Kamera herumstakst. Nebenbei packt Jeunet noch ein paar Anspielungen auf Bogey und Bacall oder -Spiel mir das Lied vom Tod- in seinen Film hinein und lässt ein Auto ins eigene Filmplakat rauschen. Dieser Regiseur ist absolut grenzüberschreitend!
Von dem Moment an, als -Micmacs- die Erzählspur findet, gibt es kein Halten mehr. Traumhaft verspielt wickelt einen die Story ein. Ganz anders als -Die fabelhafte Welt der Amelie- und doch unverkennbar im gleichen Feuer gehärtet. Da gibt es Explosionen, die gigantisch sind; und Küsse, die man nicht vergisst. Da wird getanzt, geliebt, geprügelt und gelacht. -Micmacs- entwickelt sich zu einem Trip, der nicht enden soll.
Ich dachte immer: Kintopp ist tot. Da habe ich mich wohl getäuscht. Gepaart mit wunderbaren Kameraeinstellungen, hervorragenden Schauspielleistungen und einem extravaganten, unglaublich kreativen Regiseur, ist der Kintopp noch immer verdammt lebendig. -Micmacs-! Das sollten sie sich unbedingt anschauen!