Hallo! Ich habe den Knabenchor aus Hannover bisher nur ein mal "live" erleben dürfen, und zwar 2006 mit Rutters
Magnificat in der Meistersingerhalle zu Nürnberg. Zwar habe ich den Chor durch die einschlägigen Medien schon vorher
intensiv verfolgt, so gut es eben ging, aber spätestens seit diesem Konzert bin ich "Fan".
Da ich leider bisher nie die Zeit gefunden habe, den Knabenchor einmal bei einem "Heimspiel" in Hannover
zu besuchen, bin ich auf die CD-Produktionen angewiesen.
Die "Michaelisvesper" habe ich mir kurz nach Erscheinen bestellt, gestern kam sie endlich an - gleich ausgepackt und
ab in den CD-Player. Was dann folgt, sind 80 Minuten Genuss. Bereits nach einigen Augenblicken schließe ich die Augen
und wähne mich im 17. Jahrhundert, während die Gregorianik-Schola mit dem "Veni, sancte Spiritus" die Vesper eröffnet.
Im folgenden stellen sämtliche Künstler ihr volles Können unter Beweis: das Gambenkonsort "Sirius Viols" um ECHO-Gewinnerin Hille Perl,
der Bremer Lautten Chor mit dem weltberühmten Lee Santana, die Bläser des Johann Rosenmüller Ensemble und der Knabenchor
Hannover brennen ein wahres musikalisches Feuerwerk ab und vermögen es, gemeinsam mit dem Zuhörer eine packende Zeitreise an den Vorabend
des Michaelisfestes zu unternehmen. Der Chorklang ist extrem musikalisch: warmweicher Stimmklang und eine schier unfassbare
Vielfältigkeit an dynamischen Abstufungen machen den Knabenchor Hannover zu etwas ganz besonderem. Ein wahres Highlight sind die vielen
Knabensolisten, die den Hörer immer aufs Neue mit ihrem Können verzücken. Das "Venite, cantate in cythara Deo" mit einem
fantastischen Knabensopran (Tim Schepan) und Hans-Jörg Mammel (Cantus Kölln) stellt die fantastische musikalische Ausbildung der Kinder unter Beweis.
Und wenn beim "Hymnus" Hille Perl und André Olszowy (Knabensopran) sich in feinen, silbrigen Klängen umweben, bleibt die Zeit stehen.
Nachdem die CD mit dem fulminanten "Amen" endet, bleibe ich noch ein paar Minuten sitzen und lasse das Gehörte sacken. Ein musikalisches Erlebnis sondergleichen.
Ich packe das liebevoll gestaltete Booklet aus - ein exakter Überblick über alle Mitwirkenden, verziert mit tollen Fotos von allen Vokalsolisten. Dazu ein
fantastischer Artikel über die Hintergründe der eigens für diese CD rekonstruierten Michaelisvesper. Nach dem Beenden der Booklet-Lektüre bin ich begeistert und
zufrieden, eine derartige Perle der alten Musik auf Tonträger konserviert zu besitzen.
Fazit: Eine grandiose Interpretation der unglaublich intensiven, emotionalen und glaubensbekräftigenden Musik von Michael Praetorius. Wer sich die Zeit nimmt, für 80 Minuten (oder vielleicht auch länger)
in die musikalische Welt des 17. Jahrhunderts einzutauchen, der wird begeistert und mit veränderten Maßstäben zurückkehren. Ein Muss für jeden Liebhaber geistlicher Chormusik!