Wo 'Morphium' aufhört, macht 'Mezzanotte - Lieder der Nacht' weiter: Es ist Nacht, es ist düster, die Turmuhr schlägt und durch den Stadtpark wandeln Liebspaare unter den Lichtern der Laternen, aber auch Gauner und ewig Suchende tummeln sich im bleichen Licht des Mondscheins. Jedes Lied - mit Ausnahme des von Marlene Dietrich einst interpretierten 'Illusions' - dreht sich auf diesem Album um die dunklen Stunden der Nacht und das macht höllisch Spaß. Wie keinem anderen gelingt es Ulrich Tukur wieder einmal absolut authentisch kaum und wenig bekanntes Liedgut einer Zeit herüberzubringen, in der die Nacht eben nicht nur zum Schlafen da war. Trotz großer Orchestrierung hat das nichts, aber auch gar nicht mit Max Raabe zu tun, der diese Art von Musik fast schon karikiert. Nein, Tukur 'lebt' diese Musik und man glaubt ihm bei jeder Note, dass er so unheimlich gerne fünzig oder sechzig Jahre früher geboren worden wäre.
Anspieltipps sind der Opener 'Mitternacht, Mitternacht', das neu komponierte und von Tukur getextete 'Die Großstadt träumt' und das unglaubliche Duett mit der 90-jährigen Margot Hielscher 'Hörst Du das Meer' - da stockt einem der Atem.
Einen Stern Abzug muss ich schweren Herzens trotzdem geben: Die französischen und italienischen Lieder passen irgendwie nichts so recht ins Gesamtbild, da wären mir doch einige deutschsprachige Songs, von denen es ja offenbar noch zahllose aus dieser Zeit gibt, lieber gewesen. Den hervorragenden Gesamteindruck dieses Albums soll dies aber nicht schmälern.