Kaum ein Jahr nach dem sehr erfolgreichen Debüt erschien mit "Methods of silence" das zweite Album von Camouflage. Zwar dominierten immer noch elektronische Instrumente, bei genauerem Hinhören offenbart sich jedoch eine erhebliche Erweiterung des instrumentellen Spektrums. Die geschickte Mischung moderner und klassischer Instrumente brachte ein harmonisches, gegenüber dem Debüt jedoch andersartiges, weil weicheres und filigraneres Album hervor, das nicht annähernd die Eingängigkeit seines Vorgängers erreicht. Das es trotzdem recht erfolgreich war, scheint erstaunlich und dürfte zu großen Teilen dem Überhit "Love is a shield" zu verdanken sein, der sich beispielsweise in Deutschland ein halbes Jahr in den Top-100 hielt.
Der Opener "One fine day" besticht durch eine ansprechende Melodie und gute Stimmenarbeit. Eben diese, zusammen mit vorsichtigen, fast kleinteiligen Instrumentierung weist bereits auf die Filigranität, die das gesamte Album durchzieht. Das wohlbekannte "Love is a shield" zieht das Tempo deutlich an. Text, Melodie sowie eine simple, aber doch ausgefeilte, passende Instrumentierung schaffen eine perfekte Mischung aus künstlerischem Anspruch und Eingängigkeit. Schön ist auch der gegenüber der Single-Version erweiterte Abschluss, der den Titel auf eine mir bis heute unklare Art aufzulösen scheint, obwohl er relativ abrupt endet. Das folgende "Anyone" ist relativ konventionell, aber dennoch angenehm und vereint melodisch leichte Melancholie mit vorsichtigem Optimismus.
"Your skinhead is the dream" kehrt die Stimmung um. Der verhaltene Optimismus des Vorgängers wird zu Traurigkeit, ja fast Depression, Licht wird zu Dunkelheit. Ein gesprochener Dreizeiler sowie erste, vorsichtige Klänge leiten den Titel ein. Es folgen zwei Teile, von denen der erste vollkommene Traurigkeit ausbreitet, während der zweite sich in Depression und Aufgabe zu verlieren scheint. Für mich ist dieser Titel die Verkörperung der Filigranität des Albums und ich persönlich muss mich immer entscheiden, entweder das Klangbild insgesamt zu betrachten, oder mir - wie mit einer Lupe - eines der Instrumente zu erwählen, und seinem Weg durch den Titel zu folgen. Überragend!!
"On Islands" hellt die Stimmung wieder auf - dieses Cover beginnt mit Gitarren und wird im weiteren Verlauf durch Synthie-Klänge erweitert. Ein sehr gelungener Titel dessen Text eine eindeutige Botschaft vermittelt. Das folgende "Feeling down" ist in gewisser Weise der kraftvollste Titel des Albums, obwohl auch er mit einer komplexen, filigranen Instrumentierung aufwartet. Ein sehr gelungenes Stück, das als Single vielleicht eine Chance hätte haben können. "Sooner we think" führt wiederum in die Dunkelheit. Tempo und instrumentelle Komplexität werden herausgenommen und in Langsamkeit und Ruhe überführt. Vorsichtiger Stimmeneinsatz und zurückgenommene Instrumente bahnen sich ihren Weg durch ein dunkles Tal vollkommender Entspannung. Hier zeigt sich, wie aus Beschränkung Stärke werden kann. Toll! "A picture of life" zieht das Tempo an, die Drums sorgen für Spannung während das traurige Schicksal eines AIDS-Kranken erzählt wird. Traurig-Schön!!
Das folgende "Les rues" markiert einen konzeptionellen Bruch und führt in experimentelle Gefilde. Sehr eigen und nicht sofort zugänglich, entfaltet es jedoch nach mehrmaligem Hören einen hohen Charme. Zusammen mit dem folgenden, nur halbminütigen "Rue de moorslede" bildet es jedoch eine eigene Einheit, die leider nur beschränkt mit dem Rest des Albums interagiert und dieses auch relativ abrupt beendet.
Dieses abrupte Enden des Albums könnte durchaus als ein bedeutender Minuspunkt gewertet werden. Ein weiterer, abschließender Titel hätte dem Album sehr gutgetan. Dennoch ist "Methods of silence" trotz dieser unbestreitbaren Schwäche ein sehr gutes Album, das in gediegener Weise künstlerischen Anspruch mit Eingängigkeit vereint. Leider war es das letzte Album, das größere Beachtung bei der Zuhörerschaft fand und sehr oft ertappe ich mich bei Überlegungen, wie der weitere Werdegang der Band hätte aussehen können, wäre der Nachfolger "Meanwhile" nicht derart minimalistisch und unzugänglich ausgefallen. Das schlimme dabei ist: rückblickend betrachtet steht "Methods of silence" hier in einer recht klaren Entwicklungslinie zwischen Vorgänger und Nachfolger. Abgesehen von "Love is a shield" hat die Platte keine wirklichen Hits und wirkt nach erster Betrachtung gegenüber dem Vorgänger stark reduziert. Die wahre Größe des Werkes offenbart sich erst nach mehrfachem Hören. Erst bei ausreichender Geduld und Aufmerksamkeit eröffnet sich die Komplexität der Instrumentierung, die mich, wie bereits erwähnt, dazu einlädt, zu entscheiden, entweder der Gesamtheit der ausgebreiteten Klangteppiche zu lauschen, oder aber nur einem der Instrumente zu folgen. Hinzu kommt die gediegene Stimmenarbeit, die durch subtile Varianz den Unterschieden der einzelnen Titel entspricht.
Abschließend kann ich für mich feststellen: Freunde vordergründiger, rasch eingängiger Musik werden an diesem Album keine Freude haben und es wahrscheinlich sogar langweilig finden. Denjenigen mit Geduld und Aufmerksamkeit sowie der Bereitschaft, durch genaues Hinhören unter einer reduziert wirkenden Oberfläche das Komplexe und Filigrane zu entdecken, sei "Methods of silence" wärmstens empfohlen.