Zuerst einmal bin ich teilweise erstaunt über einige Rezensionen, die mich zweifeln ließen, ob ich auch wirklich dasselbe Buch gelesen habe !!
Ich habe mir dieses Buch jetzt erst vorgenommen, nachdem ich mehrere andere Biografien sowie conspiracy und redemption gelesen habe, alle Interviews und Pressekonferenzen sowie performances und Konzerte von MJ auf DVD gesehen habe.
DIE ERSTE HÄLFTE DES BUCHES
ist meiner Meinung nach relativ sachlich. Viele Informationen, die die Hintergründe des musikalischen Werdeganges beschreiben. Sehr viele unterschiedliche Familiensituationen, die Michael geprägt haben. Vor allem Manipulation der Mutter, wenn es darum ging, im Sinne der restlichen Familie MJ zu Dingen zu überreden, die er überhaupt nicht wollte.
Das ergab dann das Desaster der Victory Tour, das mir durch dieses Buch vollkommen klar wurde. Auch die Zahlen über die Vertragsverhandlungen und damit einhergehende Probleme bei der Konzertorganisation sind für mich absolut interessant gewesen. Die Unstimmigkeiten mit dem Kartenverkauf, die eine Pressekonferenz zur Folge hatten und MJ fast zum Explodieren gebracht hätten.
Außerdem die Rolle von Katherine bei der zum wirklichen Leben vollkommen gegensätzlichen religiösen Erziehung. Die ständige Untreue des Vaters, das ausschweifende Sexualleben der Brüder - Michael wollte als 14-jähriger sogar Mädchen davor bewahren, von den Brüdern in einem extra Appartment zu einem one night stand abgeschleppt und dann fallengelassen zu werden. (Was sagt uns das ?)
Sehr chronologisch erzählt, gut in Kapitel aufgeteilt, sehr detalliert und flüssig geschrieben.
Sehr gut kommt auch der mutige Mensch MJ zum Vorschein, der Geschäftsmann wird und eine genaue Vorstellung davon hat, was er will. Leider dann auch seine andere Seite - sensibel - manipulierbar - mit Schuldgefühlen gegenüber seiner Familie belastet, die von ihm abhängig ist. Seine bedingungslose Liebe zur Mutter, die ihn immer wieder verrät.
MJ ALS HEULSUSE
Aber in diesem Teil beschreibt der Autor MJ auch als totale Heulsuse, die ständig heulend ins Zimmer läuft, nichts verkraften kann und irgendwie gestört erscheint. Überhaupt heulen da dauernd alle möglichen Leute und auch noch Männer (wenn auch aus taktischen Gründen), die MJ zu Verträgen überreden wollen. Das ist dann doch zu viel. Wir wissen alle, das MJ sehr widersprüchlich war: aber ein verzogenes Kleinkind wird er im Alter von 19 bis 20 Jahren doch nicht gewesen sein.
Der Autor bewertet auch schon zu Anfang die Schönheitsoperationen negativ, zeigt deutlich, dass die Hautkrankheit von MJ vorwiegend durch das Bleichen und dadurch selbstverschuldet verursacht sei (was ja nicht mal die Ärzte wissen) und dringt auch zu sehr in Privates ein.
Immer wieder zeigt Taraborelli aber auch Verständnis für die Schwierigkeiten, die MJ hatte aufgrund der besonderen Situation und seines Starseins und dass wir, die wir ein ziemlich normales Leben führen, uns nicht mit einem Künstler wie diesem vergleichen können und über seine Entwicklung urteilen können. (wer weiß, wie wir geworden wären - einen Künstler kann man nur mit einem Künstler vergleichen)
CHANLDER-AFFÄRE/LISA MARIE
Was sehr schlecht dargestellt ist, ist die Chandler-Affäre. Taraborelli hätte das strukturierter angehen müssen und seine Zweifel, ob MJ schuldig oder nicht war, gehören nicht in eine sachliche Biografie oder er hätte seine Zweifel näher begründen müssen. Die Beschreibung der Ereignisse geschehen nicht aus der Sicht MJ`s.
Das Kapitel über Lisa Marie ist sehr interessant, wenn es denn stimmt. Gut aufgebaut, informativ, wohltuend aber auch traurig, da es nicht hielt.
MICHAEL VERSTECKT SICH
Was ich unpassend und unsachlich finde, ist die Beschreibung einer Situation, in der Evan Chandler (der anklagende Vater) seinen Sohn Jordie in seinem Zimmer besucht.Michael Jackson hätte sich dann in einer Ecke des Zimmers verkrochen und solange aus Angst vor dem Erstkontakt mit dem ihm fremden Evan versteckt, bis der ihn entdeckte. Hallo ??? Diese Episode kann Taraborelli ja nur von Evan selbst geschildert bekommen haben, und wir wissen ja nicht mal bis heute, ob dieser Mensch Michael erpresst hat und ein Lügner war. Warum steht diese Szene, die von so einem fragwürdigen Erzähler berichtet wurde, überhaupt in einer Biografie und lässt MJ bizarr und verrückt erscheinen ? Ein Armutszeugnis für Sachlichkeit, wie ich finde.
Natürlich könnte man gerade über Michael Jackson, wenn man nun ausschließlich Interviews und Telefonate mit ihm selbst als Grundlage nehmen würde, nur ein Buch mit maximal 100 Seiten schreiben. Er hat ja nicht vieles erzählt und das war teilweise auch nicht wahr.
Deshalb ist schon klar, dass Taraborelli sich auf andere Quellen stützen musste. Das ist in Ordnung, darf aber nicht in einem Schreibstil abdriften wie aus "dem Winde verweht". Es gibt Szenen, da kommt man sich plötzlich wie in einem Roman vor mit viel Interpretation rundherum und Hinweisen auf die Zukunft und trivialem Geschwätz.
DIE ZWEITE HÄLFTE DES BUCHES
lässt deutlich nach. Vieles wird interpretiert, ist gar nicht mehr aufgrund Kontakten mit MJ selbst entstanden und hat immer mehr persönliche Beurteilungen vom Autor zur Folge. Immer wieder schätzt er allerdings das künstlerische Vermögen von MJ sowohl als Komponist, als auch Performer, ist dort sehr gerecht.
Die wohltätigen Aktionen von MJ bleiben allerdings vorrangig unerwähnt.
TRENNUNG VON LISA/ DIE ZWEITEN ANSCHULDIGUNGEN/ DIE ANKLAGE
Dass er die Probleme von MJ, als es zur erneuten Anklage kommt, auf das Verhalten und die Persönlichkeit von MJ zurückführt(obwohl er ihn definitiv für unschuldig hält) ist gut erklärt, gerecht und nachvollziehbar, zumindest für mich. Auch dass Lisa sich zuvor aus denselben Gründen unter diesen Umständen von MJ trennen musste kann der Leser verstehen. Irgendwie auch die Entscheidung mit Debbie. Wütend wurde ich wieder mal über die Rolle der Mutter Katherine: sie warf MJ's Leben komplett über den Haufen mit der Forderung nach der Hochzeit mit Debbie. Diese Mechanismen beschreibt Taraborelli ausnehmend gut.
TIEFPUNKT DES BUCHES
Die Umstände um den Prozess 2005 sind zu kurz dargestellt, die wenigen Szenen aus dem Gericht nicht nachvollziehbar ausgewählt und der absolute Tiefpunkt des Autors kommt nach dem Gewinn des Prozesses:
Taraborelli schrieb, dass man während des Prozesse das Gefühl hatte, MJ sterbe vor den Augen der Prozessbeobachter sozusagen einen langsamen Tod und sei vollkommen unter Medikamenteneinfluss und hätte nicht mal realisiert, dass er freigesprochen wurde.
Und dann beschreibt er, wie er wütend auf MJ wurde, sogar nichts mehr von ihm wissen wollte
- weil MJ seiner Familie, die ihm so (selbstlos ?) zur Seite gestanden hat, den Rücken kehrte und nach Bahrain geflüchtet ist
-weil MJ einer Reunion Tour mit den Brüdern negativ gegenüber stand, weil er nicht dankbar war
- weil er nicht mit seinem Leben aktiv weitergemacht hat.
Ich kanns nicht glauben - zwar wurde dem Autor später klar , dass MJ keine Kraft mehr hatte - aber das muss ich als Prozessbeobachter doch gleich mitbekommen haben !!
Weiter irritiert mich, dass Taraborelli zu seinen Journalistenfreundinnen in den Danksagungen auch Maureen Orth und Diane Diamond anführt:
Maureen Orth hat 1993 den strip search Untersuchungsbericht von MJ in die Kamera gehalten - das damals am besten gehütete Dokument in den ganzen USA!! Woher die Sauberfrau den hatte fragt sich wörtlich Jochen Ebmeier in seiner Biografie:das Phänomen)
Diane Diamond hat 2005 mit Tom Sneddon (Anklagender Staatsanwalt) eine Absprache über die exklusiven Berichterstattungsrechte (samt Filmerlaubnis) aus dem Gefängis ausgehandelt, falls MJ verurteilt worden wäre. Dies hat Aphrodite Jones("conspiracy", auf ihrer Website geschrieben !)
Am Ende trauert Taraborelli sehr medienwirksam und Verkaufzahlen erhöhend über den Verlust von Michael. Sein letzter Satz klingt allerdings aufrichtig: dass er sich eine Welt ohne Michael Jackson nicht vorstellen kann
Ich würde die erste Hälfte des Buches mit 4-5 Punkten weiterempfehlen, aber danach wird das Ganze unglaubwürdig und unsachlich, wird einer Biografie überhaupt nicht gerecht.