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Seine Grundthese: Die Welt ist komplexer und vernetzter, als uns unser Intellekt und unsere evolutionsbedingten oder erlernten Denk-, Entscheidungs- und Handlungsmuster erschließen. Daraus leiten sich zahlreiche Fehlhandlungen ab, ob sie langfristige Strategie und planvolles Vorgehen betreffen oder „richtiges" Entscheiden-Müssen unter Zeitdruck. „Dass man mit den besten Absichten schlimme Folgen produzieren kann, bedeutet ja, dass man nur über ungenügende Einsichten in die herrschenden Verhältnisse verfügt". Dörner legt seinen Untersuchungen simple Thesen zugrunde, die er schrittweise um so folgenreicher entwickelt. Dabei verknüpft er philosophische Fragen (Was ist Realität) mit Systemtheorie, Mathematik, Psychologie und Verhaltensforschung. „Menschen kümmern sich üblicherweise um Probleme, die sie haben, nicht um die, die sie noch nicht haben". Natürlich, logisch, simpel, trivial - aber was hat diese Erkenntnis für Folgen bei der Zielfindung, beim Planen und Handeln? „Man stellt sich einen neuen, bislang unbekannten und zukünftigen Sachverhalt so vor wie den entsprechenden, bereits bekannten." oder "Der intuitive Umgang mit nichtlinear verlaufenden Wachstumsprozessen fällt uns allen recht schwer, und wir sind gut beraten, in solchen Fällen nicht auf Intuition, sondern eher auf die Mathematik zu vertrauen".
Dörner analysiert, wie es zum Unfall in Tschernobyl kommen konnte, warum unvernetzt praktizierter Umweltschutz mehr Schaden anrichtet als kein Systemeingriff, warum dogmatische Weltbilder in dynamischen Systemen zu selektiver und damit verschobener Realitätswahrnehmung führen oder warum Weltbilder auf Basis reduktiver Hypothesen so beliebt sind - im Klartext, was so tröstlich an Verschwörungstheorien ist. Wer sich ideologisch an Dörner reiben will, findet hier ebenso Zündstoff wie der Manager, der sich Erkenntnisse für seine Arbeit erwartet. Fazit: Brillante Gedanken bedingen nicht auch brillantes Lesevergnügen. Aber die Mühe lohnt sich.
Auch die psychologischen Tricks, die der schwache Mensch so anwendet, um trotz offensichtlichen Scheiterns noch ein Selbstwertgefühl zu behalten. Zum Beispiel angesichts offensichtlicher Katastrophen von der Realität abheben oder zynisch werden, in blinden Aktionismus verfallen, nichts aus Erfahrungen lernen, resignieren, Verschwörungstheorien erstellen...
Man bekommt Verständnis für ungute politische Entwicklungen, die trotz offensichtlicher Schieflage nicht von den Verantwortlichen abgeändert werden. Manche der Versuchsszenarien kommen mir schrecklich realitätsnah vor.
Schön auch, wie Dörner aufräumt mit dem Aberglauben, wir Menschen würden nur 10% unseres Gehirns nutzen: Es läuft auf Erden keine einzige vierbeinige Spezies herum, die dauernd ein ungenutztes fünftes Bein mit sich herumschleppt, das nur darauf wartet, zum Einsatz gebracht zu werden, damit nun erst richtig gesprintet werden kann.
Ein lesenswertes Buch mit viel Erkenntnisgehalt und Unterhaltungswert. Dazu recht preisgünstig.
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