"Jedem das Seine geben: Das wäre die Gerechtigkeit wollen und das Chaos erreichen."
(Friedrich Nietzsche)
Wer kennt nicht Kleist (1777-1811) und sein ungestümes Denken aus der preußischen Herkunft. Ausbrechen aus der Tradition der Familie und der klaren Ordnung sind seine Ambitionen, die insbesondere in der Frage einer narzisstischen Ausprägung vor allem im kurzen Essay über das Marionettentheater Beachtung finden. Hier im Michael Kohlhaas und in der Person des Kohlhaas selbst (1810 erschienen) findet man die Überspannung von Recht und Gerechtigkeit im Zeichen der Ohnmacht. Die Frage, ob Recht eine persönliche Ausprägung findet, die sich im Handeln entladen darf oder ob eine objektive Gerechtigkeit zu ertragen ist und letztendlich dieser zu dienen ist, wird von Kleist bravourös behandelt.
Gerade im Kleist-Jahr erscheint diese aus dem 16. Jahrhundert geholte Geschichte wieder von Bedeutung. Im Zeichen der Willkür, des Terrors und der Überzeugungstat der heutigen Zeit wird Kleist aktuell. Welche Mittel sind rechtens, um Missetaten und Unrecht selbst zu sühnen? Ist der Betrug mit Pferden eine Frage der Selbstjustiz oder eine Frage der Gerichtsbarkeit?
Diese Frage bewegt Michael Kohlhaas und er entscheidet sich für ersten Weg. Dieser Weg ist ein Weg der Verwüstung und des Todes, ein Weg, der doch endet in den Händen der Gerichtsbarkeit und auf dem Schafott. Was ist der Mensch, der dieses tut? Wie ist die Gesellschaft, die diesen prägt? Wie ist die Erziehung, die den Menschen bildet? Aktuelle Fragen um die Selbstjustiz und doch ein Gedanke mehr.
Denn man kann in Kleist jenen Dichter sehen, der die Moderne und vor allem deren Meinung, die Vernunft würde mit Kant das menschliche Sein zukünftig bessern, Lügen straft. Es ist bereits im Erscheinungsjahr 1810 bekannt, dass Vernunft den besseren Menschen macht. Kant und seine Schriften sind von Vielen ventiliert und verständlicher aufbereitet. Fichte hat das ICH entdeckt, Schiller mit Kallias oder über die Schönheit. Über Anmut und Würde / Über das Erhabene eine Auseinandersetzung mit Kant geschrieben. Dass Kleist im Kohlhaas auch einen Narzisten erschuf, scheint eindeutig. Die Psychologie verwendet gerade diese Novelle, wenn es um Narzissmus geht. Und gerade in der kohlhaaschen Selbstüberhöhung findet man den Beweis: Er nennt sich : "einen Statthalter Michaels, des Erzengels, der gekommen sei, an allen, die in dieser Streitsache des Junkers Partei ergreifen würden, mit Feuer und Schwert, die Arglist, in welcher die ganze Welt versunken sei, zu bestrafen" und fühlt sich berufen, das "Werk Gottes, Unordnungen Einhalt zu tun" zu vollenden, denn "seine Seele sei auf große Dinge gestellt". Die Welt hat sich seit dem Beschluss, Unrecht durch Rache zu vergelten, nur um ihn gedreht. Und alles genährt durch die Kränkungen, sei es mit den Pferden oder sei es vor Gericht.
Narzistische Störungen sind sicherlich nah mit der Frage des sexuellen Störung (vgl. Freud) verbunden. Kleist verwendet in allem Sex und /oder Gewalt als Hauptthemen. Hier scheint es eher die Gewalt zu sein, und doch ist Kohlhaas Begegnung mit der alten Frau nicht ohne Bedeutung. Sie nimmt ihn als Bote zur Übergabe eines Zettels, die beiden schließen einen Pakt, wenn man so will und man könnte eine tiefe ödipale Übereinstimmung darin lesen. Dass dieser Zettel, der mit Mundlack überzogen ist, am Ende, um nicht veröffentlicht zu werden, von Kohlhaas gegessen wird, ist zugleich eine andere Bedeutung. Mundlack haben nur Hostien und in der metaphysischen Verfügbarkeit des ewigen Lebens vor dem Tod durch dieses Symbol zeigt Kohlhaas zum letzten Mal, dass die Welt nicht bestimmt, sondern er selbst, auch wenn es nur im überhöhten Sinn eine Botschaft hat.
Der Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer. Ist es nicht dieses Goya Bild, welches die Umkehrung zeigt, wie eben jener Kleist sich selbst erkennt in dem Moment, wo er merkt, wie gefährlich er sich selbst gegenüber ist? Kleist zeigt auch in der Person des Kohlhaas ein besonderes Selbstbild, eines, welches bereit ist, seine Kränkung in Gewalt aufzulösen. Die narzisstische Wut wie die Kränkungsverarbeitung sind nicht besser darzustellen wie in diesem Mann, der als gütiger, ehrlicher Mann scheitert an der Verarbeitung von erlebten Ungerechtigkeiten und so zum Mörder und Richter in eigener Sache wird. Mit welcher Resilienz muss ein Mensch ausgestattet sein, um sich und seine narzisstische Prägung zu überwinden? Vielleicht kann man Kleist auch als psychologischen Pionier lesen, wie der Psychologe Schmidbauer einmal mutmaßte.
Eine wahre Kleist-Story im Jubiläumsjahr.
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