Fernab des R'n'B und der Beatkonstruktionen vom Vorgänger LOOSE meldet sich Nelly Furtado endlich mit ihrem vierten Album MI PLAN zurück. Sie singt darauf nur in Spanisch. Das stellt Fans erst einmal gehörig auf die Probe, erreicht die tiefgründige Sängerin die meisten Anhänger weltweit mit Englisch. Dazu klingt das Album kompositorisch sehr fremdartig. Als Mitteleuropäer wird man bestimmt schwer Zugang zu den ausgefallenen Melodien, die nicht nur südliches Flair verbreiten, finden. Damit knüpft sie an ihr zweites Werk FOLKLORE an, das vom Einsatz der Instrumente her und durch die ungewöhnlichen Arrangements sehr exotisch klingt. Das finde ich lobenswert: Nelly macht die Musik, die ihr am Herzen liegt, nicht die, welche die breite Masse hören will. Ansonsten würde MI PLAN wohl wie ein zweites LOOSE klingen, mit dem sie international Höhenerfolge verbuchen konnte. Nein, sie hat sich dagegen entschieden und so ihre Fans beibehalten. MI PLAN wirkt total bodenständig und verspielt. Es zeigt wieder einmal die Wandlungsfähigkeit und Experimentierfreudigkeit der Sängerin auf. Auch wenn MI PLAN weder die magische Anziehungskraft und Eingängigkeit von LOOSE hat oder nur schwerlich die Ausdrucksfähigkeit des tiefgründigen FOLKLORE erreichen kann, gönnt man Nelly diese Art, sich musikalisch neu auszudrücken. Spanisch ist schließlich eine schöne Sprache. Besonders schön sind im Einzelnen diese Tracks:
MANOS AL AIRE: Die erste Singleauskopplung, die in Deutschland ein Hit wurde und in der ersten Chartwoche sofort auf der 5 einstieg, bleibt im Ohr haften. Nelly singt hierin über eine Liebe voller Kontrolle. Einer der Liebenden ist damit höchst unzufrieden, kann aber nicht anders als die Person zu lieben und wirft, ohne Waffen ausgefahren zu haben, die Hände in die Luft als Zeichen der Machtlosigkeit. Nachdenklich ist das Album also alle Mal.
BAJO OTRA LUZ (CON JULIETA VENEGAS Y LA MALA RODRIGUEZ): Sehr schön anzuhörende Strophen, die mit einsetzenden Synthies begleitet werden, leiten zu einem frech klingenden Refrain. Man merkt Nelly deutlich an, wie viel Spaß ihr die Aufnahme des Song mit den zwei Gastsängerinnen bereitet hat. Meiner Meinung nach die beste Nummer auf MI PLAN.
VACATIÓN: Beim ersten Durchlauf extrem merkwürdig anzuhören. Der Refrain erinnert an Volksmusik, da offensichtlich ein Akkordeon verwendet wurde. Damit kehrt Nelly zu ihren folkloristischen Wurzeln zurück. Wenn man es zulässt, kann dieser lustige Track wirklich fruchten. Ohrwurmpotenzial hoch 10, Anspieltipp Nummer 2.
FUERTE: Eine der wenigen Up-Tempo-Nummern auf MI PLAN. Orientalisches Flair ist in dem fetzigen Track zu vernehmen. Man kann schon davon sprechen, dass Kulturen aufeinanderprallen, wenn man ansonsten konventionelle Popmusik hört. Aber schon nach ein paar Mal Hören habe ich persönlich den Titel liebgewonnen.
Ebenfalls hören lassen können sich der sommerliche Titeltrack MI PLAN und die Balladen MÁS (höchstwahrscheinlich zweite Singleauskopplung) und FELIZ CUMPLEANOS. Letztgenannte führt in einen sogenannten Hidden Track, einem versteckten Titel also, der FANTASMA heißt und eine weitere flotte Up-Tempo-Nummer darstellt.
Die Gestaltung der CD-Hülle ist äußerst gelungen. Nicht nur sind lobenswerterweise alle Songtexte im Poster-Booklet abgedruckt. Auf der anderen Seite ist nämlich eine kecke Fotoserie von Nelly abgebildet, dessen einzelne Aufnahmen im Polaroidfotoformat gerahmt wurden. Optisch die mit Abstand schönste Veröffentlichung von Nellys bisherigen Alben.
Fazit: Man kann Nelly Furtado nicht vorwerfen, dass sie Musik macht, die die breite Masse ansprechen soll. Ihr vorheriges Werk LOOSE erscheint nun endlich im rechten Licht. Als kalkulierten Kommerz kann man den Vorgänger nun nicht mehr abtun. Der Erfolg war reiner Zufall. Nelly Furtado macht eben die Musik, die sie anspricht. Diese Leidenschaft kann man auch auf jedem einzelnen Track des aktuellen Albums MI PLAN vernehmen. Das Album macht Spaß und zeigt ein für alle Mal, dass Nelly eine ambitionierte Sängerin und eigentlich eher zufällig im Popgewerbe gelandet ist. Ihre Individualität hat sie dadurch nicht verloren, ganz im Gegenteil, sie hat sie sogar noch verfeinert. Man mag dem neuen südlichen Sound mit den befremdlichen Arrangements zuerst nicht trauen, aber die Eingewöhnungsphase ist wirklich kurz. Schon bald wird man MI PLAN lieben lernen.