Seit fast zwanzig Jahren nicht mehr im TV, und jetzt endlich auf DVD: "Michael Strogoff" von 1976, in 4 Teilen. Als Kind habe ich diesen Mehrteiler das erste Mal gesehen und war absolut fasziniert, vor allen Dingen von Raimund Harmstorf als Kurier, den tollen Kämpfen und besonders der großartigen Musik. Das Titelthema hatte ich selbst nach 20 Jahren noch immer unverändert im Ohr. Der Eindruck, denn diese Verne - Verfilmung auf mich gemacht hat, war sogar so groß, dass ich damals im Fasching sogar als Michael Strogoff verkleidet ging - nur um festzustellen, dass niemand wußte, WER das war.
Vor diesem Hintergrund rechnete ich fast damit, jetzt als Erwachsener von dem einstigen ZDF-Weihnachts-Vierteiler enttäuscht zu sein, aber das war nicht der Fall. Immer noch packt die Geschichte des Geheimkuriers, der, vor dem Hintergrund des Tatarenaufstandes von 1870 ,mit einer Warnung an den Großfürsten, unerkannt und ohne Hilfe von Moskau nach Irkutsk reisen muß, von Europa nach Asien, eine Strecke fast viermal so weit wie vom einen Ende Europas zum Anderen - ein schier unmögliches Unterfangen - und eine Reise die ihn mitten durch die feindlichen Linien der Tataren führt. Gejagt zudem von der russischen Polizei , der er sich nicht zu erkennen geben darf, findet er eine perfekte Tarnung in seiner Reisegefährtin Nadja, die er als seine Frau ausgibt.....
Spannung pur! Trotz einigen aus heutiger Sicht darstellerisch und fotografisch ungelenker Stellen, und einer leider nicht immer lippensynchronen Synchronisation, nach wie vor ein faszinierendes Abenteuerspektakel, bei dem man sich magisch in alte Zeiten zurückversetzt glaubt. Die Besetzung der Hauptrollen (Harmstorf, Lorenza Guerrieri, Valerio Popesco)ist überzeugend, wobei besonders Harmstorf heraussticht, dem es gelingt Strogoff nicht nur (aber auch) als mitreißenden Kraftmenschen zu zeichnen, sondern ihm auch feine, sensible, leidenschaftliche Nuancen zu geben vermag, immer wieder seine innere Zerissenheit ob der Opfer die sein Auftrag fordert spiegelnd. Bemerkenswert auch sein - sogar besonders für heutige Verhältnisse - enorm hoher physischer Output, der ihn auch gefährlichste Actionsequenzen ungedoubelt meistern ließ. Herausragend die unvergeßliche, treibende Musik von Vladimir Cosma ("La Boum - Die Fete" 1980), ebenso wie der großartige , leicht psychedelisch angehauchte Vorspann, das hätte Saul Bass nicht besser gemacht.Positiv zu vermerken ist auch der überwiegend geglückte Versuch - im Gegensatz zur Romanvorlage - die Tataren und ihre Motive (v.a. über den Demokraten Ogareff) ein wenig zu verstehen, und sie nicht als bloße Untermenschen darzustellen. Ärgerlich hingegen die Anmaßung der damaligen deutschen Bearbeiter beim ZDF, namentlich Walter Ulbrichs (unter dem Pseudonym Robert Brandau), die leider ungeniert das Finale aus dem fertigen Film herausschnitten. Zwar ist die Begründung, die Ballszene sei nach dem dramatisch - tragischen Finale stilistisch völlig unpassend,bis zu einem gewissen Punkt nachzuvollziehen und wahrscheinlich sogar richtig, nur kommt das Ende dadurch so abrupt, dass der Pfusch für jeden Zuschauer spürbar wird. Dass die Beziehung zwischen Nadja und Strogoff in der Schwebe bleibt mag tatsächlich besser sein, jedoch dass einige Figuren bzw. Handlungsstränge gänzlich auf der Strecke bleiben, namentlich die beiden Journalisten Jolivet und Blount (immerhin große Rollen, die in allen 4 Folgen erheblich beteiligt waren), sowie Nadjas Vater, die einfach verschwinden und nie wieder auftauchen (weil eben die letzte Szene fehlt) - ist unverzeihbar. Das nimmt dem Film eine zusammenfassende Schlußkoda und zerstört buchstäblich in letzter Minute in stümperhafter Form die dramaturgische Gesamtkonzeption des Mehrteilers. Und zwar nicht aufgrund einer Entscheidung des Regisseurs oder des Cutters, sondern weil die Verantwortlichen beim ZDF es so wollten. Da diese Deleted Scene auf der DVD leider auch fehlte'(eine untertitelte Fassung hätte genügt), sowie kaum Extras beigefügt waren und auf andere sprachfassungen ganz verzichtet wurde, mußte ich leider einen Stern abziehen. Nichtsdestotrotz - unbedingte Kaufempfehlung! FAZIT: Großartige, sehr aufwändige Abenteuerunterhaltung mit starkem nostalgischem Einschlag und mitreißendem Hauptdarsteller. Die bis heute mit Abstand beste Verfilmung von Vernes "Kurier des Zaren"!