Wer ist Mick Jagger?
Einer der ganz wenigen, denen das Attribut >Weltstar< oder >Suprstar< tatsächlich berechtigt bei Nennung des Namens beigefügt werden kann. Künstler, Unternehmer, Intellektueller, Multimillionär, von der Queen zum Ritter geschlagen - sicher, alles richtig.
Aber wer ist Mick Jagger? Der Mensch? Die Person?
Es gibt Biographien, gute und weniger gute, wo Fakten und Lebensdaten zusammengetragen werden und durch Gespräche der Biographen mit Weggefährten auch gelegentlich tatsächlich etwas von der privaten Person durchzuschimmern scheint. Interviews gibt Jagger seit Jahrzehnten routiniert, meist höflich, immer distanziert, ohne einen Blick in sein Innerstes freizugeben - und mit den Jahren auch immer seltener. Und eine Autobiographie, wie Keith Richards wundervolles "Life", wird es von Jagger wohl nie geben. Er winkt jedenfalls grundsätzlich bei der Frage nach selbstverfassten Lebenserinnerungen ab.
Nun liegt dieses Fotobuch mit 72 großformatigen Portraits, in chronologischer Folge von 1964 bis 2008, vor mir, bis auf ein dreiseitiges Vorwort gänzlich ohne Text, und ich kann mich des Eindrucks nicht erwähren, dass dieses Buch mehr über den Menschen Mick Jagger berichtet, als alle Biographien zusammen. Sicher auch über den sich selbst inszenierenden Superstar - denn es sind ausnahmslos Sessions-Fotos von Fotografen die selbst Superstars in ihrem Metier sind. Peter Lindbergh, Anton Corbijn, Andy Warhol, Karl Lagerfeld, Ethan Russel, Bryan Adams, um nur einige zu nennen - aber Jagger ist seit seinem 20. Lebensjahr eine überaus öffentliche Person und wie bei jedem Prominenten, lässt sich jene nicht völlig von der privaten trennen, sonst würde es sich letztlich auch um eine psychisch gespaltenen Persönlichkeit handeln.
Dennoch sind die meisten Abbildungen im Buch sehr nah am Menschen. Das es sich um den Frontmann der Rolling Stones handelt, wird völlig nebensächlich. Man sieht einen Mann, ein Gesicht und gelebtes Leben, Spuren die es zeichnet, authentisches Lachen, die Lust an der Pose, auch an der Provokation, aber auch Nachdenklichkeit, Besonnenheit, Erschöpfung, Anspannung und innere Ruhe.
Ich bin ein Mann, ich kann nicht beurteilen ob Jagger sexy ist, charismatisch ist er allemal. Doch um all das geht es nicht, dazu hätte es dieses Buches auch nicht bedurft. Das Buch, die Foto-Portraits zeigen Leben, Jaggers Leben. Vorausgesetzt man blättert es nicht nur flüchtig durch, sondern nimmt sich Zeit, die Bilder mit Muße zu betrachten. Viel näher wird man ihm vielleicht niemals kommen.