Kleist ist mit dem 'Michael Kohlhaas' eine bemerkenswerte Erzählung gelungen und auch eine ebenso bemerkenswerte (und dialektische) Studie über die Themen Gewalt, Recht und die Wege des Schicksals, die Wege einer Entscheidung.
Doch vor allem ist ihm mit Michael Kohlhaas ein Symbol gelungen, das über den eigentlichen Text hinausweist. Und so ein Symbol in Worten zu lesen, in dem ganzen Text, der es hervorbrachte, ist immer gleichsam befriedigend und enttäuschend. Denn ein Symbol bedarf nur eines Wortes oder zwei, und eines Gefühls - nicht aber eigentlich eines ganzen Textes. Wer je Oedipus gelesen hat, kann das vielleicht am Besten verstehen. Wie groß sind die Tragik dieser Figur und das ihrer Idee innewohnende Genie, wie unvergänglich das Gefühl, dass dieses Symbol ins uns hervorruft!
Und solch Genie hat auch die Idee eines Michael Kohlhaas, eines Mannes, der Gerechtigkeit verlangt und dabei über alle Instanzen und bald darüber hinausgeht, immer unter der Beobachtung der Idee von Gerechtigkeit.
Doch wie viel darf das Individuum fordern, wie hoch darf der Preis für das rechtmäßig Zustehende sein? Und wenn das Recht nicht gerecht ist, in wie fern ist es Recht nach eigenem Recht zu verfahren, um die Korruption auszugleichen? Was ist dabei ein 'vertretbarer Kollateralschaden', wie weit geht man für die Idee Gerechtigkeit und wie weit für sein Recht?
Dies alles sind nicht Fragen dieser Erzählung, aber sie entstehen aus ihr. Kleists Geschichte selbst ist die Geschichte des Mannes Michael Kohlhaas, nicht mehr und nicht minder spannend und schwankend zwischen Hoffnung und Unvermeidlichkeit, als andere Erzählungen von Kleist (Wer mehr über die Erzählungen Kleists erfahre will, lese meine Rezension zu
Sämtliche Erzählungen). Über sie hinaus weisen nur der Mythos der Idee selbst und ihre Konflikte auf der höheren abstrakten Ebene.
Man mag meinen, dass es leicht wäre, so ein Symbol, eine Idee zu erfinden, doch dass ist es nicht. Alles an dieser Erzählung gibt Anstöße zum Nachdenken, Umschreiben, etc., wie das bare Leben selbst. Das Kleist wohl tatsächlich nach realen Vorbild gehandelt hat, ist dabei nicht von Belang. Es ist die authentische Nähe und die durch viele Blickwinkel kaleidoskopisch anwachsende Bedeutung der Handlung in jedem einzelnen Schritt. Kohlhaas Weg zu verfolgen, heißt dem Schicksal der Entscheidungen zu folgen, die er, die Menschen treffen. Allein deswegen sollte man Michael Kohlhaas lesen. Denn es offenbart sich hier neben einer kühnen Geschichte auch ein Teil des Lesers selbst.