Wenn es je eines überzeugenden Beweises für die intellektuelle Unredlichkeit und ideologische Überfrachtung der universitären Disziplin "Geschlechterforschung" bedurft hätte, könnte das hier vorliegende, selbsternannte "Standardwerk"dieses Bedürfnis perfekt befriedigen: Was hier als Wissenschaft verkauft wird, ist Ideologie in Reinform und könnte als praktische Anleitung zu einem Kurs in monokausaler Welterklärung dienen.
Die Analysekategorie "Geschlecht" hat sich in den letzten Jahren als wichtiges und notwendiges Forschungsfeld in den Geschichte und Kulturen analysierenden Fächern etablieren können, aus denen sie heute nicht mehr wegzudenken ist. Die den Individuen einer Gesellschaft offenstehende Möglichkeiten und Verbote sind - als einer von mehreren Aspekten - auch geschlechtsspezifisch festgelegt gewesen. Gerechtfertigt wurden gesellschaftliche Regeln, Zwänge und Restriktionen mit vermeintlich natürlichen Eigenschaften. Plakative Beispiele: Weil Frauen weniger rational dächten und häuslich orientiert seien, beschränkte man ihren Zugang zu den Universitäten. Weil Männer als gewalttätiger gelten, kann man sie zum Kriegsdienst heran ziehen, während man Frauen, denen man pazifistische Eigenschaften zuspricht, davon befreit. Grundlage der Disziplin ist die Beobachtung, dass solche Vorstellungen nicht geschichts- und kulturenübergreifend Gültigkeit haben. Die Vorstellungen, wie Männer und Frauen seien, waren immer stark zeitkontextabhängig und sind in verschiedenen Gesellschaften sehr unterschiedlich ausgeprägt. Diese Unterschiede enthüllen den konstruierten Charakter geschlechtlicher Zuschreibungen, was es lohnend erscheinen lies, zu untersuchen, wer "Geschlecht" jeweils in welcher Weise konstruiert und welche realen Eigeninteressen dahinter stecken könnten.
Kann man der Fragestellung deshalb ein durchaus ernstzunehmendes Erkenntnisinteresse attestieren, ist die reale Praxis, wie sie in diesem Machwerk zutage tritt, so eindeutig ideologisch überformt, dass von Wissenschaft im strengen Sinne nicht mehr die Rede sein kann. Wissenschaft ist u.a. dadurch gekennzeichnet, dass sie ihre Prämissen jederzeit zur Disposition stellt, was in diesem Fall nicht geschieht: Die Prämisse der allgegenwärtigen Unterdrückung von Frauen durch Männer ist vielmehr zum Dogma erhoben worden, das es in vielfältigster Weise zu verifizieren gilt. Das Ergebnis ist ein so eindimensionales Welt- und Geschichtsverständnis, dass die Fragen schon dem völligen Laien förmlich in die Augen springen. So findet sich in diesem Lexikon beispielsweise unter dem Eintrag "Gewalt" ausschließlich die "Gewalt gegen Frauen". Frauen selbst finden gerade noch als "Mittäterinnen" Erwähnung, kommen als autonom agierende Täterinnen jedoch nicht vor. Männliche, tatsächlich nicht selten schwerwiegende Genitalverletzung findet ebenso keine Erwähnung, wohl aber weibliche, wobei die Bedeutung der von Frauen perpetuierten Traditionen für die Beschneidung von Mädchen hier vollständig unter den Tisch gekehrt wird, um das Klischee vom Mann als allein verantwortlichen Täter aufrecht zu erhalten.
Einträge zu historischen Themen bezeugen die mangelhafte Auseinandersetzung mit dem gegenwärtigen Stand der Forschung in eklatanter Weise. Das Phänomen der europäischen Hexenverfolgung beispielsweise ist mittlerweile gut genug erforscht und überdies zu komplex, um in ein simples, die tatsächliche Dynamik dieser Ereignisse verzerrende oder direkt verfälschende Interpretation a la "Männliche Kirche gegen Weise Frauen" gepresst zu werden. Rechtfertigung für das Nicht-zur-Kenntnis-Nehmen nichtfeministischer Literatur bildet die Unterstellung vom patriarchalen Charakter der Forschung, deren Regeln und Kriterien man schon aus diesem Grunde nicht zu übernehmen meinen braucht, da sie "von Männern gemacht seien und daher dazu dienten, männliche Vormacht zu stabilisieren". Männliche Benachteiligung, wie sie ja ebenfalls vorkommt, wird generell nicht zur Kenntnis genommen; feminismuskritische wie männerrechtliche Positionen gelten - wo überhaupt erwähnt - als reaktionär, ohne dass eine inhaltliche Beschäftigung mit der Kritik stattfände. Erwähnenswert scheint nur, was feministische Positionen stützt, heterodoxe Ansichten, wie neuere Erkenntnisse zur Geschlechterverteilung an sexueller und häuslicher Gewalt, sexuellem Missbrauch, sozialer Problematik, wo sie nicht allein Frauen betrifft etc. werden ausgeklammert.
Der Umstand, dass es auch weniger ideologische Forschungsarbeiten gibt, die in diesem Buch jedoch keine Erwähnung finden, rehabilitiert die Disziplin, macht aber auch deutlich, welches die vorherrschenden Positionen sind. In Anbetracht der Tatsache, dass dieses Lexikon auch sehr oft als erstes Nachschlagewerk empfohlen wird, erscheint eine Warnung angebracht. Politisches Sendungsbewusstsein, ideologische Tendenziösität und sachliche Einseitigkeit lassen das Buch weniger zu einer Faktensammlung als zum Ausgangspunkt skeptischer Fragen werden. Für quotengeförderte Berufsbenachteiligte ist es Pflicht, für den denkenden Rest eine Zumutung.