Im Wechselbad der Diskurse
Simone de Beauvoir als Gegenstand der Forschung
Von Judith Klein
Ein literarisches oder philosophisches Werk bleibt lebendig, wenn es sich definitivem Wissen entzieht. Um Simone de Beauvoirs Leben und Werk wirbeln seit ihrem Tod im April 1986 die unterschiedlichsten Diskurse: sie wurde von den einen als eigenständige Denkerin gewürdigt und von den anderen als Anhängerin einer männlich geprägten Philosophie entlarvt.
Ihr Tod im Jahre 1986 hat die Forschung von hemmenden Vorgaben befreit; einige hatte Simone de Beauvoir selbst in die Welt gesetzt etwa die Behauptung, sie sei zwar literarisch, nicht aber philosophisch kreativ gewesen. Abgesehen davon, dass sich solche Abgrenzungen «postmodern» in Frage gestellt sehen, wird Beauvoirs Beitrag zur Philosophie heute nicht mehr auf ihr Verhältnis zu Sartre reduziert. Amerikanische Forscherinnen lasen ihre philosophischen und literarischen Texte neu und bezeichneten die Unterschiede: Während Sartre den Begriff der Freiheit aus der Möglichkeit der Subjekte ableitete, ihrer Situation einen Sinn zu geben, womit er ein autonomes Bewusstsein voraussetzte, hob Simone de Beauvoir in den vierziger Jahren also lange vor Sartre die Möglichkeit eigener Praxis als Prüfstein von Freiheit hervor: Freiheit werde in Unterdrückungssituationen zur blossen abstrakten Möglichkeit . . .
«PHALLOZENTRISMUS»?
Es blieb nicht aus, dass einige über die Stränge schlugen: Simone de Beauvoir habe das Herzstück des Existentialismus die Theorie des Anderen und des Bewusstseins in ihren Romanen «vorgedacht», bevor Sartre es in die traditionelle Theorie umsetzte. Die Stilisierung Simone de Beauvoirs zur Vorreiterin des Existentialismus ist als Reaktion auf ihre jahrzehntelange Verbannung aus der Philosophiegeschichte durchaus verständlich; die «sensationellen Enthüllungen» verbergen aber sowohl den Kern der intellektuellen Symbiose zwischen Beauvoir und Sartre als auch die Prägung der Philosophin durch die Institutionen des französischen Bildungssystems, wie beispielsweise Toril Moi sie in ihrem 1994 erschienenen «Simone de Beauvoir. The Making of an Intellectual Woman» aufgedeckt hat.
Klischees haben auch neofeministische Theoretikerinnen in die Welt gesetzt. Insbesondere in Frankreich warfen sie Simone de Beauvoir Teilhabe am «phallozentrischen» Denken vor; als eine Variante männlicher Philosophie entlarvten sie die Idee des sich selbst transzendierenden Subjekts, wie sie Sartre formuliert hatte. Beauvoir nun habe das existentialistische Modell, die rigide Zweiteilung von Transzendenz und Immanenz, übernommen; traditionelle weibliche Daseinsweisen und Werte habe sie als der Transzendenz nicht fähige verworfen. Diese Sicht sei, so stellten die französischen «Denkerinnen der Differenz» fest, Ausfluss des Patriarchats und spiegele die Unterdrückung der Frau wider. Die Kritikerinnen Beauvoirs argumentierten von zwei entgegengesetzten Positionen aus: sie vertraten entweder einen unhistorischen Essentialismus, der die weibliche Differenz absolut setzt, oder einen «Hyperkonstruktivismus», der das Individuum als Konstrukt des Diskurses, als blossen Effekt versteht und ihm keine Möglichkeit des Selbstentwurfs und der Verantwortung mehr einräumt. Die Erkenntnis aus Beauvoirs «Anderem Geschlecht», dass ein Mensch nicht als weibliches Wesen geboren, sondern dazu gemacht werde, wurde also zum einen negiert, zum anderen derart zugespitzt, dass jede autonome Handlungsmöglichkeit erlischt.
Amerikanische Forscherinnen wiesen darauf hin, dass auch die französischen Neofeministinnen ihre Theorie im Fahrwasser von Männern entfalteten, ja diese sogar nachahmten: wie Lacan und Derrida den «Übervater» Sartre gestürzt hätten, so stürzten sie die «Übermutter» Beauvoir . . . Wichtiger aber war die These der Amerikanerinnen, dass Simone de Beauvoirs Werk für die postmoderne feministische Theorie durchaus noch von Bedeutung sei. Indem es Weiblichkeit als gesellschaftlich gemachte «dekonstruiere», erschüttere es die existentialistische Idee des sich selbst bestimmenden autonomen Subjekts. Sonia Kruks versuchte in einer Neulektüre, die postmoderne Dekonstruktion des Subjektbegriffs mit der existentialistischen Idee des Selbstentwurfs und des verantwortlichen Handelns zu verbinden. Der Angelpunkt ihrer Argumentation ist der Begriff der Situation, mit dem Beauvoir nicht nur den Einfluss der kulturell konstruierten Bilder und das Gewicht von Sozialstruktur und Sozialisation, sondern auch den Spielraum für autonomes Denken und Handeln meinte. Ein Begriff von Transzendenz, der die Dekonstruktion der Bilder des Weiblichen und die Ausbildung einer neuen Differenz vereinbart, zeichnet sich ab.
QUELLENSTUDIUM STATT MORALISMUS
Die postume Veröffentlichung der «Briefe an Sartre», des «Kriegstagebuchs» und anderer Texte durch Sylvie Le Bon de Beauvoir öffnete neue Horizonte. Anders als jenseits des Atlantiks war die Rezeption in Frankreich und Deutschland von einem überheblichen moralischen Komparativ und von Verleumdung geprägt. «Kein Wort über den Krieg», hiess es «kein Sinn für den Wortlaut», hätte geantwortet werden können. Es mag schwierig sein, sich in das Wechselbad von Leiden und Glück, das Simone de Beauvoir während des Krieges erlebte, hineinzudenken, vielleicht weil man sich eingestehen müsste, dass etwas anderes kaum möglich ist. «Das Grauen ist immer jenseits», hatte sie am Anfang des Krieges festgestellt und damit einen faszinierenden und zugleich erschreckenden Gedanken über das Leben, jedes Leben, formuliert: der Gefahren und Dramen sind wir stets inne, aber wie wenn sie jenseits des Alltags und des Alltäglichen sich ereigneten. Die Sartre- und Beauvoir-Forscherin Ingrid Galster beschäftigt sich seit längerem mit Beauvoirs Haltung während der Besatzungszeit. Als engagiert erscheinen zu dieser Zeit nicht Beauvoirs Handlungen sie nahm ja weder an der aktiven Résistance teil, noch schenkte sie der Verfolgung der Juden besondere Aufmerksamkeit , sondern allenfalls ihre allgemein republikanische Haltung und ihre schriftstellerischen Projekte. Ihre Ambiguität anzuerkennen und die Diskrepanzen zwischen den Memoiren und den «rohen Dokumenten» wie Briefen und Tagebuch unpolemisch aufzudecken heisst, ihr Werk und ihre Biographie in die Nähe lebendiger Subjektivität zu rücken. Ingrid Galster hat einige der Sendemanuskripte aufgespürt, die Simone de Beauvoir nach ihrer Suspendierung vom Unterricht und schliesslichen Entlassung aus dem Schuldienst für «Radio Nationale», den Vicky-Rundfunk, verfertigte. Fruchtbarer als moralischer Rigorismus ist solch sachliches Quellenstudium.
Genau lesen: darum ist heute auch die literaturwissenschaftlich orientierte Beauvoir-Forschung in Frankreich bemüht. Sie untersucht beispielsweise die Einflüsse des amerikanischen Romans oder die literarische Umsetzung philosophischer Positionen im Werk Beauvoirs. Die 1966 geschriebene, erst 1992 postum veröffentlichte Erzählung «Missverständnisse an der Moskwa» wurde bisher von der literaturwissenschaftlichen Forschung nur wenig berücksichtigt. Dies kleine Werk bündelt nicht nur die literarischen Kunstgriffe und Themen der grossen Werke Beauvoirs, es kann auch als Parabel der europäischen Intellektuellen dieses Jahrhunderts gelesen werden: voll Sehnsucht nach Macht und Einfluss, ähneln sie doch Touristen, die vom Leben der Einheimischen ausgeschlossen sind und ihre Sprache nicht sprechen. Die beiden Protagonisten der Erzählung besuchen die Sowjetunion und kommen schliesslich es ist das Jahr 1966 dort an, wo auch wir heute gestrandet sind: am Ort der Privatheit als letztem Hort der Sinngebung. Menetekel oder wohltuende Einsicht?