In diesem opulenten, sehr aufwendigen Bildband wird versucht, das geniale Werk des Bildhauers, Malers und Architekten Michelangelo Buonarotti komplett und umfassend darzustellen. Das rechtfertigt den hohen Preis, ob es gelungen ist, ob es überhaupt möglich ist, kann ich nicht beurteilen.
Der Hauptteil des Buchs - das eigentlich schon selbst ein Kunstwerk ist und damit Michelangelo angemessen - ist biografisch gegliedert und reich illustriert. Es schließen sich Verzeichnisse, wie schon erwähnt, mit dem Anspruch vollständig zu sein, seiner Skulpturen, Gemälde, Bauten und Zeichnungen an. Um letztere dürfte das Buch der drei renommierten Kunsthistorikern Zöllner, Pöpper und Thoenes in der undurchschaubaren Welt des Kunsthandels Aufregung verursachen. Etliche Zeichnungen, die bisher unbestritten Michelangelo zugeordnet wurden, werden als Schülerzeichnungen oder gar als Fälschungen bezeichnet. Es ist wohl so, dass die Masse an noch existierenden Michelangelo-Zeichnungen nicht mit historischen Archiven und Verzeichnungen in Einklang gebracht werden können. Schon der Medicifürst Cosimo I. hatte vorausblickend die römische Werkstatt des hochbetagten Künstlers in Rom durch Vasari observieren lassen, damit im Falle des Todes Michelangelos Dinge aus seiner Hand, alle gleichermaßen kostbar, nicht verschwinden würden. Nur einen Tag nach dem Tod des Künstlers soll eine Inventarliste erstellt worden sein, die wegen ihrer Dürftigkeit den Zorn des Fürsten erregt haben soll. Damals wurde bereits gemutmaßt, dass Michelangelo eigenhändig und wiederholt Zeichnungen verbrannt hatte, die er im Nachhinein als schlecht geraten oder unzureichend ansah. Vielleicht wollte er auch nicht, dass die Nachwelt erfuhr, wie mühsam es auch für ihn war, sein Werk zu schaffen. Historische Quellen scheinen diese Aktionen zu belegen.
Michelangelos Atelier in Florenz, das er die letzten drei Jahrzehnte seines Lebens nicht mehr benutzt hat, soll, nach Einschätzung vieler namhafter Kunsthistoriker, ebenfalls keine Fundgrube für Zeichnungen gewesen sein. Nun, da die meisten von uns wohl kaum im beneidenswerten Besitz eines Schnippselchens aus dieser genialen Hand sein dürften, braucht uns dieser Streit auch nicht sonderlich zu interessieren oder gar zu belasten. Sollen sich die Leiter von Museen und Sammlungen, Kunstspekulanten und Historiker weiter darum kümmern.
Wir können in diesem Buch einfach nur schwelgen. Vielleicht ersetzt es gar Bildungsreisen nach Italien, wenn man sich den Strapazen von "Städtetouren" nicht mehr aussetzen will oder kann. Allerdings sollte man noch genügend Kraft in den Armen und Händen haben. Es ist gar nicht so leicht, dieses Konvolut über eines der beiden Genies, die die Renaissance hervorgebracht hat, auf den Tisch zu hieven.
Bleibt noch zu erwähnen, dass das Buch nicht nur optisch viel zu bieten hat, sondern auch sehr viel über Michelangelos Leben berichtet. So sehr er eine Lichtgestalt in der Welt der Kunst war, so dürftig erscheint uns sein Alltagsleben. Sein innerer Kompass, der stets auf Schönheit und Vollkommenheit ausgerichtet war, muss ihm beim eigenen Anblick als nicht versiegende Quelle des Schmerzes gedient haben. Sein Charakter hatte ebenfalls so hohe Hürden aufgestellt, dass er das dahinter liegende Land des Vergnügens und Wohlbefindens nie betreten konnte. Ich glaube nicht, dass seine Aversionen gegen da Vinci nur künstlerischer Natur gewesen sind. Man kann einen anderen auch um etwas beneiden, was man selbst gar nicht haben will. Sicher ist, dass Michelangelo immer die absolute Kontrolle über sein Leben und Werk behalten wollte. Auch davon erzählt dieser wunderbare (Bild)band, der viel zu schön und interessant ist, um als repräsentatives, ja protziges Geschenk im Bücherschrank von Unberührten zu verstauben. Ich wünsche ihm viele leidenschaftliche Betrachter und Leser, die nicht das Dollarzeichen, bzw. in heutigen Zeiten wohl eher das Eurozeichen in den Pupillen haben. Nichts gehört uns auf Dauer. Der Mann, dem es gelang, so lange im kollektiven Gedächtnis der Menschheit zu bleiben, wusste das.
Helga Kurz